sonntag_353_gross_grazer_schule_118.jpg
(118) Werkgruppe Graz, Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter, Präsentationsmodell, 1970

_Rubrik: 

Sonntag
Wie beeinflusste der Strukturalismus die 'Grazer Schule' der Architektur

Zur ersten Frage: Unzweifelhaft hat der Strukturalismus als ein planerisches Konzept, nicht als Stil im Sinn formaler Merkmale, den Städtebau und die Architektur stark beeinflusst. Dabei kann man zwei Konzepte beobachten: das Wachstum eines Clusters von einer inneren Struktur aus, indem Zellen angelagert werden, und die Ausfüllung von strukturgebenden Rahmen, die einem Containerprinzip folgen. Konstruktiv zeigen zahlreiche Projekte die Merkmale des brutalism – fälschlicherweise mit Brutalismus übersetzt – womit die Rohheit der Materialerscheinung (brut = frz. roh) beispielsweise bei Sichtbeton, Holz und Stahl gemeint ist. Stadterneuerungsmaßnahmen in ganz Europa haben sich strukturalistischer Prinzipien bedient, die topografische Gegebenheiten oder technische Infrastrukturen zum Ansatz von baulichen Eingriffen nutzten. Beispielhaft kann man in Wien die Donauinsel und den Gürtel nennen, für Graz ist ansatzweise die Verkehrsachse vom Stadtzentrum zum Liebenauer Stadion mit ihren Messebauten zu nennen, wobei bedauerlicherweise bis heute auf eine unter Terrain liegende, leistungsfähige Verkehrsverbindung verzichtet wurde.
Bereits in den 1980er Jahren einsetzende heftige Kritik beruhte darauf, dass rationalistisches Machbarkeitsdenken die Überhand gewann und Megastrukturen errichtet wurden, denen es an Identität mangelte. Auch bautechnische Mängel führten dazu, dass einige niedergerissen wurden. Der Strukturalismus wurde durch ein eher kleinräumiges Kontextdenken abgelöst, das auf überschaubare Einheiten zielt und sich konventioneller Bautechniken bedient.

Zur zweiten Frage: Eine Renaissance strukturalistischen Denkens geht darauf zurück, dass der Computer die „Büros erobert“ hat. Der Zeichentisch – auch das Zeichnen – wurde abgelöst durch work-stations, die das digitale Zeitalter einläuteten. Regelbasiertes Entwerfen fußt auf strukturalistischen Voraussetzungen, wobei die erhöhte Komplexität der Bauaufgabe und der Entwurfsprozesse bestimmte formale Lösungen nach sich zieht.
Auf eine innerstrukturalistische Kritik kann man den Dekonstruktivismus zurückführen, der in Jacques Derrida seinen philosophischen Vordenker hatte und die strukturalistische Verfestigung bemängelte, die keine Brüche und Ungleichgewichte kennt. Er wurde im Gefolge des revolutionsbelasteten 1968er Jahres breitenwirksam, wenn auch für die Architektur beschränkt fruchtbar.

Wagt man einen Ausblick, müsste eine fundamentale Kritik Fuß fassen, die zwar im strukturalistischen Sinn das Entwerfen von Architektur im Hinblick auf die Benützbarkeit als regelbestimmt annimmt, jedoch der Suche nach Identität ein ihr entsprechendes Gewicht verleiht. Diese Identität, die auf lange Sicht allein den Bestand und die Akzeptanz von Architektur sichert, muss konkret auf topografische, klimatische, ökologische, gesellschaftliche und technologische Voraussetzungen reagieren. Allzu sehr ist der Strukturalismus missverstanden worden als reines Instrument, dem die Dimension der Bedeutung abgeht. Seine bevorzugte Ausrichtung nach rationalistischen Verfahrensweisen – der Naturwissenschaft näher als der Kunst – hat ihm die Anschaulichkeit geraubt, die menschliche Wahrnehmung und Empfindung fordert.

Ein „Neostrukturalismus“, wie er genannt wird, muss den Urgrund – das Ursprüngliche, Rohe, Unausgereifte, Abfallbehaftete, Erinnerungstragende – stärker in sich integrieren und damit eine Identität finden, die den Menschen den Raum der Assoziation zurückgibt, den sie als Heimat empfinden können.

Ich will schließen mit einem Gedicht des Literaten Markus Jaroschka, das die Spannung zwischen Polen des Denkens und Fühlens zeigt:

„Wird dies Haus ein Ort der Wörter sein?
Oder ein Haus der Worte?
Mit Worten, die noch wärmen
Mit Worten, die noch die Ferne kennen
Den Hügelgeruch, die Wolken
Das Meer, den entgrenzten Himmel
Mit der Sehnsucht – immer befristet
Mit Worten, worin die Sterne noch Fragen gebären
Die alten und die neuen …“

Verfasser / in:

Eugen Gross
TU Graz - Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften

Datum:

Sun 24/03/2013

Artikelempfehlungen der Redaktion

Infobox

Der Essay wurde der Publikation "Was bleibt von der "Grazer Schule"? Architektur-Utopien seit den 1960ern revisited" (S.214-225), die 2012 von Anselm Wagner und Antje Senarclens de Gracy im Jovis Verlag herausgegeben wurde,  mit freundlicher Genehmigung des Verlags sowie von Anselm Wagner und Eugen Gross zur Wiederveröffentlichung auf www.gat.st entnommen.

Kommentar antworten