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Kolumne
Aber Hallo! 79

Von Zeit zu Zeit taucht das 2004 in Graz St. Peter stillgelegte Pammerbad in den Medien als „Pop up“ auf und wird zum Tagesthema, ehe es wieder für Jahre in der Versenkung verschwindet und seinen Dornröschenschlaf weiterschläft. Hundert Jahre lang oder 84, genaugenommen, wird es nicht mehr warten können, um wachgeküsst zu werden, doch 2027 wäre ein gutes Jahr, denn da könnte eine Neueröffnung feierlich mit seinem hundertsten Geburtstag zusammenfallen.
All das sind jedoch Träume für die Nostalgiebehafteten, die im Pammerbad nicht nur schwimmen lernten, sondern zur Musik aus der Jukebox auch ihre ersten vorsichtigen Liebesbande knüpften. Es sind schmerzliche, weil unrealistische Träume, denn Frau Tschirschwitz, die Besitzerin des Areals, das bis heute ein schöner, Altbaum bestandener Park blieb, will es weder wiederbeleben noch an die Stadt verkaufen, denn sie möchte in ihrer Villa oberhalb des Bades Ruhe haben. So viel erfährt man aus den Medien. Kolportiert wird auch, dass sie der Stadt nachträgt, sie vor 2004 nicht unterstützt zu haben, als sie um finanzielle Hilfe zur Renovierung des Bades ersucht hat. Die Stadt Graz weist dies entschieden zurück und erklärt, dass es damals sehr wohl Gespräche gab, man aber zu keiner Einigung kam. Auch kürzlich gab es wieder den Versuch eines Gesprächs von Seiten der städtischen Immobilienabteilung – so viel wurde nach einer Anfrage im Gemeinderat bekannt – doch Frau T. lehnte wiederum ab und meinte nur, dass sie ihre Ruhe genieße und „die wunderschöne Zeit“ des Badegenusses eben vorbei sei.
Schon 2015 hat die Besitzerin indirekt für ein „gehobenes“ Wohnprojekt, das sie an der Stelle des Bades gerne sehen würde, lobbyiert. Damals schrieb sie an die Nachbarn und behauptete, dass ein Badebetrieb nach heutigen Lärmvorschriften gar nicht mehr möglich sei. Ein Gutachten habe festgestellt, dass der Lärmschutz nicht einmal mit einer 9 ! Meter hohen Mauer bewältigt werden könnte. Außerdem würden massiver PKW-Verkehr und parkende Autos am Straßenrand die Anrainerruhe der schmalen Straße empfindlich stören. Das Ansuchen um Umwidmung des für Erholung und Sport ausgewiesenen Grundstücks für Wohnzwecke wurde von der Stadt Graz abgelehnt. Der Karren scheint endgültig festgefahren. Na ja, prophezeit der Skeptiker der Familie, der wird sich schon wieder einmal bewegen, warten wir es ab. Die jahrelange Pattstellung, eine neue Stadtregierung, das dann vielleicht noch immer gültige Plansoll der Stadtverdichtung in Zentrumsnähe, ein neuer Flächenwidmungsplan und flugs ….
Was flugs, wo im Südosten der Stadt ein Freibad so dringend vonnöten wäre? Dort, wo sich gleich drei große Wohnquartiere von Nord nach Süd aneinanderreihen – die Eisteich-, die Terrassenhaus- und die Wienerbergersiedlung mit rund 2000 Wohnungen. Graz hat sechs Freibäder und keines von diesen liegt so nahe, um als Grätzelbad durchzugehen.
Vielleicht könnte ein psychologisch Geschulter noch einmal versuchen, zu Frau Tschirschwitz ein gutes Gesprächsklima aufzubauen.
Vielleicht könnte man ihr klar machen, dass ein heutiges Grätzelbad, das nachhaltig wirksam sein soll, ohne PKW-Parkplätze und breite Zufahrt auskommen muss und kann. Das Margarethenbad in Geidorf, 1928 von Bruno Zerkowitz nach Plänen von Eugen Székely fertiggestellt, liegt inmitten einer Blockrandbebauung und verfügt über gar keine eigenen Parkplätze. Die braucht es auch nicht, wenn Familien aus der Umgebung mit Kind und Kegel entweder zu Fuß oder per Rad kommen. Probleme mit dem Lärm haben vermutlich nur Nachbarn, die das „Margerl“ selbst nicht frequentieren, doch derer scheint es nicht viele zu geben. Die rührige Grätzelinitiative Margarethenbad wird maßgeblich von Anrainern mitgetragen. Ein schönes Motto ihrer Website lautet: „Stadtleben ist das Zusammenleben von Fremden“. Sicher könnte man den Anrainern am St. Peter Pfarrweg verständlich machen, dass vier bis fünf Monate Badebetrieb mit abgasloser Zufahrt, freudigem Lachen und genussvollem Kreischen nicht unangenehmer sein können als der jahreszeitlich unabhängige Dauerverkehr durch die Eigentümer von Luxuswohnungen in ihren SUV’s und Zweitwagen für Gattin und Söhne.
Vielleicht könnte man Frau Tschirschwitz den Begriff des Gemeinwohls „als Gegenbegriff zu bloßen Einzel- oder Gruppeninteressen innerhalb einer Gemeinschaft“ näherbringen. Wikipedia lehrt uns, dass „sich der Begriff des Gemeinwohls bei Aristoteles notwendig auf die Polis bezog“. Waren nicht immer in der Geschichte jene die angesehensten Mitglieder der Gesellschaft, die nicht nur ihren eigenen Nutzen und Vorteil im Auge hatten? Welch ein Beitrag zu einer klimaschonenden Aufwertung des Wohnbezirks St. Peter, was für ein Beitrag zum guten Leben im Viertel wäre Frau T.‘s Umdenken.
Nachdem wir nicht erwarten können, dass Frau Tschirschwitz ihre Ansicht, dass die wunderschöne Zeit zu Ende ist, ändern wird, würde vermutlich Respekt davor und Einsicht dafür ein erster Schritt für ein Aufeinander zugehen sein. Nachdem wir nicht erwarten können, dass sie zur Wohltäterin wird, könnte ein großzügiges Angebot helfen – eine adäquate Alternative zu ihrem jetzigen Heim, nicht weit entfernt in einem der umliegenden Villenviertel, Umzugshilfe eingeschlossen. Und ein angemessener Preis für das Anwesen, das für uns alle, die wir das Pammerbad und die Erinnerungen daran lieben, viel mehr ist als ein verrottetes Schwimmbecken im Park.
Zuletzt sei noch zu einem gut überlegten, umfassenden Konzept geraten, bevor man vorsichtig den nächsten Versuch eines Gesprächs wagt. Die Zeit ist richtig für Appelle an klimaschonende Beiträge jedes einzelnen zur Verbesserung städtischer Lebensqualität. Als Thema, das für einen Tag auftaucht, um dann wieder für Jahre in der Versenkung zu verschwinden, ist die Erhaltung des Grätzelbades in Graz St. Peter zu wichtig.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Tue 06/04/2021

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Kommentare

Wenn Frau T. das liest,

wird sich ihr Herz erwärmen; falls nicht, gibt's eine Umwidmung in Zirkuswiese. Ich will damit sagen: So eine Stadtpolitikerin wäre dringend nötig, die noch ihr Herz an die schönen, lieben Dinge der Jugend hängt. Ich hätte da auch Einiges zu berichten, so bin ich schon sehr früh ins Damen-Sonnenbad zugelassen worden. Das prägt! Ich vertrage seither den Anblick von Badeanzügen nur ganz schlecht. Deshalb würde ich selber auch bei meinem geliebten Schwarzl-See bleiben (Nord-Teich).

Na, hoffentlich müssen sie

Na, hoffentlich müssen sie beim Schwarzl see den Anblick von Badeanzügen an Frauen nicht ertragen. So wie ich das gelesen habe, hat Frau Tschavgova an das , zugegebenermaßen altmodisch klingende Gemeinwohl erinnert, immerhin eine jetzt mehr denn je aktuelles Thematik, möchte man glauben. Es scheint den jungen vorbehalten (und auferlegt) für eine Zukunft ohne verhehrende Folgen des Klimawandels einzutreten, sich für eine lebenswerte Stadt einzusetzen, in der die Wege, zum beispiel zu Erholungsorten, ohne Auto zurückgelegt werden können. Sie fahren lieber zum Schwarzlsee, das sei Ihnen unbenommen. Wie?

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Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

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