LKH Graz, Eingangszentrum
Eingangszentrum LKH Graz, 2004
Architektur: Architekten Croce-Klug, ©: Paul Ott

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Bericht
Architekten Croce-Klug – Büroschließung

Wenn einer Abschied nimmt, so wird er, sofern er die Fähigkeit zu selbstkritischer Betrachtung und Analyse besitzt, naturgemäß noch eine harte Prüfung absolvieren. Er wird zurückblicken auf viele Jahre eines Tuns, das immer eine Gratwanderung darstellt zwischen dem ganz persönlichen Idealbild eines Lebensentwurfs, der natürlich auch die Arbeit einbezieht, und den Herausforderungen, Widrigkeiten und Widerständen einer alltäglichen Realität, der persönliche Ansprüche und die Befindlichkeit des Einzelnen meist schnurzegal sind. Das ist bei Menschen in Kreativberufen nicht anders als bei anderen. Was beide allerdings gravierend unterscheidet, ist, dass das Bemühen und auch das Gelingen oder Misslingen in den produktiven Ergebnissen der Ersteren zutage tritt. Bei Architekten werden diese Ergebnisse für Jahrzehnte und Generationen manifest – in ihren Bauten.

Helmut Croce und Ingo Klug schließen in diesen Tagen nach 35 Jahren ihr Büro. Ihren beruflichen Weg nachzuvollziehen über das, was sie gebaut haben, ist interessant, weil er indirekt, ohne Manifeste, Monographien oder andere Bekenntnisse Aufschluss gibt über ihre Ansprüche und ihre Haltungen. Mehr noch, selbst Kompromisslosigkeit oder zumindest Konsequenz glaube ich erkennen zu können in der Tatsache, dass die Wohnbauten, die Croce-Klug realisiert haben, mit einer Ausnahme allesamt vor 1995 entstanden sind. Sie alle konnten im Modell Steiermark umgesetzt werden mit einer Fachabteilung der Landesbaudirektion, die es nach der Landtagswahl 1995 und dem Wechsel politischer Zuständigkeiten so nicht mehr gab, weil der danach zuständige Landesrat für Wohnungsbau „die Selbstverwirklichung von Architekten im Wohnungsbau“ für unangebracht hielt.

Dabei hatten sich die Architekten anfangs, seit den frühen 1980er Jahren, über den Wohnungsbau einen Namen gemacht. Der ist bei ihnen immer zuerst eine dezidiert städtebauliche Aufgabe, auch am Land wie in Hausmannstätten oder bei den Solo-Gründen in Deutschlandsberg, die sie mit einer einfachen, klaren Konzeption (immer wieder mit einer erkennbaren Vorliebe für Symmetrie) beantworten. Erst danach scheinen sie strukturelle Ordnungen herauszuarbeiten, die von der Erschließung bis zur Belichtung von Wohnräumen immer grundsätzlich gedacht und gelöst sind.

Zeigen sich an ihren Wohnbauten anfangs noch leichte Anklänge an die Postmoderne, etwa im symmetrischen Aufbau von Fassaden, in Stützenstellungen und Rundfenstern, so löst sich Croce-Klug von dieser in ihren zahlreichen späteren Bauten. Anstelle von Wohnbauten treten zahlreiche Bauten für das Gesundheitswesen, Schulerweiterungen und Veranstaltungsräume. Wenn die Architekten mit Bestand und historischer Substanz arbeiten, dann zeigt sich ihr gründliches und sorgfältiges Vorgehen ganz besonders. Es ist gekennzeichnet von Respekt vor dem Bestehenden, zeigt aber keine Scheu vor dem Sichtbarmachen neuer, zeitgemäßer Schichten. Da wird die Erweiterung der 1. Medizinischen Klinik im LKH Graz dem Originalpavillon mit einer Fuge, einer verglasten Brücke, als Respektsabstand zur Seite gestellt und zugleich verbunden und ein Materialkanon entwickelt, der die Erweiterung zum eigenständigen Gebäude werden lässt und zugleich Ausdruck einer Zeit ist, in der Hygiene und Funktionalität sich auch in der Materialwahl ausdrückt. Peter Blundell Jones hat dieses Gebäude in sein Werk Dialoges in Time. New Graz Architecture aufgenommen, was zeigt, dass es ihm nicht allein um eine Analyse der sogenannten Grazer Schule gegangen ist, sondern darum, die kreative Vielfalt, die den Studierstuben der Grazer Technischen Hochschule entsprungen ist, aufzuzeigen. P.B.J. bemerkt aber auch, dass das Durcheinander des speziellen Orts im LKH nicht viel Freiraum und Freiheit gelassen hat. Auch in diesem Licht gewinnt das Gebäude an Qualität.

Dass die Architekten auch in der Lage waren, Großbauten zu bewältigen, mit Qualität bis ins Detail, zeigt sich am ZMF, dem Medizinischen Forschungszentrum am Rand des LKH-Areals. Mein persönliches Lieblingsobjekt im Krankenhausareal ist das unter Terrain liegende und doch gut belichtete Hörsaalzentrum, das ich wegen seiner Zurückhaltung und sympathischen Geste der Einfügung (nicht Unterordnung) mag (auch wenn es innen etwas kühl wirkt). Wer so etwas zustande bringt, zeigt, dass für ihn Architektur nicht in erster Linie Selbstverwirklichung ist. Am Eingangszentrum wiederum vermisse ich diese Zurückhaltung, ich gebe aber zu, dass mich in erster Linie die extrem hohen Säulen vor der Fassade stören, die das oberste Geschoß an der Riesstraße tragen.

Sieben Mal im Lauf der Zeit wurde an Bauwerke von Croce-Klug die GerambRose verliehen, während sie den Landesarchitekturpreis, der im Jahr ihrer Bürogründung erstmals verliehen wurde, nie erhalten haben.

Es besteht kein Zweifel: Croce und Klug gehören zur Grazer Szene, haben in ihr jedoch immer eine Randposition eingenommen. Mehr wurde ihnen offensichtlich nicht zugestanden. In den 13 Standpunkten der Grazer Schule aus 1984 sind sie nicht vertreten, was noch eher verständlich ist. Dass sie weder in der Ausstellung Architektur als Engagement. Architektur aus der Steiermark 1980-1992, die das Haus der Architektur 1993 konzipierte, noch im dazu erschienenen Katalog mit mehr als einem Modellfoto vertreten sind und dass sie im opulenten, nach Funktionen gegliederten Katalog stadtarchitektur architekturstadt. Architektur und Stadtentwicklung 1986 – 1997, das vom Amt für Stadtentwicklung unter Hansjörg Luser herausgegeben wurde, mit keinem einzigen Objekt erwähnt werden, ist ungerecht und falsch. Merkwürdig auch, dass Croce-Klug in der Festbroschüre anlässlich von 125 Jahren der Landesbaudirektion mit der legendären FA IV A nur als Randbemerkung zum Wohnbau vorkommen.

Offensichtlich tat man sich in einer Zeit, in der vielfach das Bauchgefühl Form und Aussehen von Bauten in der Steiermark bestimmte, in der manch ein Architekt „den Bleistift nicht rechtzeitig weglegen konnte und immer weiter Kurven ziehen musste“ (O-Ton Sokratis Dimitriou) schwer mit dem kühlen Intellekt von zwei Architekten, die konzeptive Eingliederung, Funktionalität, Klarheit und kühle Eleganz zu ihrem Prinzip erhoben hatten.

Im Rückblick können Helmut Croce und Ingo Klug aufrechten Blicks auf ein Werk zurückschauen, das in jeder einzelnen Arbeit von ihrem kontinuierlichen Engagement in Sachen Architektur zeugt und auch vom steten Bemühen, der Welt ein Stück Architektur hinzuzufügen, das bleibenden Wert hat und nie banal ist. So gesehen bleibt ihnen nur zu wünschen, dass der Prozess des Abschließens nicht ein schmerzhafter ist und sie in eine Zukunft blicken, in der sie mit ebensolcher Klarheit des Denkens zu neuen Ufern und Taten aufbrechen wollen. Die Jüngeren, Nachfolgenden könnten aus der Beschäftigung mit diesem Werk lernen, dass Haltung und konsequent hoher Anspruch an das eigene Tun sich deutlich in einem Lebenswerk niederschlagen. Das „hinzukriegen“ ist in Zeiten ökonomischer Krisen vermutlich noch schwerer, aber lohnt sich, wie man in dieser Bilanz sehen kann. Gratulation und den Hut gezogen vor den beiden Abschiednehmenden!     

Lebensläufe

Helmut Croce
1940 in Bösenreutin, BRD
1963-1972 Architekturstudium, TU Graz
1972-1974 Stipendien für Brüssel und Paris
Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros
u.a. bei Piano-Rogers in Paris/Centre Pompidou, Klaus Kada etc.
ab 1980 Bürogemeinschaft mit Ingo Klug.

Ingo Klug
1943 in Graz
1963-1970 Architekturstudium, TU Graz
1971-1972 Stipendium der Stmk. Landesreg. für Amsterdam, NL
ab 1980 Bürogemeinschaft mit Helmut Croce.

Publikationen (Auswahl)

  • CROCE-KLUG
    ARCHITEKTUR UND MEDIZIN / MEDICAL ARCHITECTURE
    raum.kunst.graz
    ISBN 978-3-9502351-0-4
  • Architektur Steiermark
    2005, Haus der Architektur
    _ Turn- und Mehrzweckhalle Naas, 1994 (Nr. E-19)
    _ Veranstaltungssaal Schloss Wildon, 2001 (Nr. S-22)
    _ Medizinisches Forschungszentrum (ZMF), 2004 (Nr. G-08)
  • Architektur in Graz
    2003, Haus der Architektur
    _ Eingangszentrum LKH Graz, 2003 (Nr. H01)
    _ Medizinische Klinik 1, LKH Graz , 1997 (Nr. H05)
    _ Hörsaalzentrum, LKH Graz, 2001 (Nr. H06)
    _ Medizinisches Forschungszentrum, LKH Graz, 2004 (Nr. H11)
  • Dialogues in Time
    1998, Haus der Architektur
    Extension I of the Medical University Clinic of Graz Regional Hospital, 1995-1997 (Seite 170-173)

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Mi. 18/11/2015

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Ein Team, das sich mit kontinuierlichem Engagement und Qualitätsarbeit der Architektur gewidmet hat, nimmt seinen Hut – GAT zieht seinen Hut.

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