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Kolumne
Aber Hallo! 46

Diese Woche will die Bundesregierung ihre neue Strategie zur Erreichung der für Europa vereinbarten Klima- und Energieziele veröffentlichen. Der Anteil der radfahrenden Teilnehmer am Gesamtverkehr soll dabei erheblich gesteigert werden – laut Berichten des Standard gesamtösterreichisch bis 2025 von derzeit 6,5 auf 13 Prozent. Diese Verdoppelung des Radverkehrs im sogenannten Modalsplit, dem Anteil einzelner Verkehrsmittel am gesamten Transportaufkommen, ist meinem Verständnis nach ein Wunschdenken, das nur auf das Radfahren in den Städten setzen kann. Dort müsste die Gruppe derer, die täglich mit dem Rad zur Arbeit und zum Einkauf fahren, also noch weitaus stärker steigen, um die erhoffte Reduktion von 3,2 Prozent an CO2-Emmissionen zu erreichen.
Nach den Verkehrspolitischen Leitlinien 2020 soll der Radverkehr in Graz bis 2020 auf 20 Prozent ansteigen (nachdem er von 2008 bis 2013 sogar um fast 2 Prozentpunkte gefallen ist). Der Anteil jener, die schon erkannt haben, dass man mit dem Umstieg aufs Rad und auf öffentliche Verkehrsmittel in Graz besser und vor allem stressfreier lebt, liegt jetzt bei rund 15 Prozent. Und aktuelle Tests wie jener der Gratiszeitung Meine Woche, bei dem das Rad das Auto auf der Strecke von der Stadthalle nach Mariatrost auch zur Mittagszeit schon eindeutig schlägt, sind nicht zu unterschätzen. Die Stadt wird sich dennoch anstrengen müssen, um die gewünschte Steigerung zu erreichen, und das ohne Hilfe des Bundes, der in der Klimastrategie zwar Vorgaben macht, die Stadtmobilität jedoch in der Verantwortung und Kompetenz der örtlichen Politik und der zuständigen Körperschaften sieht.
Mit dem stadtbekannten Sowohl-als-auch, bei dem die Politik alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen befriedigen will und dabei Zuckerl austeilt für jene, die am liebsten direkt mit dem Auto ins Innenstadtgeschäft oder zumindest in die Garage am Eisernen Tor fahren würden, wird dieses Ziel nicht erreichbar sein.
Umsteigen heißt auch umdenken. Priorität für der Radverkehr bedeutet (noch) ein gezieltes Zurückdrängen des Anteils an privatem Verkehr, auch wenn diese Erkenntnis vielen weh tut. Vor allem aber bedeutet es, weitere Anreize zu schaffen, um per Rad rascher und sicherer durch die Stadt zu kommen. Das ist in der Stadt, die zu Erich Edeggers*) Zeiten österreichweit zu den Pionieren in der Errichtung von städtischen Radwegen gezählt hat, in den letzten Jahren nicht mit der notwendigen Stringenz geschehen.
Zu wenig konsequentes Handeln, zu viele Kompromisse, immer noch der Irrglaube, dass wir für ein friedliches Nebeneinander von Autofahrern, Fußgängern und Radfahrern reif genug sind. Was ich damit meine, kann jeder Radfahrer, jede Radfahrerin täglich erleben. Radwege, die abrupt enden und in gemeinsame Fahrspuren mit den PKW münden – und solche gibt es einige in Graz – sind und bleiben lebensgefährlich für den schwächeren Verkehrsteilnehmer, solange Autofahrer drängeln und sich den Vorrang erzwingen. Zu enge Wege und Gehsteige, die sich Fußgänger und Radfahrer teilen müssen, sind ebenso weit entfernt vom Idealzustand für beide Verkehrsteilnehmer wie Radwege mit Gegenverkehr. Auch die durch Tempo 30 „verkehrsberuhigten“ engen Gassen im Stadtzentrum und in den Gründerzeitvierteln sind für Radfahrer, die sich dort die Straße mit fahrenden und Parkplatz suchenden Verkehrsteilnehmern teilen müssen, eigentlich unzumutbar. Für den Radfahrer Gefahr von links (Auto, überholend) und rechts (Autotüre, die geöffnet wird) – der Stärkere ist auch hier der Autolenker.
Wer in der Stadt den Anteil an Radfahrern steigern will, muss bereit sein, Parkplätze und Fahrspuren dafür zu opfern, und am Land müsste der Straßenausbau zugunsten von Radfahrwegen, die Orte lückenlos miteinander verbinden, eingeschränkt werden. Das sind unpopuläre Maßnahmen, die der größten Gruppe von Verkehrsteilnehmern mit starker Lobby Nachteile bringen. Ihre konsequente Umsetzung dürfen wir Radfahrer uns daher von der Politik nicht erwarten und eine Wende (im Handeln) wird erst eintreten, wenn unsere Städte so verstopft sind, dass das Autofahren weit nerven-, kosten- und zeitaufwändiger ist als das Radfahren oder Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel.
Diese Wende wird kommen, wenn eine Mehrheit den Vorteil dessen erkennt, was jetzt eine Minderheit unter Lebensqualität versteht und fordert. Wenn weit mehr als 15 Prozent der Bürger auch in Graz bewusst wird, dass auf etwas zu verzichten auch bedeutet, etwas zu bekommen. Wer in der Stadt Rad fährt, verzichtet vielleicht auf ein wenig Bequemlichkeit, aber beschenkt sich auch selbst: mit Souveränität in der individuellen Mobilität, mit Fit sein und natürlich auch damit, zur Senkung von Treibhausemissionen beizutragen. Selbst, wenn man nur ein winziges Rädchen im großen Getriebe ist. Zu erkunden ist dies in Kopenhagen, wo 2016 der Anteil an täglich Radfahrenden 41 Prozent betrug – immerhin angeblich 1,4 Millionen Fahrradkilometer pro Wochentag. Von wegen kleines Rädchen ….

*) Erich Edegger war von 1983 bis zu seinem Tod 1992 Vizebürgermeister der Stadt Graz. Als „Radpionier“ ohne Führerschein trieb er den Ausbau von Radwegen und des öffentlichen Verkehrs voran.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 03/04/2018

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