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Bericht
sonnTAG 178

Identitäten entdecken und stärken

Die Stärkung der ländlichen Identität ist Grundlage für die Entwicklung des ländlichen Raumes. Zukunft werden die europäischen Regionen nur dann haben, wenn ihre BewohnerInnen voller Stolz sagen: Es macht Spaß, auf dem Lande zu leben.

In ganz Europa leben Menschen aus Überzeugung in Dörfern und ländlichen Regionen. Sie verzichten auf die scheinbaren Vorzüge der Stadt. Warum? Nur weil sie ihre Heimat lieben? Wertschätzen sie - im Gegensatz zur Anonymität der Stadt - vorwiegend das Gefühl der Geborgenheit in einem überschaubaren sozialen Netz? Bevorzugen sie die kooperierenden (Dorf-)Gemeinschaften im Gegensatz zu den konkurrierenden Individuen in den Städten? Prägt ihre Grundeinstellung die lokale Verwurzelung, die Herkunft oder die Liebe zur Natur? Wo kommt jene Übereinstimmung zwischen Lebensentwurf und Umfeld auf dem Lande her, die landläufig als Identität und Identifikation bezeichnet wird? Wohl selten wurden die Begriffe Identität und Identifikation so oft bemüht wie im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert. Doch was steht gerade für den ländlichen Raum dahinter?

Der ländliche Raum funktioniert anders
Die Identität des Menschen besteht darin, dass ein Mensch von anderen Menschen unterscheidbar ist und dieser als derselbe identifizierbar bleibt, auch wenn er sich verändert. Dieses Unterscheiden vollzieht sich in einem beständigen Wechselspiel von „Dazugehören“ und „Abgrenzen“. Ein äußeres Merkmal einer bestehenden Gruppenidentität als sein eigenes Wesensmerkmal anzunehmen, ist ein fortwährender, wechselhafter Prozess, der zu einer Vielzahl von Identitäten auf oftmals sehr unterschiedlichen Erfahrungsebenen führt.

Das Dorf: emotionale und mentale Identität
Auch wenn das Dorf schon längst nicht mehr die Lebenswelt bedeutet, so bleibt es doch der Lebensraum, in den Kinder und Jugendliche hineinwachsen und von dem sie noch immer wichtige Sozialisationsmuster übernehmen. Der gemeinsame Besuch der Schule, die offene Tür des Nachbarhauses, allgemeines Mitgefühl bei einem Sterbefall, spontane Nachbarschaftshilfe oder gelungene Vereinsfeste, all das sind emotionale Erlebnisse, die wohl nur den wenigsten LandbewohnerInnen fremd sind.
Auf dem Land kennt im Prinzip jeder jeden. Daraus entsteht soziale Nähe, die sich in wohltuenden Gemeinschaftserlebnissen durch echt gemeinte Fürsorge ausdrücken kann. Sie kann im ungünstigsten Fall aber auch bis zum sozialen Druck durch üble Nachrede reichen.
Ergänzt wird diese emotionale Identität durch den räumlichen Identitätsbegriff. Er steht für lokale Verwurzelung, die zu einer hochgradig raumbezogenen Kompetenz mit tiefem Insiderwissen führen kann. Wenn die emotionale Identität aber Ausdruck finden soll, kommt in der Regel eine weitere Stärke des ländlichen Raumes zum Tragen: Die Fähigkeit, auf dem Lande das zu organisieren, was man aus der Stadt kennt, aber nicht zur Verfügung hat. Also Bürgerbeteiligung im positiven Sinn. Eigeninitiative ist in der Regel erfolgreich, wenn sie städtische Vorbilder nicht nur abkupfert, sondern sie den ländlichen Bedürfnissen entsprechend anpasst.
Politische Entscheidungsträger können zahlreiche Hilfestellungen geben, die quer durch Europa weit gehend identisch sind: Von der Schaffung eines guten Umfeldes für junge Familien, der Förderung des Zusammenlebens zwischen Alt und Jung, der Unterstützung von Vereinen und deren Jugendarbeit, über Schaffung von Dorfhäusern und Erhalt von Geschäften, von Spielplätzen und Ruhebänken als dörfliche Treffpunkte bis zur Pflege der Straßeninfrastruktur und Förderung eines den Anforderungen angemessenen öffentlichen Nahverkehrs.

Identität mit dem Lebens- und Aktionsraum
Den ländlichen Raum verstehen wollen, heißt aber auch, über die emotionale Identität hinaus zu gehen. Der Mensch lebt auch auf dem Lande in einem Beziehungsrahmen, der seine Handlungsmöglichkeiten mitbestimmt. Die geistigen Abbilder der Umwelt, die jeder Mensch aufbaut, um sich im Raum zu orientieren, die „Mental Maps“, umreißen den Lebens- und Aktionsraum jedes/r Einzelnen. StadtbewohnerInnen wohnen, arbeiten und kaufen in der Stadt ein, haben am selben Ort ihre FreundInnen usw. Man bewegt sich nur selten aus dem städtischen Aktionsraum heraus. Das führt zu einer spezifischen Identität.
Ganz anders ist es im ländlichen Raum. Wegen der geringeren Anzahl der zu versorgenden Menschen haben Einrichtungen ein größeres Einzugsgebiet, was ihnen oft eine Monopolstellung bringt. Personen, die im ländlichen Raum wohnen, haben nach ökonomischen Erwägungen keine Alternative zu diesen Einrichtungen. Wege verschiedener Personen haben damit oft das selbe Ziel, woraus sich vielfach eine Deckungsgleichheit in den „Mental-Maps“ ableitet – eine spezifische Eigenschaft der ländlichen Identität.
Die regionalen Lebens- und Aktionsräume können nur in einem größeren Rahmen gestaltet werden. Während Bürgerbeteiligung auf Dorfebene die wichtigste treibende Kraft ist, ist der politische Abstraktionsgrad im regionalen Rahmen deutlich höher. Zudem fühlen BürgerInnen sich nicht mehr unmittelbar betroffen oder fähig, mit eigenen Möglichkeiten mitzugestalten. Deshalb bedarf es hier eines guten Zusammenspiels zwischen BürgerInnen und politischen MandatsträgerInnen auf unterschiedlichen Ebenen. Wo dieses Zusammenspiel konstruktiv erfolgt, werden Lebens- und Aktionsräume gestärkt.
Regionale Kooperationen auf wirtschaftlicher Ebene, Organisation von angepassten Aus- und Weiterbildungseinrichtungen in einem vertretbaren Radius, dezentral organisierte kulturelle Veranstaltungen, Bürgernähe im Bereich Gesundheit und Verwaltung fördern die Lebensqualität im ländlichen Raum.

Das Europa der unzähligen Regionen
Die Ausformung der regionalen Identitäten erfolgt auf vielen Ebenen. Zunächst ist es die gewachsene Identität, die sich auf historischer und naturräumlicher Basis in Jahrzehnten und Jahrhunderten gebildet hat. Eine zweite Form von Identität findet ihre Wurzeln in der politischen Repräsentanz einer Region. Sie kann aber auch „künstlich“ durch geschicktes Regionalmarketing geschaffen werden. Selten wird diese Form der Identität von der Basis geschaffen, sondern durch professionelle MitarbeiterInnen über europäische Programme und entsprechende Mittel erarbeitet und kommuniziert. Ihre Langlebigkeit muss sie erst beweisen.
Regionale Identität hat aber erst dann eine Chance, wenn das Tun und Handeln von drei Zauberworten geprägt ist: Zusammenarbeit, Zusammenarbeit und nochmals Zusammenarbeit auf allen Ebenen und in allen Bereichen. Zweifelsohne wird eine ganzheitliche ländliche Entwicklung in Zukunft ihre stärksten Impulse von dieser Ebene her erfahren – allein, weil die EU mit ihren Programmen gerade dort ihren Schwerpunkt setzen möchte. Ergänzt sollte sie aber werden durch Offenheit (lernende Regionen), Austausch (von guten Beispielen lernen) und unternehmerischen Mut (gestalten und nicht nur verwalten). Nur so hat die Dorferneuerung als Gegenbewegung zur Globalisierung eine Chance, Zukunft für den ländlichen Raum zu schaffen.

Diese Zukunft braucht Identität(en), die sich im günstigsten Fall auch in einer echten politischen Lobby für den ländlichen Raum niederschlagen sollte(n). Solange Politik vorwiegend für die Städte geplant und dann den ländlichen Räumen übergestülpt wird, bleiben Dorferneuerung und die Entwicklung des ländlichen Raumes nichts mehr als sympathische Stückwerkstechnologien.

Verfasser / in:

Carlo Lejeune

Datum:

Sun 10/06/2007

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Identitäten entdecken und stärken

Beitrag aus den Buch
Heimsuchungen, 15 Jahre Europäischer Dorferneuerungspreis im Spiegel der Zeit.
Hrsg. Theres Friewald-Hofbauer, Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, Okt. 2005.

Veröffentlichung des Beitrags auf GAT mit Genehmigung durch die Herausgeberin.

Gekürzte Fassung:
Karin Wallmüller

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