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Bericht
sonnTAG 182

Ohne Land(wirt)schaft geht gar nix!

Über Jahrhunderte hinweg waren Dorf und umgebende Fluren ein in sich geschlossener Lebens- und Wirtschaftsraum. Ende des 19., vor allem aber im 20. Jahrhundert hat sich die ländliche Lebenswelt über vielfältige Veränderungen und gesellschaftliche Umbrüche weit gehend aufgelöst. Die Landwirtschaft als zentrale Wirtschaftskraft im Dorf hat sich mit ihren Produkten zum großen Markt hin orientiert und die Dorfbewohner waren auf die Ernährungssicherung durch ihre Bauern nicht mehr angewiesen. Damit waren die kleinen wirtschaftlichen Kreisläufe durchbrochen. Am Ende dieser Entwicklung steht die Globalisierung mit einem schier unbegrenzten Warenaustausch über Kontinente hinweg.

Und doch ist nicht alles austauschbar und importierbar. Es mag zwar für viele Menschen erstrebenswert erscheinen, zum Frühstück am Sonntag spanischen Schinken auf irischer Butter mit mediterranem Obst preisgünstig vom Supermarkt zu genießen, sich das T-Shirt aus der dritten Welt überzustreifen und hinaus aufs Land zu fahren, wo man sich in herrlicher Kulturlandschaft erholt. Und abends genießt man in wohliger Wärme aus russischem Gas oder arabischem Öl chilenischen Rotwein. Nur – so stirbt das Land und damit die Landschaft.
Die Landschaft und das dahinter stehende Potenzial der Bauern, die in dieser Landschaft ihren Arbeitsplatz haben, können weder von Asien oder Südamerika oder Arabien aus aufrecht erhalten werden. Hier enden Austauschbarkeit und Beliebigkeit von Waren. Die durch unsere Mobilität und Freizeit neu entstandene Erholungsfunktion des ländlichen Raumes und seine immer stärker zu betonende Ausgleichsfunktion als Puffer und Filter für reines Wasser und saubere Luft können nur bestehen, wenn auch die ursprüngliche Wirtschafts- und Lebensraumfunktion gewährleistet bleibt.
Es nützt wenig, wenn unsere Kommunen attraktive Arbeitsplätze und Tourismusbetriebe aufbauen, wenn gleichzeitig die umgebende Kulturlandschaft entweder zwecks Rationalisierung für einen weltweiten Wettbewerb weggehobelt oder aufgegeben wird und zuwächst. Natürlich kann eine kleinteilige oder feingliedrige Landwirtschaft in einer strukturierten Kulturlandschaft nicht am Niveau der Weltwirtschaft geführt werden. Natürlich gilt auch hier, dass produzieren allein zu wenig sein wird. Diversifizierung, Veredelung, Vermarktung und Clusterbildungen zum regionalen Gewerbe müssen ebenso ins Auge gefasst werden wie regionale Energieversorgung aus nachwachsenden Rohstoffen oder erneuerbaren Energieformen. Das ist keine theoretische Forderung, dazu gibt es in etlichen Dorferneuerungsprojekten viele konkrete Beispiele.

Die „Erfolgsgaranten“ für eine gedeihliche Entwicklung lassen sich überall, ob in den Gemeinden und Dörfern Luxemburgs, Sloweniens, Hessens, der Steiermark oder sonst wo, auf einige wenige, in ihrer Ausführung aber sehr vielgestaltige Punkte zusammenfassen:

1. Eine nachhaltige Stärkung der bäuerlichen Land- und Forstwirtschaft basiert darauf, sie bewusst in regionale bzw. überregionale Kreisläufe einzubinden.

2. Unterstützung der ortsansässigen Landwirtschaftsbetriebe wird vielfach durch den konsequenten Erhalt von prioritären Kultur- und Landbauflächen in den Ortsrandlagen der Gemeinden erreicht. Das heißt, keine zusätzliche Baulandausweisung bzw. –erschließung auf landwirtschaftlichen Vorrangflächen, auch wenn der Siedlungsdruck hoch ist.

3. Gründung von landwirtschaftlichen Genossenschaften und bäuerlichen Gemeinschaften durch die lokalen Landwirte, um mehr Effizienz hinsichtlich Produktveredelung, -vielfalt und -vermarktung zu erzielen. Ein dafür häufig genutzter Rahmen ist die EU-Leader-Initiative.

4. Diversifizierung land- und forstwirtschaftlicher Aktivitäten und Entwicklung neuer Alternativ-Erwerbsquellen, wobei der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind, geht es doch darum, regionsspezifische „Nischen“ zu nutzen. Eine wichtige Rolle kommt dabei der Energieproduktion, sprich Biomassenutzung und der Beteiligung der Landwirte an der Windenergienutzung, zu.

5. Landwirtschaft im Einklang mit Natur- und Umweltschutz, als Partner und Dienstleister im Landschaftsschutz, in der Landschaftspflege und im Tourismus.

Als Beispiele können Alheim-Oberellenbach in Hessen mit seiner Vernetzung von Tourismus, Landwirtschaft und Handwerk; Heinerscheid in Luxemburg wegen seines Erhalts und Ausbaus der Beschäftigung in der Landwirtschaft; die Obst-Straße Javor-Jance in Slowenien mit ihrer regionalen Stadt-Land-Partnerschaft (Laibach und Umland), wo regionales und saisonales Kaufbewusstsein geschaffen wurde und das Steirische Vulkanland genannt werden.

Die Oststeiermark war infolge ihrer 40-jährigen peripheren Lage am „Eisernen Vorhang“ das Armenhaus Österreichs. Schwache Wirtschaftskraft und starke Abwanderung prägten die Region. In einem mehrdimensionalen und einzigartigen Vorzeigeprojekt ging es unter anderem auch ganz wesentlich um die Land(wirt)schaft. In diesem Sektor war der Aufbruch zu neuen Ufern ein Gebot der Stunde. Stellvertretend für viele andere Beispiele soll die Entwicklung anhand eines kleinen Betriebs verdeutlicht werden. Eine kleine Bauernwirtschaft wurde von der Orientierung auf die väterliche Mais-Schweinemast auf Weinbau mit Buschenschank und selbst erzeugten Schweineprodukten umgestellt, alles höchst attraktiv und für Konsumenten erlebnisgerecht aufgebaut: ein Schaukeller, eine geradezu mystische Speckreifekammer und, von den Heurigentischen aus stets sichtbar, urige ungarische Wollschweine.

Durch alle Projekte im Steirischen Vulkanland zieht sich ein roter Faden: die Umstellung auf regionale Wertschöpfungsketten und die Abkopplung der Landwirtschaft vom globalen Markt, auch unter Bedachtnahme auf das Potenzial einer gesunden und reich strukturierten Kulturlandschaft. Zudem konnten neben der erreichten Wertschöpfung auch die Nachhaltigkeit und Umweltschonung aufgrund veränderter Wirtschaftsweise stark verbessert werden. Beeindruckend ist außerdem die Miteinbeziehung der möglichen landwirtschaftlichen Leistungen im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe in regionale Stoffkreisläufe.

Anhand von Umfragen unter den Bauern im Steirischen Vulkanland lassen sich die unterschiedlichen Einstellungen vergleichen. Dabei ist zu erkennen, dass in den letzten Jahren eine Verbesserung der Lebenssituation zu bemerken ist – trotz starker Tendenz zur Aufgabe von landwirtschaftlichen Betrieben und verschärften globalen Wettbewerbsbedingungen. Die Verbesserung geht aber auch zurück auf die zunehmenden Synergien zwischen Tourismus (Thermen), Land(wirt)schaft und Handwerk.

Die Einbeziehung der umgebenden Region mit ihren Traditionen, ihrem typischen Landschaftsraum und darauf aufgebauten eigenständigen Angeboten in die touristischen Leitprojekte ist unverwechselbar und sicher nicht mehr austauschbar.

Verfasser / in:

Charles Konnen, Theres Friewald-Hofbauer, Peter Schawerda
Europäische ARGE Landentwicklung & Dorferneuerung

Datum:

Sun 08/07/2007

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Ohne Land(wirt)schaft geht gar nix!

Beitrag aus den Buch Heimsuchungen, 15 Jahre Europäischer Dorferneuerungspreis im Spiegel der Zeit. Hrsg. Theres Friewald-Hofbauer, Europäische ARGE Landentwicklung und Dorferneuerung, Okt. 2005.

Veröffentlichung des Beitrags auf GAT mit Genehmigung durch die Herausgeberin.

Gekürzte Fassung:
Karin Wallmüller

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