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Bericht
Alte Ansichten - Stadtvisionen des 20. Jahrhunderts
50 Jahre im Überblick

Ausgehend von den Planungen für Groß-Graz durch die Stadtplaner Bleich-Ehrenberger-Gallowitsch, die sich ab 1948 in ihrer Konzeption für "Die offene Stadt für 400.000 Einwohner" an städtebaulichen Prinzipien der "Moderne" der 30-er Jahre und an Le Corbusiers "offener Stadt" orientierten, spannt sich der Bogen bis zu den in Netzwerken operierenden, EU-geförderten Gestaltungs- und Stadtteilkonzepten seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Dazwischen liegen ein halbes Jahrhundert Stadtentwicklung, die bei näherer Betrachtung Anknüpfungspunkte und Parallelen zu internationalen Tendenzen und Entwicklungslinien sichtbar werden lassen: Sind für die 50er Jahre Projekte für "Hohe Häuser" - allen voran das Elisabethhochhaus - prägend für das Stadtbild, dominieren in den 60er Jahren die Ideen von Freiheit auch in der Auseinandersetzung mit Architektur. Zukunftsweisend im Bereich des Wohnbaus ist hier das Demonstrativbauvorhaben Terrassenhaussiedlung der Werkgruppe Graz, visionär und international beachtet die "Neue Wohnform Ragnitz" von Günter Domenig und Eilfried Huth. Im künstlerischen Kontext sind Architekten maßgeblich an den trigon - Ausstellungen, die visionär angedacht die drei Länder Italien, Österreich und Jugoslawien kulturell seit 1967 verbinden (die letzte trigon Ausstellung findet 1995 statt) beteiligt und involviert.

Die internationale Wirtschaftskrise zu Beginn der 70er Jahre leitet ein Umdenken von allzu großer Technikgläubigkeit zu Rückbesinnung auf Bewahren und Schutz der Umwelt ein.
Graz etabliert sich als Stadt der "Bürgerbeteiligung". Auf die medial bestens aufbereitete Aktion "Rettet die Grazer Altstadt" geht sowohl die Installierung der Altstadtsachverständigenkommission zurück als auch die Verhinderung der geplanten Autobahn durch Eggenberg. Eine engagierte Bürgerbewegung veranlasst sogar Bürgermeister Gustav Scherbaum zum Rücktritt. In diesem Bewusstseinsumschwung verschwinden Verkehrspläne, die den Individualverkehr forcieren und an deren Planung lange gearbeitet worden ist, in die Schubladen nicht realisierter Studien.

Das großräumig angelegte "Modell Steiermark" zu Beginn der 80er Jahre stellt den Menschen und seinen umgebenden Lebensraum in den Mittelpunkt des Interesses. Im Bewusstsein der Bedeutung von Plätzen als identitätsstiftende Orte entsteht das von Erich Edegger konzipierte Projekt "Platz für Menschen". Im Wahrnehmen des Stadtraumes als Kulturraum werden Gestaltungspotentiale aller Bezirke mit dem Fokus der Bedeutung für das Stadtbewusstsein untersucht und in einer Studie von Klaus Gartler dargelegt: Ausgangspunkt für die Neugestaltung zahlreicher Plätze, eine Entwicklung, die bis heute andauert und immer noch für Diskussionen sorgt.
"Architekturvisionen" des Avantgarde-Festivals Steirischer Herbst thematisieren 1984 die "Schatten" der Vergangenheit der Stadt Graz in den ehemaligen Luftschutzstollen des Schlossbergs, erste Ansätze einer Auseinandersetzung mit der wechselvollen bislang verschwiegenen Geschichte der Stadt der Volkserhebung. Mitte der 80er Jahre beginnt mit dem Wettbewerb für ein Trigon-Museum im Pfauengarten auch die langandauernde Entstehungsgeschichte des 2003 fertiggestellten Kunsthauses. Weitergedacht sollte es den Ausgangspunkt einer Kulturachse bilden, die über Schlossberg und Mur bis zum Schloss Eggenberg führen sollte.
Das Wassers als stadtprägendes Element fließt in die Auseinanderrsetzung ein; Studien zum Umgang mit dem Mühlgang und Möglichkeiten des Integrierens der Mur in den Lebensraum der Stadt werden erstellt. Und nicht zuletzt entstehen im Rahmen des Modell Steiermark zahlreiche Wohhnbauprojekte, hervorgegangen aus offenen Wettbewerben, an denen sich Architekten der jüngeren Generation beteiligen, die unter anderem dazu beitragen, dass sich Graz als Architekturstadt positionieren kann.

Gegen Ende der 80er Jahre ist im Stadtdiskurs erstmals die Bedeutungsverschiebung vom Zentrum in Richtung Peripherie lesbar, eine Entwicklung der europäischen Stadt, die sich bis zum Ende der 90er Jahre zum "Verlust" der Zentren zuspitzt.
Für Graz bedeutet dies den Beginn der Ausdehnung und gewerblichen Interessensverlagerung nach Süden, zuerst mittels des sogenannten "Speckgürtels", des Einkaufszentums in Webling, um schließlich mit dem Einkaufszentrum Seiersberg über die Grenze der Stadt auszufließen.
Zunehmend ist auch eine Rücknahme der Entscheidungen seitens der Politik zugunsten der Wirtschaft zu verzeichnen, eine Entwicklung, die gegen Ende der 90er Jahre verstärkt in das Bewusstsein der Menschen rückt.

"Die Stadt ist eine kontinuierliche Manifestation der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation. Die Stadtplanung hat zur Aufgabe, für die Realisierung städtischer Vorhaben günstige Voraussetzungen zu schaffen, auf räumliche Konflikte aufmerksam zu machen, zu ihrer Lösung beizutragen und öffentliche Interessen zu wahren. Sie hat nicht zur Aufgabe, die perfekte und damit utopische Stadt zu suchen und deren Bau zu fordern. Postmoderne Stadtplanung ist darum in erster Linie eine Aufgabe des Managements.
In diesem Sinne liefert das Wettbewerbsergebnis die Grundlage für einen Dialog zwischen Stadt, Interessensvertretern und den Bürgern selbst. Es steckt damit einen klaren generellen Rahmen ab, der es Investoren ermöglicht, innerhalb der Absichten der Öffentlichkeit und dem allgemeinen Vorteil, einen Raum für persönliche Entwicklungen zu finden."
(Hansjörg Luser in: Neue Chancen für die Stadtentwicklung, Ein Stadtkonzept für Graz Süd-Ost, in: stadtarchitektur architekturstadt, Architektur und Stadtentwicklung 1986 - 1997, Magistrat Graz, Amt für Stadtentwicklung und Stadterhaltung, o.A., S 205)

Ein Blick auf das Graz von 2004 genügt, um festzustellen, wie lange Visonen für ihre Umsetzung mitunter benötigen, um auch nur in Ansätzen und sei es in der Euphorie einer "Europäischen Kulturhauptstadt 2003" Umsetzung zu finden.

Verfasser / in:

Hansjörg Luser

Datum:

Fr. 02/07/2004
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