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©: Theresa Reisenhofer

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Bericht
ArchitektInnen und das Land
– eine Kapitulation?

KAPITEL 2 - ArchitektInnen und das Land I

Im gegenwärtigen Architektur-Land-Diskurs treten die ArchitektInnen als Retter der Baukultur auf und versuchen durch Architektur-Vermittlung und Vorbild-Wirkung der Laien-Bevölkerung zu erklären, was gut und was schlecht, was Baukultur ist. Diese Form des Gegenüberstellens einer Ästhetik wurde auch schon vom Verein für Heimatschutz verwendet um „gute Beispiele“ von den „schlechten“ abzuheben. Bis heute bewegen sich die inhaltlichen Fragen zum Thema Baukultur und Land fast ausschließlich auf einer ästhetischer Ebene. Es ist aber notwendig, tiefer auf die Problematik einzugehen und die Ebene der Ästhetik zu verlassen. Sich grundsätzliche Fragen zu stellen. In diesem Kapitel wurde den InterviewpartnerInnen Fragen zur Verortung der ArchitektInnen gestellt, welche Vor- und Nachteile es für das Arbeiten und Wohnen in ländlichen Gebieten gibt, über die Situation der Architektur in Vorarlberg im Vergleich zur Steiermark und auch über ein mögliches Akzeptanzproblem bzw. über Klischees. In der Befragung ist klar zu erkennen, dass das Vorzugsgebiet der ArchitektInnen urbane Räume sind. Bei den Studierenden verschiebt sich der Trend und wechselt zu einer fast gleichmäßigen Aufteilung in dichtere und weniger dichtere Gebiete. Zum Thema Vor- und Nachteile für das Arbeiten und Wohnen am Land kann zusammenfassend folgendes aufgestellt werden: Die vorgestellten Vor- und Nachteile bilden das traditionelle Bild von Stadt und Land ab, einerseits die vielfältige, belebte, aufregende Stadt und anderseits das Land, mit wenig aufgeschlossenen Menschen, mit wenig Austausch, aber verbunden mit einer guten Lebensqualität. Erst im letzten Aussagenfeld wird beschrieben, dass die globalen Prozesse auch neue Möglichkeiten eröffnen und eine Verortung für Architekten oder der Architektin nicht mehr zwingend notwendig ist. Dennoch ist die Anzahl der ArchitektInnen am Land im Vergleich zur Stadt sehr niedrig.

Für den nächsten Themenbereich werden wir einen Schauplatzwechsel nach Vorarlberg durchführen. In Vorarlberg hat man es geschafft, in der Zusammenarbeit mit den HandwerkerInnen eine allumfassende Gestaltungsrelevanz zu entwickeln, die auch im privaten Bereich anerkannt ist. In der Steiermark ist diese Situation genau umgekehrt. Da bilden Gebäude von ArchitektInnen die Ausnahme und der Hauptteil der Entwurfs - und Planungsleistungen werden von Baufirmen oder anderen PlanerInnen durchgeführt. Es wird geschätzt, dass für die Planung von Bauvorhaben 95% von BaumeisterInnen erfolgen und nur rund 5% von ArchitektInnen. Die Befragten äußern dazu, dass die jeweiligen Kompetenzbereiche zwischen ArchitektInnen und HandwerkerInnen durch Schnittstellen klar definiert werden und beide Bereiche eine gleiche Wichtigkeit besitzen. Im Vergleich dazu existiert in der Steiermark nicht diese klare Trennung von Kompetenzen. „Architekten haben keine Tradition im ländlichen Raum.“ äußert sich dazu eine Interviewpartnerin. Der ländliche Raum ist geprägt von einer anonymen Baukultur, die sich über Jahrhunderte selbstständig und lokal ohne ArchitektInnen entwickelte. Außerdem war in der Vergangenheit das primäre Aufgabengebiet der ArchitektInnen das Entwerfen von prestigeträchtige Bauten wie Schlösser, Tempel, Kirchen, Rathäuser und Denkmäler alle Art, Zeichen zu setzen und Repräsentation sichtbar zu machen. Dieses urtypische Verständnis vom Aufgabengebiet der ArchitektInnen spielt für die Auffassung des klassischen Berufsbildes eine wichtige Rolle und betrifft hier gleichermaßen die ArchitektInnen und die Laien. In dieser Hinsicht wird eine unnahbare und elitäre Stellung der ArchitektInnen verstärkt wahrgenommen. Man vertraue hingegen eher den BaumeisterInnen, denn man kennt sie. Sie gelten als praktisch und pragmatisch. Sie sind auch in der Dorfgemeinschaft integriert, gehen zur Kirche oder sind in Vereinen tätig. Die ArchitektInnen wirken in dieser Hinsicht eher unnahbar, man weiß eigentlich nicht über den Kompetenz- und Tätigkeitsbereich Bescheid. Die meisten InterviewpartnerInnen bestätigen, dass es ein Anzeichen für ein Akzeptanzproblem zwischen ArchitektInnen und der Landbevölkerung gibt. Einerseits durch den schlechten Ruf oder Vorurteile und andererseits gibt es zu wenig Wissen über die Tätigkeit der ArchitektInnen. Folgende Klischees konnten die InterviewpartnerInnen wiedergeben und sind nach der Mehrheit der Antworten gereiht: Die ArchitektInnen seien teuer und somit nicht leistbar für die normale Bevölkerung. Sie sind in technischen Bereichen nicht avanciert, denken nicht praktisch und haben vom Bauen wenig Ahnung. Sie wollen nur sich selbst verwirklichen und gehen auf die Wünsche der BauherrInnen nicht ein. Die ArchitektInnen müssen möglichst originell entwerfen und man geht daher nur zum Architekten oder zur Architektin, wenn man sich etwas Außergewöhnliches wünscht. Auf die Frage, wie man das Akzeptanzproblem bearbeiten könnte wurde mehrmals der Wunsch nach einem Ausbrechen aus der autonomen Architekturblase artikuliert. Es geht dabei um eine Neuordnung des klassischen Berufsbildes.

Verfasser / in:

Theresa Reisenhofer

Datum:

Mo. 12/02/2018

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Infobox

ArchitektInnen und das Land - eine Kapitulation?
Masterarbeit von Theresa Reisenhofer, TU Graz,
Oktober 2017

Die provokative Fragestellung im Titel zeigt auf, dass es in vielerlei Hinsicht eine gegensätzliche Beziehung zwischen ArchitektInnen und dem ländlichen Raum gibt.

In Interviews mit Architektur- schaffenden und Studierenden erkundet Reisenhofer, was diese über das Land denken und welche Herausforderungen es aus deren Sicht gibt.

Die Arbeit wurde von Univ.-Prof. Mag.phil. Dr.phil, Anselm Wagner, Vorstand des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften an der Technischen Universität Graz zur Erlangung des akademischen Grades Diplom-Ingenieurin im Masterstudium Architektur erstellt.

Interessierte können in der Universitätsbibiothek der TU Graz in die 230 Seiten umfassende Arbeit Einsicht nehmen.

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