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Kolumne
Aber Hallo! 29

Umwegrentabilität?

Es tut sich was im heurigen Grazer Sommer – das Sommerloch kann sich nur auf das „durchwachsene“ Wetter beziehen. Letzte Woche wurde in der Plüddemanngasse die in den Medien umfassend angekündigte neue Verkehrsregelung umgesetzt – des Nächtens, denn anders geht’s in der überlasteten Grazer Ostausfahrt gar nicht.

Da war sie nun am Morgen und stellte für uns Gewohnheitstiere eine gehörige Herausforderung dar. Bei der Ausfahrt vom Hofer nicht mehr nach Norden, stadteinwärts, abbiegen dürfen und weiter südlich nicht mehr nach links in die Siedlung mit den vier Siebengeschoßern, in denen Sohn Clemens und meine Freundin Tatsiana mit mehr als 100 anderen Familien wohnen. Die erste Reaktion – reflexartig: So ein Unfug. Den kann sich nur jemand ausgedacht haben, der nie die Wochenration im Supermarkt einkaufen muss und der nicht auf der Waltendorfer-Höhe wohnt, die selbst Geübte nicht per Fahrrad erklimmen können. Ich, die ich eine Jahreskarte für die Öffis besitze und an der Endstation des Busses trotzdem ein Fahrrad stehen habe, um in die Innenstadt am schnellsten per Rad zu kommen, eben, weil das Auto im Stadtverkehr das unpraktischste und somit das dümmste aller Verkehrsmittel ist, gehöre dazu. Zum Supermarkt fahre ich ausnahmsweise mit dem Auto. Nun also brav bei der Ausfahrt vom Supermarkt nach rechts, gen Süden, wohin ich gar nicht will, um dann bei der nächsten Gelegenheit (Grüß Gott, Spar!) links abzubiegen und zu wenden, um dorthin zu gelangen, wohin ich will – auf den Hügel mit Steilstück. Ich weiß, dass dies, wie ich, hunderte Hausfrauen aus meiner Wohnumgebung machen werden. Und  die wird zurzeit noch kolossal verdichtet mit neuen Siedlungen.

Das soll, dachte ich mir, Stau vermeidend und verkehrsberuhigend sein? Eine Schnapsidee, dieser Parcours in Schlangenlinien, der nur partiell eine Busspur aufweist, die, wo sie nicht unterbrochen ist, von Bussen und Radfahrern gemeinsam genützt werden muss. Der Abbiegespuren zulässt, wo kommerzielle Nutzung gefragt ist, und sie dort verweigert, wo es nur in eine Wohnsiedlung geht. Und der den Radfahrern wechselweise die Busspur und die allgemeine Fahrspur zumutet, in die sie sich dann als Schwächere einfädeln müssen.

Kurz, mein Unverständnis war so groß wie mein Ärger. So lange, bis mir heute ein befreundeter Raumplaner eine neue Betrachtungsmöglichkeit offerierte. Er sieht darin mehr Verteilungsgerechtigkeit für die Verkehrsteilnehmer. Für die, welche die städtischen Busse nützen und die, die sich in den wahnwitzigen Verkehr der Plüddemanngasse immer noch mit dem Fahrrad wagen. Du, sagt er beruhigend, sitzt bequem in deinem Auto, kannst im Trockenen Ö1 hören und musst vielleicht einen Umweg von zwei Minuten fahren, ehe du wenden kannst. Das leuchtet mir ein, von dieser Warte hatte ich die Sache nicht betrachtet.

Dieser Blickpunkt hat nur einen Haken: der individuelle, private Autoverkehr wird damit nicht geringer werden, sondern durch den Zwangs-Umweg noch gesteigert. Und die Radfahrer? Die wären sicherer unterwegs, hätten sie einen Radweg für sich allein – einen, dessen Trassenführung sich schon naturgemäß anbieten würde. Jenen Weg, der schon längst hätte installiert werden sollen parallel zur Plüddemanngasse – von der Koßgasse weg vorbei an der Siedlung aus den 1980ern, hinter McDonalds, Hofer und Drogeriemarkt entlang an der Friedhofsmauer, durch das Areal der Landesberufsschule und und …

Bin ich der Verkehrs- oder Stadtplaner der Stadt Graz? Mitnichten. Doch selbst, wenn man konstatiert, dass Planung in Graz nie (weit) vorausschauend gemacht zu werden scheint, sondern bestenfalls anlassbezogen, fallweise wie hier als Reparatur eines untragbaren Zustands, so fragt man sich: Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Radweg an der Friedhofsmauer höchst angebracht gewesen? Oder sollen die Radfahrer ihren Beitrag für bessere Luft im gleichen Maß mit wieder neuen Unzulänglichkeiten büßen müssen wie die immer noch ihren Warenbedarf mit dem Auto abholenden Luftschädlinge?

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 02/08/2016

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Kommentare

Sehr erfrischend!

Das ganze Gwirx mit dem Verkehr in einem köstlichen Essay vereint - ich gratuliere wieder einmal herzlich. Merangasse, Plüddemanngasse, St.-Peter-Hauptstraße: der rote Faden ging der Verkehrsplanung verloren, als sie vor Jahrzehnten den St.-Peter-Südgürtel an der falschen Stelle realisierte, damit den Ortskern zum Autobahnzubringer machte und jetzt noch einmal ihr Heil durch die Liebenauer Unterflurtrasse zu finden glaubt.

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Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

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