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Außenansicht Adambräu
Architektur: Lois Welzenbacher, ©: Nikolaus Schletterer

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Bericht
aut. architekur und tirol

Das Tiroler Architekturzentrum im Adambräu in Innsbruck

Die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Aspekten von Architektur zu fördern und die Diskussion über eine qualitätsvolle Gestaltung unseres Lebensraumes anzuregen sind zwei wesentliche Zielsetzungen, die aut. architektur und tirol seit über 20 Jahren verfolgt. Zum einen in Form einer kontinuierlichen, oft unsichtbaren Basisarbeit an der Schnittstelle zwischen Fachwelt, Öffentlichkeit und Politik, zum anderen über verschiedenste Veranstaltungsformate, die sich sowohl an ein Fachpublikum als auch an die interessierte Öffentlichkeit wenden.

Exemplarisch für die Vielfalt an Themen bzw. für die an unterschiedliche Zielgruppen gerichteten Formate steht das Programm der kommenden Monate: So spricht der Schweizer Gestalter Franco Clivio über die verborgenen Qualitäten in Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs und der Psychotherapeut und Entwicklungshelfer Johannes Rauch über die Rolle des Handwerks als ein Mittel zur Stärkung des Selbstwerts. Jan de Vylder kommt zu einem Vortrag über die Arbeit des international bekannten flämischen Architekturbüros architecten de vylder vinck taillieu und mit Dieter Henke und Marta Schreieck sind zwei renommierte Österreichische ArchitektInnen zu Gast im aut. Architektur hautnah erlebt werden kann bei Vor Ort-Gesprächen, z. B. bei mehreren Projekten von DIN A4 Architektur, die in Mils zur Dorfkernrevitalisierung beitragen, beim Haus der Musik, wo Erich Strolz und Dietrich | Untertrifaller durch Innsbrucks derzeit größte Baustelle führen oder bei zwei Schulerweiterungen in St. Johann in Tirol von parc Architekten und Johannes Wiesflecker. Auch für junge BesucherInnen gibt es ein Programmangebot, das seit 2015 in unserem „flügge gewordenen Kind“, dem bilding, stattfindet.

Aktuell zu sehen: Einfach alltäglich.
Über Gegenstände und ihre Geschichten

Ähnlich vielfältig wie das Veranstaltungsprogramm ist die bis Anfang Juni im aut gezeigte Ausstellung einfach alltäglich. Denn was verbindet einen Legostein, eine Brille, eine Filmkamera, ein Duschgel, einen Rucksack und einen Schraubenzieher, mehrere Sitzmöbel, Stifte, Maßbänder und Espressomaschinen? Es sind allesamt Alltagsgegenstände, die meist so selbstverständlich genutzt werden, dass sie gar nicht mehr wahrgenommen werden. Die Ausstellung versammelt etwa 154 derartige Gegenstände, zur Verfügung gestellt von 138 ArchitektInnen, GrafikerInnen, DesignerInnen, KünstlerInnen und TheoretikerInnen, die in den vergangenen zehn Jahren zum Programm des aut beigetragen haben. Die Objekte und die dazu verfassten persönlichen Texte bieten Einblick in eine Welt von Alltagsgegenständen und kulturellen Hintergründen, der quer durch kreative Berufsfelder reicht.

Sommerausstellung: Snøhetta: Relations
Spezifische Installationen, mit Wasser geflutete oder komplett schwarz ausgemalte Räume – das aut präsentiert sich immer wieder anders. Denn Architektur wird nicht nur mit Plänen, Fotos oder Modellen ausgestellt, sondern auch über Rauminterventionen direkt erfahrbar gemacht. So auch diesen Sommer, wenn das international tätige norwegische Architekturbüro Snøhetta im aut eine „soziale Landschaft“ bauen, auf der man liegen, sitzen und gehen kann, die zu einer neuen Art der Raumwahrnehmung animieren will oder zum Picknicken einlädt. Das interdisziplinär arbeitende Büro wurde mit Projekten wie der Bibliotheca Alexandrina, dem Opernhaus in Oslo oder jüngst mit der Erweiterung des MOMA in San Francisco bekannt. Neben der 1:1 Intervention, die den sozialen, landschaftsbezogenen und integralen Ansatz von Snøhetta erlebbar macht, werden zahlreiche Projekte mit Entwürfen, Prototypen, Modellen und Fotos vorgestellt.

Italien zwischen Fleimstal und Asmara
Im Herbst widmen sich parallel zwei Ausstellungen sehr spezifischen Fragestellungen im Zusammenhang mit einer Talgemeinschaft in Südtirol-Trentino und einer ehemaligen italienischen Kolonialstadt. Zum einen geht es um die Talgemeinschaft Fleims, einem Zusammenschluss von elf Gemeinden in der Region Südtirol-Trentino, der aufgrund seiner, im 12. Jahrhundert begründeten Selbstverwaltung und Gerichtsbarkeit eine einmalige Sonderstellung einnimmt. Ausgehend von den rechtlichen Rahmenbedingungen – eine Art Bauernrepublik – entwickelten sich spezifische Dorfstrukturen mit spannenden räumlichen Schichtungen zwischen privaten, halböffentlichen und öffentlichen Bereichen. Hybride und mehrdimensional genutzte Strukturen, die im heutigen Diskurs aktueller denn je sind. Basierend auf der fotografischen Auseinandersetzung von Walter Niedermayr geht die Ausstellung der Frage nach den Identitäten, den Qualitäten und der Zukunftsfähigkeit der baulichen wie sozialen Dorfstrukturen im Fleimstal nach.
Zum anderen widmet sich eine Ausstellung Asmara, der heutigen Hauptstadt Eritreas, die 1900 zur Hauptstadt der italienischen Kolonie Ostafrika wurde und v. a. in den 1930er Jahren politische Bedeutung gewonnen hat und durch Zuwanderung aus Italien rasant anwuchs. Diese Blütezeit führte dazu, dass es in Asmara das weltweit größte geschlossene Architekturensemble der Moderne gibt, das aufgrund der politischen Verhältnisse bis heute weitgehend erhalten ist.
Basierend auf dem vom FWF unterstützten interdisziplinären Forschungsprojekt des Instituts für Architekturtheorie der LFU Innsbruck, The Sleeping Beauty, zeichnet die von Stefan Graf und Peter Volgger kuratierte Ausstellung das Porträt einer Stadt in ihrer Spannung zwischen der widersprüchlichen Logik einer kolonialen Vergangenheit und dem gegenwärtigen Kampf um eine afrikanische Identität. Mit dem Ziel, gängige Mythen in Frage zu stellen und ein differenziertes Asmara-Bild zu zeigen, werden verschiedene Aspekte mittels Architekturmodellen, Plänen, Fotobüchern und Filmen aufbereitet.

Verfasser / in:

Claudia Wedekind

Datum:

Mi. 12/04/2017

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