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Sonntag
sonnTAG 263 "Castle"

CASTLE

von Kate Howlett-Jones

Der rasselnde Atem seines sterbenden Vaters hatte geklungen wie ein Beutel voller Münzen. Jedes Mal wenn er husten musste, fühlte sich Harry daran erinnert. Er fühlte sich erschlagen, als hätte er mit einem Cricketschläger eins drüber gekriegt. Seine Blase schmerzte, er wusste, dass er aufstehen sollte, der Körper aber lag unbeweglich, darin die ächzende Brust.

This old house once rang with laughter This old house heard many shouts. Nebenan im Tanzstudio übte Lena gerade für ihre Rock’n Roll Stunde am Nachmittag. Bevor sie einzog, hatte er eines der unbenutzten Zimmer vollständig neu für sie eingerichtet. Spiegelwand, gefederter Boden, das ganze Drum und Dran. Hatte ein Vermögen gekostet. Sie trug sicher schon ihr Kleidchen und ihre gelben Schuhe im Stil der Fünfziger Jahre. Sie sagte, das helfe ihr, in Stimmung zu kommen. Sie trällerte mit zu Shakin’ Stevens: Now it trembles in the darkness When the lightning walks about. Lena war viel zu jung, um überhaupt zu wissen, wer Shaky war.

Harry betrachtete die Schlafzimmertür, den Rahmen, den Türgriff. Sein Blick fiel auf eine kleine Scharte im Lack und er runzelte die Stirn. Er fragte sich, was wirklich geschah, wenn ein Haus gepfändet wurde. In seinem Inneren hörte er Geräusche: Stiefel, die auf der Treppe trampeln, Türen, die aufgerissen werden, Schreie, Weinen, Stille. Als kleines Kind, mit fünf, wohnte Harry noch in einem etwas schäbigen Reihenhaus in North Harrow. Die Nachbarn waren gezwungen auszuziehen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Harry war an diesem Tag nicht zu Hause. An den Tagen danach verbrachte er jedoch Stunden am Fenster, um das Schlachtfeld zu betrachten. Ein nahezu wohliges Schauern begleitete seinen Blick auf die ausgestreuten, verlorenen Dinge am Boden. Abfall des Lebens, eine schmutzige Haarbürste, ein Becher, der Inhalt eines umgestürzten Nähkästchens, Fäden überall, und irgendwo mittendrin Lisas kleine Puppe, die ‚echte’ Tränen weinen konnte, die Füße in der Luft, das Kleidchen hochgerutscht.

Einige Wochen später zog auch Harrys Familie aus, in die andere Richtung allerdings, weiter, hinauf. Sein Vater hatte als Taxifahrer in London endlich genug verdient, um seiner Familie ein Zweifamilienhaus in Pinner und Harry eine teure Privatschule bieten zu können. Viele Jahre später, nachdem seine Frau gestorben war, konnte sein Vater Harry immer noch zur Weißglut bringen mit seiner übertriebenen Sparsamkeit, indem er sich weigerte, die schönen gelben Staubtücher, die Harry ihm gekauft hatte, zu verwenden und statt dessen an den grauen Fetzen aus alten Unterhemden festhielt, was Harry schrecklich peinlich war. Ebenso wie er stur den immer gleichen verdrehten Spruch wiederholte: “Das Schloss ist das Haus des Engländers, Harry“. Egal wie oft Harry ihn verbesserte, er hielt immer an der falschen Formulierung fest. Genau wie später: „Harry, ich habe den Krebs.“ Menschenskind, dachte Harry, schon wieder falsch: Ich habe Krebs, heißt das – sag’s mir nach!
Oh his knees are getting’ chilly But he feels no fear or pain ’Cause he sees an angel peepin’ Through a broken window pane. Er dachte über seine eigenartigen Bindungen zu diesem Haus nach, Bindungen, entstanden aus den Sehnsüchten seines Vaters, aus Groll, aus einem Aktenkoffer, der täglichen U-Bahnfahrt in die Stadt, einer weiteren Freundin, die genauso gut seine Tochter sein hätte können. All diese Bindungen wie Schlüssel unterschiedlichster Art und Größe, aufgefädelt auf einem Schlüsselbund. Harry betrachtete die Zimmerdecke. Sein Vater hatte das Schloss seines Sohnes geliebt. Einfamilienhaus, fünf Schlafzimmer, ein funkelnagelneues, halbgetäfeltes glänzendes Zeichen dafür, das Ziel erreicht zu haben. Je mehr Harry darüber nachdachte, desto stärker verweigerten seine Beine jede Bewegung. Die letzten beiden Wochen hatte er mit Schlafen, Aufwachen, Pinkeln gehen und Weiterschlafen verbracht. Zeit zu pinkeln.

Der Spiegel im Badezimmer zeigte sein Gesicht fast ebenso zerschlagen, wie er sich im Bett gefühlt hatte. Vor zwei Wochen hatte Gareth ihn zu sich gerufen und ihm mitgeteilt, dass er keine Arbeit mehr hätte. Finanzkrise – ohne Umschweife! Harry brauche nicht bis zum Ende seiner Kündigungsfrist arbeiten, und, gemessen an den Umständen, gäbe es sowieso eine schöne Abfertigung. Harry musste gar nicht nachfragen, er wusste genau, dass es nicht genug sein würde.

Auf der Rückkehr vom Badezimmer passierte es, er blieb im Ankleidezimmer stehen und zog eine Tasche hervor. Er beobachtete sich selbst überrascht dabei, wie er sie mit Kleidungsstücken füllte und noch ein paar Schuhe draufwarf. Lena war wieder am Anfang des Liedes angekommen: This old house was home and comfort As they fought the storms of life. Er steckte die Schlüssel ein, ging leise die Treppe hinunter und zog die Tür hinter sich zu.

Die U-Bahn war mitten am Vormittag nur mit wenigen Leuten besetzt, und er beobachtete sie, wie er es auf seiner täglichen Fahrt in die Stadt nie getan hätte. Das waren also die Leute, denen der übrige Tag gehörte. Ihm gegenüber saß ein etwa vierzigjähriger Mann im Fleecepulli, eine abgenützte Gitarre auf dem Schoß. Am anderen Ende saß ein Mann mit stahlgefasster Brille, in eine Fahrzeuganleitung vertieft. Ihre Unterschiedlichkeit traf ihn mit einem überraschenden Schmerz; obwohl sie alle gemeinsam der rosafarbenen Linie der U-Bahn folgten, gingen sie dennoch in vollkommen unterschiedliche Richtungen. Eine Mathematikstunde taucht aus der Ferne seiner Erinnerungen auf, und dann dieses überwältigende Gefühl der Möglichkeiten in diesem Ganzen, all diese Tangenten, die nicht aus ihnen sondern aus ihm allein hinausstrebten. Eine Weile saß er da und hielt seinen Kopf in den Händen.

Er blickte nach oben und sah eine Station, die ihm bislang unbekannt gewesen war, er war weiter gefahren als jemals zuvor. Ein Lift brachte ihn hinauf in den Tag auf eine kleine Straße, gegenüber ein abgetakelter Schuster, eine Schlosserei, die ihn an North Harrow erinnerte. Er spazierte eine Weile, bis er die Schlüssel in seinen Taschen wahrnahm, die rasselnd gegen seine Beine stießen. Ain't gonna need this house no longer Ain't gonna need this house no more. Harry zog sie heraus, er merkte, dass er über einem Gully stand, als er auf diese obskure Sammlung in seiner Hand blickte. Er ließ los und hörte das Platschen. Er ging weiter.

Verfasser / in:

Kate Howlett-Jones

Datum:

Sun 25/01/2009

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Infobox

"CASTLE" von Kate Howlett-Jones wurde erstmalig am 25.01.2009  in der Reihe "sonnTAG" auf www.gat.st veröffentlicht. (erschienen in englischer und deutscher Version - Seite 1 / Seite 2).

Kate Howlett-Jones ist 1971 in England geboren. Studium Französisch/Russisch an der Universität von Oxford. Wohnt in Graz, verheiratet, 2 Kinder. Sie arbeitet als Übersetzerin und Journalistin. Ihre Kurzgeschichte "Cataract" ist 2009 bei Ziji Publishing erschienen. 2007 Gewinnerin des "Guardian short story competition".

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