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Kolumne
Aber Hallo! 34

Man lernt nie aus: ZUHAUSE IST, WO DIE ENERGIE IST. Ich dachte immer, zuhause ist, wo man sich wohlfühlt, aber da liege ich wohl falsch. Sei nicht immer so haarspalterisch kritisch, sagt der zweite, unverbesserlich positiv denkende Teil meines gespaltenen Ichs. Sie wollen doch alle, dass du dich wohl-fühlst, auch wenn uns die Energie Steiermark im nächsten Satz ihrer jüngsten Werbeeinschaltung wissen lässt: „Für uns ist Heimat mehr als ein Ort oder ein Gefühl“.
Graz soll ein gutes Zuhause werden. Nichts anderes wollen sie alle für uns.
• Die Energie Steiermark, indem sie für uns ein Murufer gestaltet, das schöner denn je sein wird. Indem sie „Grünen Strom“ für unser „Grünes Zuhause“ (Zitat) erzeugt und dafür der Mur, dem natürlichen Strom, das natürliche Fließen abgewöhnt.
• Das Land Steiermark, indem es die Tage mit Feinstaubbelastung über dem von der EU festgesetzten Limit senkt – für uns und unser Bestes. Wie das, zumindest für 2016, gelungen ist? Ganz einfach, indem man bei der Messstelle, bei der an 39 Tagen das Limit von 50 μg/m³ überschritten wurde, die Tage herausrechnete, an denen Saharastaub und Salzstreuung den Feinstaub erhöhten. Super, am Ende konnten zehn (!) Tage herausgenommen werden, berichtet uns die Kleine Zeitung. Nur schade, dass der Grazer Anteil der vorzeitigen Todesfälle in Österreich, die laut Europäischer Umweltagentur (EUA) alljährlich durch Feinstaub verursacht werden, von diesem Rechenmodell des zuständigen Amts nichts mehr hat. Aber sei doch nicht so überkritisch, will mein gespaltetes, optimistisches Ich dann einwerfen. 6960 Menschen pro Jahr sind doch nur eine statistische Größe. Ich verbiete ihm den Mund.
• Noch ein Beispiel für die umfassenden Anstrengungen unserer Volksvertreter, uns ein gutes Zuhause zu schaffen. Für die „Causa Seiersberg“ wurde eine Lösung gefunden. Sie erinnern sich? Da verlangte der Verfassungsgerichtshof vom Land Steiermark bis 17. Jänner 2017 die Reparatur des illegalen Zustands der Shoppingcity Seiersberg, die in ihrer Größe so nie genehmigt werden hätte dürfen. Der Landtag änderte zunächst im Mehrheitsbeschluss das Straßengesetz, um die Verbindungsteile zu öffentlichen Interessentenwegen erklären zu können, und macht nun die Einzelstandortverordnung geltend, nach der es Ausnahmen der Größenbeschränkung geben kann. Dass diese Sonderregelung des Raumordnungsgesetzes nicht für nachträgliche Legitimierungsversuche gedacht war – wen schert’s. Wichtig ist doch, sagt mein gespaltetes …(Sie wissen schon), dass nicht Arbeitsplätze verloren gehen, dass die aus dem südöstlichen Einzugsgebiet anreisenden Käufer versorgt werden können und vor allem – Heimatgefühl! – dass wir Grazer alle erdenklichen Annehmlichkeiten behalten können, auch ein uneingeschränkt geiles Einkaufserlebnis in Seiersberg.
Der Beispiele für solcherart gelebte Bürgernähe gäbe es viele, doch nun Schluss damit. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass unsere Vertreter in Stadt und Land viel Energie dafür aufwenden, es uns genau wissen zu lassen, warum unser Zuhause Graz ein gutes ist.
Warum, fragt mein überkritisches Ich,
• findet die Energie Steiermark dann keine sachlichen Argumente für die Errichtung eines Kraftwerks im innerstädtischen Raum?
• treffen Stadt und Land nicht weitere wirksame Maßnahmen, die die gesundheitsschädigenden Feinstaubwerte real deutlich verringern?
• gibt es in der Causa Seiersberg keine Transparenz über die vom Land selbst in Auftrag gegebene Studie, die den Standort Seiersberg in seiner jetzigen Größe legitimieren sollte? Warum keine Bürgerinformation über die Art der „Reparatur“ und die Antwort an den Verfasssungsgerichtshof?
Warum? Das weiß mein gespaltetes, das unverwüstlich positive …. (Sie wissen schon). Man will uns in unserer schönen Heimat gar nicht belasten mit dem Unbill (vermutlich mhd. Unbil „unrecht, unbillig“) des täglichen Lebens. „Bad vibrations“ wollen uns die Volksvertreter ersparen, weil Zuhause eben dort ist, wo die gute Energie ist.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 07/03/2017

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