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Interview
Architekt Ernst Hubeli zur Grazer Stadtentwicklung und Reininghaus

Nach der Bürgerbefragung bleibt in Reininghaus alles beim Alten, was die Frage einschließt: Welche Chance bietet die große Brache für die Stadtentwicklung von Graz?

Der schweizerische Architekt und Universitätsprofessor Ernst Hubeli hat am 24. Juli 2012 dem ‚Standard’ ein kurzes Interview zu dieser Frage gegeben (siehe LINK unten), das im Folgenden mit einer fachlichen Diskussion vertieft wird. Hubeli war Leiter des Instituts für Städtebau an der TU Graz und hat ‚Asset  one’, die Entwicklungsgesellschaft von Reininghaus, mehrere Jahre beraten.

Die Bürger haben mit großer Mehrheit den Kauf der Reininghausgründe abgelehnt, was für viele keine Überraschung war.

Hubeli: Auch für mich nicht. Die Befragung war ja eine Zumutung, da eine Katze im Sack zum Kauf stand, die sich nicht nur als Wolf erweisen könnte, sondern als ein zu teures Areal. Auch die Hintergründe blieben im Dunkel. Geht es um die Rettung der verschuldeten Besitzer oder um öffentliche Interessen der Stadt? Vielmehr hätte die Frage interessiert: Welche Chance bietet die „größte Brache in Europa“ für die Stadtentwicklung von Graz?

Wer hätte die Frage aufwerfen sollen?

Hubeli: Vor allem die lokalen Printmedien haben es verpasst, zu informieren und aufzuklären. Vermutlich waren auch sie überfordert. Die Printmedien sind gegenüber den Netzmedien in ganz Europa schon länger im freien Fall – die steirische Presse scheint schon unten angekommen zu sein.

Es geht das Gerücht um, dass die Filetstücke von Reininghaus bereits verkauft sind, sodass eine Stadteilplanung als Ganzes nicht mehr möglich ist?

Hubeli: Nach meinen Informationen nicht in dem Ausmaß, dass eine Stadtentwicklung verunmöglicht würde. Entscheidend ist also die Frage: Gelingt es der Stadt, die weitere Zerstückelung des Gesamtareals zu verhindern, damit Reininghaus als Ganzes entwickelt werden kann? Gelingt es nicht, so muss man davon ausgehen, dass ein trostloses Wohnghetto entsteht.

Um das zu verhindern, gibt es zwei Möglichkeiten: Erstens wissen die Besitzer selbst, dass sie im eigenen Interesse ein städtebauliches Gesamtkonzept entwickeln, damit nicht 0815, sondern Hochwertiges entstehen kann. Zweitens kann die Stadt davon ausgehen, dass ein Areal ohne Rechtssicherheit wenig wert ist. Anders gesagt: Die Stadt kann verlangen, dass zuerst ein Gesamtkonzept für die Entwicklung von Reininghaus vorliegen muss. Und zwar nicht ein simpler Bebauungsplan, sondern eben ein Konzept, das die schrittweise Entwicklung wie den Planungsprozess einschließt.

Es stellen sich nun Fragen zu Reininghaus, welche bisher noch nicht diskutiert wurden, weder in den Printmedien noch politisch: Was könnte das Gesamtkonzept sein? Wie könnte es entwickelt werden? Und welche Chancen sind damit für Reininghaus und Graz verbunden? Da stellt sich ja zuerst die Frage, ob man ganze Stadteile noch wie früher planen kann oder ob man überhaupt noch so große Areale planen kann?

Hubeli: Um die Fragen zu beantworten, scheint mir eine Klärung nötig, was heute Stadt, was Urbanität bedeutet. Zum einen befinden wir uns im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Bildungsangebote und Wissensproduktion sind die wichtigsten Standortfaktoren für die Städte geworden, wichtiger als Kultur. Zum anderen bedeuten neue Lebensgewohnheiten, die Telekommunikation, ökologische Probleme und die Dynamik globaler Märkte neue Herausforderungen für alle Städte.

Was sind die Folgen für die Stadtplanung?

Hubeli: Man kann nicht mehr einfach festlegen, da wird gewohnt, dort gearbeitet und dort muss man sich erholen. Mit der Telekommunikation sind viele Tätigkeiten ortsunabhängig und delokalisierbar. Wer wo was tut, ist nur noch teilweise planbar, so wie es mehr Freiheiten für die Einzelnen gibt. Im Fachjargon sprechen wir deshalb von einem postfunktionalen Städtebau.  

Haben das Handy und das Internet die Stadt verändert?

Hubeli: Mit dem Internet und Handy verdoppelt sich die Stadt: sie existiert physisch und virtuell. Mit dem Navigieren wird jede Stadt größer und zugleich kleiner, weil man schnell einen Überblick gewinnt und ihn auf Bildschirmgröße reduzieren kann. Neu ist auch, dass übers Netz die Stadt und ihre Ereignisse nicht nur navigiert, sondern auch generiert werden.

Die Folge ist, dass die Städte sich anders entwickeln und gebraucht werden.

Hubeli: Wie eine Stadt, ihre öffentlichen Räume, ihre Häuser und Areale gebraucht werden, ist einer viel höheren Ungewissheit und Dynamik ausgesetzt als früher. Umso mehr gilt umgekehrt, dass beliebte Orte und Stadtteile - sogenannte Dauerbrenner – sich dieser Dynamik entziehen können und erhalten werden.  

Städte stehen in einer harten Konkurrenz. Wie kann sich eine Stadt am besten an diese Erneuerungen anpassen, um sich Standortvorteile zu verschaffen?

Hubeli: Sie muss viel mehr Spielräume einplanen - auch Leerstellen, weiße Flecken im Stadtplan, damit sich die Quartiere der erhöhten Dynamik und den neuen Bedürfnissen besser anpassen können. Es braucht vermehrt „Orte, wo (noch) nichts geschieht“, wie Peter Handke sagt.

Verfasser / in:

Angela Robert
Nicola Früh

Datum:

Di. 24/07/2012

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BIOGRAFISCHE NOTIZ


Univ.-Prof. Arch. Ernst Hubeli war Universitätsprofessor und Leiter des Institutes für Städtebau an der TU Graz und hat ‚Asset one‘ unter der vormaligen Leitung von Roland Koppensteiner beraten. Dabei wurde eine  innovative Planungsmethode für Reininghaus entwickelt. Hubeli forscht zurzeit über urbane Verdichtungs- und Zukunftsszenarien und zum Thema Stadt und Bildung. Er ist wissenschaftlicher Berater von Stiftungen und Universitäten und hat seit 1982 ein Architekturbüro in Zürich. Herczog  und Hubeli haben die Umnutzung zahlreicher Industriebrachen in der Schweiz projektiert - u.a. das Steinfelsareal, das Toni-  und das Escher-Wyss-Areal. Das Büro hat rund 30 Bauten realisiert und Forschungen zur Urbanität, Öffentlichkeit und zum Wohnungsbau verfasst. Aktuelle Projekte hat das Büro in Zürich, Deutschland, Italien und Griechenland.

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