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Sonntag
Die Wiener Opernkreuzung

Deutlich lockerer sollte sich dann das Ende der Besatzungszeit präsentieren. Denn ab Mitte der fünfziger Jahre tat hier ein Verkehrspolizist seinen Dienst, der legendären Ruf erlangte als „Karajan von der Opernkreuzung“. Freundlich und lächelnd dirigierte er, auf einem Podest stehend, den Verkehr mit ausladenden Armbewegungen, sehr zum Vergnügen von Autofahrern wie Passanten, die oft nur seinetwegen kamen. Karl Schmalvogel, so der bürgerliche Name des Polizisten, war derart populär, dass er zu Weihnachten unzählige Geschenke erhielt, die die Autofahrer ihm aus dem Fenster überreichten und die er zu seinen Füßen stapelte. Endgültig zur Berühmtheit avancierte er sodann durch seine Heirat mit der Kammersängerin und Operndiva Ljuba Welitsch, die er als Beteiligte an einem Verkehrsunfall kennengelernt hatte ((6)).

Das bauliche Ambiente hatte sich inzwischen ziemlich gewandelt. Zwar war die Staatsoper im November 1955 wiederhergestellt und neu eröffnet worden, das teilweise zerstörte Meinl-Haus wurde abgerissen und 1957 neu errichtet, ebenso der abgebrannte Heinrichhof, an dessen Stelle seit 1959 der Opernringhof steht. Der Verkehr selbst stieg mit der einsetzenden Motorisierungswelle rapide an. Bei den Zählpunkten, die die Verkehrsplanung des Magistrats im ganzen Stadtgebiet etablierte, war die Opernkreuzung eine der wichtigsten Stellen. Hier verzeichnete man im Jahr 1951 rund 11.000 PKW pro Tag, zehn Jahre später waren es bereits 42.000 (Kreuzer 2006, S. 69;  Weigl 2012)! Deutlicher konnte man die radikale Veränderung, die das Auto für die ganze Stadt bedeutete, nicht auf den Punkt bringen.

Die Konsequenzen waren auch akustischer Natur, weshalb man an der Opernkreuzung regelmäßig Lärmmessungen durchführte. Erhalten ist ein bemerkenswertes Tondokument aus dem Jahr 1961, das den Verkehr des 8. Oktober, Sonntag Vormittag, wiedergibt. Vor einer durchgehenden, brummenden Lärmkulisse zeichnen sich die rollende und klingelnde Straßenbahn, vor allem aber die in rascher Folge wiederkehrenden Hup- und Motorgeräusche von Autos und Motorrädern ab. Sie sind es, die den Ort akustisch dominieren ((7)).
Der Polizist war mittlerweile in einen rundum verglasten Verkehrsturm verbannt, von wo er aus erhöhter Position einen besseren Überblick hatte und sich vor Lärm und Abgasen schützen konnte. Unfälle, insbesondere mit den Massen an Fußgängern und Fußgängerinnen, die nach wie vor die Kreuzung querten, waren weiterhin an der Tagesordnung, ja im Steigen begriffen. Allein im Jahr 1954 waren es 80 (Kreuzer 2006, S. 74). Weshalb man beschloss, die Passantenströme in den Untergrund zu verlagern. Die Errichtung der Opernpassage bescherte den Wienern und Wienerinnen zwar eine riesige Baustelle, doch konnte mit ihrer Eröffnung im November 1955 der Negativtrend der Unfallzahlen gestoppt werden (Payer 2010, S. V).
Auch die 1974 erfolgte Umwidmung der Kärnter Straße zur Fußgängerzone brachte eine nachhaltige Änderung der Verkehrsströme, ebenso die später erfolgte Anlage einer Tiefgarage. Deren warm-stickige, durch die Lüftungsgitter in der Mitte der Kärnter Straße nach oben entweichende Abluft kann wohl ironisch als olfaktorische Quintessenz dieses Stadtraumes bezeichnet werden. Die technische Infrastruktur an der Oberfläche ist heute enorm. Mehr als 30 Verkehrsschilder, an die 20 Ampeln, unzählige Bodenmarkierungen, Poller, Beleuchtungskörper und Überwachungskameras verdeutlichen die beeindruckende Komplexität des, nicht zuletzt aus touristischer Sicht, herausragenden Ortes. Diese in den Griff zu bekommen, war und ist eine Herausforderung der besonderen Art.

((1)) Vgl. http://www.stadtfilm-wien.at/film/144/ (Zugriff am 4. 5. 2012). Hier finden sich auch  weitere Informationen und Analysen zum Film.
((2)) Vgl. dazu die Abbildung im Archiv von imagno/brandstätter images: http://www.imagno.at/webgate/preview.php?UURL=a8bc77d441e7b1c7fa9e4eac27... (Zugriff am 4. 5. 2012).
((3)) Posting im Online-Standard vom 8. Februar 2007, http://derstandard.at/2759555 (Zugriff am 4. 5. 2012).
((4)). Der Zebrastreifen,  entwickelt nach Schweizer und britischem Vorbild, sollte sich erst in den 1950er Jahren durchsetzen.
((5)) Vgl. dazu etwa die Ausschnitte im Film „Alltagsleben“, http://www.stadtfilm-wien.at/film/144/ (Zugriff am 4. 5. 2012).
((6)) http://www.heute.at/news/oesterreich/wien/Verkehrspolizist-der-ein-Publi... (Zugriff am 30. 5. 2012).  Ähnlich populär war der Verkehrspolizist Josef Lukits, der an der Kreuzung Babenbergerstraße/Burgring seinen Dienst versah und „Toscanini von der Babenberger Kreuzung“ genannt wurde (vgl. Auto-Touring, 15. Februar 1956; Bild-Telegraf, 20. März 1956; Kurier, 27. Dezember 1981). In Erinnerungen von Zeitzeugen wurden Lukits und Schmalvogel später oft verwechselt (vgl. etwa Kronen Zeitung, 1. Jänner 1982; Thomas Chorherr, Die Post und die Zeichen, in: Die Presse/Spectrum, 11. Dezember 2009).
((7)) Phonogrammarchiv – Österreichische Akademie der Wissenschaften, Arch.Nr. 6016.

Verfasser / in:

Peter Payer
dérive – Verein für Stadtforschung

Datum:

Sun 27/01/2013

Infobox

Der Essay von Peter Payer ist erstmalig im Jänner 2013 in der  Zeitschrift Derive, Ausgabe 50 mit dem Schwerpunkt: STRASSE erschienen und wird mit freundlicher Genehmigung des Autors auf www.gat.st veröffentlicht.

Peter Payer, Historiker und Stadtforscher, Bereichsleiter im Technischen Museum Wien. Zahlreiche Publikationen, zuletzt: Der Donaukanal. Die Entdeckung einer Wiener Stadtlandschaft (gem. mit Judith Eiblmayr, 2011), Eduard Pötzl. Großstadtbilder. Reportagen und Feuilletons, Wien um 1900 (hg. und kommentiert von Peter Payer, 2012).

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