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(118) Werkgruppe Graz, Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter, Präsentationsmodell, 1970

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Sonntag
Wie beeinflusste der Strukturalismus die 'Grazer Schule' der Architektur

Fragen wir nun konkret, wie in Graz die Ideen des Strukturalismus rezipiert wurden, dann wird man zwei Fakten mit Vorbildfunktion nennen können:

1. Die Bildung des Team X in der Folge des CIAM-Kongresses 1959 in Otterloo, Holland, bei dem erstmals von einer Gruppe von Architekten die Kritik am Funktionalismus ausgesprochen wurde. Der Niederländer Aldo van Eyck wurde zum Wortführer der Gruppe, die neue Strategien des Entwerfens forderte und die Zeitschrift Forum als Sprachrohr nutzte. Sein Vorstellungsbild von wachsenden Zellstrukturen, das er für ein additiv konzipiertes Waisenhaus in Amsterdam entwickelte, griff den strukturalistischen Systemcharakter auf. Zahlreiche Grazer Architekten wie Friedl Groß, Dieter Ecker, Franz Cziharz, Werner Nussmüller, Michael Szyszkowitz, Manfred Wolff-Plottegg und der Autor dieses Beitrags haben zu dieser Zeit durch Stipendien, Seminare und Studienreisen diese Vorstellungen kennengelernt.
2. Die japanischen Metabolisten, die durch Publikationen urbaner Großstrukturen bekannt wurden. Sie hatten einen anderen, in deren Kultur verankerten Begriff von Struktur, der eng mit dem Wandel verbunden ist. Die im Shintoismus begründete Erneuerung unter Aufrechterhaltung der Kontinuität des gesellschaftlichen Lebens wie der Bauformen wird durch kein Heiligtum besser verdeutlicht als den Iseschrein, der immer wieder abgebaut und neu errichtet wird. Die zyklische Weltvorstellung als lebenserhaltendes Prinzip durchdringt alle Bereiche des Lebens.

Wenn ich mich einigen charakteristischen Grazer Projekten zuwende, die ohne Zweifel dem Strukturalismus zugerechnet werden können, dann geschieht das mit Bezug zum „methodischen Strukturalismus“, der das Hauptanliegen der Exponenten der „ersten Tage“, befreit vom Ballast aller im Laufe der Zeit mitschwingenden Ideologien, war. Ich meine solche Ideologien technischer Vereinnahme wie politischer Ambition, die den Strukturalismus sowohl dem Diktat einer glorifizierten Massenproduktion als auch dem Marxismus dienstbar zu machen strebte.

Als zentrale Prinzipien des Strukturalismus in der Architektur gelten:

1. Der Ausdruck eines Programms in einer Primär- und Sekundärstruktur, die unterschiedlichen Lebenszyklen unterliegen.
Die Gemeinschaftsfunktion wird von der länger wirksamen Primärstruktur übernommen, während die Individualfunktion in der zeitlichen Anpassung ihrer Elemente zur Geltung kommt. Entscheidend ist, dass in der Überlagerung der Strukturen „Zwischenräume“ entstehen, denen eine soziale Relevanz zukommt.
2. Die Beziehungen zwischen sozialen und gebauten Strukturen durchdringen die architektonische wie die urbane Ebene. Funktionsmischung soll monofunktionelle Segregation verhindern. Motto: „Das Haus ist eine kleine Stadt, die Stadt ist ein großes Haus“. Übrigens taucht diese Analogie bereits beim Renaissancearchitekten Leon Battista Alberti auf.
3. Das synchrone Element der „Symbolbedeutung“ durch archetypische Formen korrespondiert mit dem diachronen Element der „Prozesshaftigkeit des Entwurfsvorganges“. Strukturen sind offene Systeme, die dem Wandel in der Zeit Rechnung tragen.
4. Regelhaftigkeit bestimmt den Entwurfs- wie Rezeptionsprozess, der als Kommunikationsprozess verstanden wird. Auf syntaktischer, semantischer und pragmatischer Ebene (Regel – Bedeutung – Wirkung) erheben die Gestaltungen den Anspruch, allgemein verständlich zu sein.

An vier signifikanten Projekten, alle in den 1960er Jahren entstanden, will ich die Anwendung der Prinzipien skizzenhaft erläutern:

1. Die Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter der Werkgruppe Graz [1] (Entwurf 1965, Ausführung 1972–1978, 118,119). Sie steht für die Konzeption des „IN-BETWEEN“, die dem Strukturalismus der „Ästhetik der Zahl“, wie sie Aldo van Eyck vertrat, zuzurechnen ist. Zwischenräume auf verschiedenen Ebenen vermitteln zwischen Gemeinschaft und Individuum. Die „freie Mitte“ ist jenes vorherrschende Identifikationsmoment, das der Siedlung bis heute die Geltung einer der wichtigsten Wohnanlagen im europäischen Kontext verschafft.
2. Das Ausstellungsprojekt „Struktureller Städtebau“ von Bernhard Hafner, 1966 (120). Das durch ein Modell visualisierte Projekt rückt eine von der Kommune zu erstellende Infrastruktur vorrangiger Verkehrslinien mit Umsteigeknoten in den Vordergrund und folgt damit den Grundlinien des Tokioplanes von Kenzo Tange. Hafner sieht die technische Infrastruktur aber als Vorgabe eines vierdimensionalen Stadtausbaues, bei dem die Veränderung in der Zeit ein offenes Raumkontinuum konstituiert.
3. Das Ausstellungsprojekt Überbauung Ragnitz von Günther Domenig und Eilfried Huth 1967 (121). Die Ausstellung Propositionen im Forum Stadtpark – gemeinsam mit Kristallisationen der Werkgruppe Graz – bot die Gelegenheit, eine verdichtete Bebauungsstruktur für eine Großsiedlung im Ragnitztal zu einer dreidimensionalen Megastruktur auszuweiten, die ähnlich wie bei Hafner die technische Infrastruktur vorgibt, aber den Schwerpunkt auf den individuellen Ausbau als identitätsstiftende Leistung von Individuen legt. Mit dem Zuspruch des Grand Prix d’Urbanisme et d’Architecture 1969 in Cannes erlangte das klar strukturalistisch bestimmte Projekt internationale Reputation.
4. Das Ausstellungsprojekt Spina des Team A Graz [2] bei Trigon 69 (122,123). Die Dreiländerbiennale unter dem Thema „Architektur und Freiheit“ bot die Gelegenheit, ein urbanes Netzwerk auszuarbeiten, das die Kommunikation als wesentlichstes Charakteristikum der Gesellschaft erkennt. Daraus folgt, dass ein Beziehungsnetz zwischen ursprünglich autarken individuellen Einheiten – vom Individuum bis zur Stadt – aufzubauen ist, das in Bewegungslinien die Grundelemente einer materiellen Struktur definiert. Diese verdichten sich zu immer enger werdenden Maschenweiten und konstituieren einen Stadtkörper.

Diese Hervorhebung einzelner Projekte, die in unterschiedlich gewichteter Weise den Prinzipien entsprechen, soll nicht übersehen lassen, dass eine Reihe von Architekten der „Grazer Schule“ strukturalistisches Gedankengut in ihren Arbeiten erkennen lassen – vielleicht eher unbewusst.

Die 60er Jahre waren auch die Zeit der urbanen Utopien, die sich in unterschiedlichen Megastrukturen niederschlugen: in der Bandstadtidee eines Raimund Abraham, in den virtuellen Raumkonfigurationen eines Friedrich St. Florian, der Vertikalen Stadt eines Klaus Gartler und Helmut Rieder sowie in manchen Studentenprojekte jener Zeit. Da es mir in diesen Ausführungen nicht um eine architekturhistorische Darstellung geht, beschränke ich mich architekturtheoretisch darauf, den Symbolcharakter einer „Neuen Gesellschaft“ in diesen Projekten hervorzuheben. Sie rückt die „Synchronität“ im strukturalistischen Sinn in den Vordergrund, indem sie den zukunftsweisenden Ideen gesellschaftsverändernden Charakter zumisst. Pragmatischer sind jene Projekte zu sehen, die auf eine Reform des Wohnbaues zielten und die Mitbestimmung der NutzerInnen propagierten. Das „Modell Steiermark“ als gesellschaftspolitischer Impuls mag für zahlreiche Namen stehen, die für eine Breitenwirkung der „Grazer Schule“ verantwortlich zeichnen, welche Vorbildfunktion für ganz Österreich hatte. In diesem konzeptuellen Ansatz tritt deutlich die „Diachronität“ strukturalistischer Einstellung hervor, indem die Veränderung in der Zeit konstitutiv in das Projekt eingeht.

Das Symposion Structuralism reloaded versammelte 2009 in München Theoretiker und Praktiker aus ganz Europa, um kritisch das Phänomen des Strukturalismus zu beleuchten. Daraus ergeben sich zwei Fragen:

1. Welche Spuren hat der „klassische Strukturalismus“ der 60er und frühen 70er Jahre hinterlassen, und wo ist Kritik angebracht, da in ihn gesetzte Erwartungen einer Humanisierung des Bauens nicht erfüllt wurden?
2. Welche Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben das strukturalistische Konzept in Frage gestellt, und welcher Ausblick stellt sich heute im Hinblick auf ein regelbasiertes Entwerfen unter Anwendung neuer technologischer Möglichkeiten dar?

[1] Werkgruppe Graz, bestehend aus den Gründungspartnern Eugen Gross, Friedrich Gross-Rannsbach, Werner Hollomey, Hermann Pichler mit den assoziierten Partnern Walter Laggner und Peter Trummer.
[2] Team A Graz, bestehend aus den Gründungspartnern Franz Cziharz, Herbert Missoni, Helmut Satzinger, Jörg Wallmüller.

Verfasser / in:

Eugen Gross
TU Graz - Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften

Datum:

Sun 24/03/2013

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Infobox

Der Essay wurde der Publikation "Was bleibt von der "Grazer Schule"? Architektur-Utopien seit den 1960ern revisited" (S.214-225), die 2012 von Anselm Wagner und Antje Senarclens de Gracy im Jovis Verlag herausgegeben wurde,  mit freundlicher Genehmigung des Verlags sowie von Anselm Wagner und Eugen Gross zur Wiederveröffentlichung auf www.gat.st entnommen.

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