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Wir müssen uns der Geschichte

Wir müssen uns der Geschichte bewusst sein im Sinne einer Orientierung fürs Handeln, im Sinne eines Bewusstwerden der Konsequenzen, die Handlungen - und selbst Ausformulieren und Aussprechen von Gedanken ist Handlung - mit sich bringen, aber wir können nur frei handeln, wenn wir die ganze Last der (das ganze Wissen um) Geschichte ablegen können. Jeder Mensch hat gewisse Verhaltensmuster, die durch Sozialisation, durch Lernen angeeignet werden. Auch die Sprache hat eine Struktur (ein Muster), die es uns einerseites erlaubt, eine sprachliche Form zu finden, in der wir kommunizieren können, die aber andererseits auch in einem (je eigenen) Idiom ausformuliert wird, das für den Dialog hinderlich sein kann (wenn es bespielsweise um die diversen Idiome innerhalb der linken Bewegungen geht, aber auch zwischen diversen politischen Diskursen. Es ist möglich, gleiche Probleme in verschiedenen - politisch geprägten - Terminologien auszudrücken, sodass kein Dialog zustande kommt). Das Lossagen von Geschichte bedeutet nicht in einem selbstvergessenen, dämmrigen Zustand zu handeln, sondern vielmehr, dass man als Handelnde/r nicht den gesamten Geschichtsapekt implizieren kann. Das wäre dann ein Hemmschuh. Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang über die Wichtigkeit des Vergessens, um Handlungsraum zu schaffen. Wenn ich immer nur nach den mir angeeignetet Verhaltens-/Handlungsmustern agiere (und diese niemals hinterfrage), werde ich immer die gleichen Fehler machen und Neuem, Veränderung keinen Platz geben, in mein Bewusstsein und mein Verhalten einzugehen. Darum geht es. Meine persönliche wie die allgemeine Geschichte sind wichtig im Sinne einer Handlungsdirektive, aber wenn ich mir das ganze Wissen um diese Geschichte(n) ständig bewusst mache, wird sie mich am Handeln hindern. Veränderungen können nur durch das Lossagen von Strukturen, von Mustern herbeigeführt werden, durch das Verlassen von eingefahrenen Bahnen.
Gedanken ändern sich ständig. Das ist die Freiheit des Gedankens. Ich kann einen Gedanken nicht festhalten und zum Bleiben zwingen, es sei denn in Form (m)einer Sprache, aber dadurch ändert sich die Form des Gedankens (er wird zum Satz, zur Aussage, zur Handlung). Manche Gedanken kehren wieder, als Ahnung, als Wolkengebilde. Aber kehren sie wieder, weil sie sollen?

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