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trigon 1967, Ausstellungsaufbau beim Künstlerhaus in Graz
©: Eilfried Huth

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Essay
Beinahe 50 Jahre
trigon 1967 ambiente/environment

Weiß von der Decke bis Boden war der Raum von Luciano Fabro. Jeder Besucher, jede Besucherin war frei, selbst seine Vorstellung, Fantasien, Wünsche von Raum zu erzeugen: Architektur als persönliche, tief subjektive Empfindung, frei von jedem äußeren Einfluss.

Andere Ideen zum Raum wurden von Wilfried Skreiner, Leiter der Neuen Galerie Graz und der trigon Biennalen als Herz in das Konzept von 1967 verpflanzt. Die bildende Kunst, Malerei und Skulptur sollten das Netzwerk, die Schlagadern dazu sein. Das Experiment als Kreislauf, das das Denken, das Zusammenleben, das Sein neu durchblutet, den Puls in der Architektur ummoduliert. Das Gesamtkunstwerk des Einzelnen manifestiert sich wiederum als Mosaikstein für eine neue ganzheitliche Summe aller Teile. Partizipation, Kollaboration und Integration werden zu Leitmotiven im Entwicklungsprozess der Ideen. Die Öffentlichkeit, das Publikum wird Begleiter. Resonanz ist erwünscht, ja gefordert. 
Der Künstler hatte sich vom Bild zu befreien, dass Kunst für die Ewigkeit bestimmt sein muss, dem Kanon sich unterwirft.
Die schöpferische Kraft des Individuums transparent zu machen, vom Nimbus des Unbegreiflichen zu befreien, war eine von vielen Forderungen. Dem bisherigen unantastbaren, ernsten Ringen traten Kunterbuntes und Sprunghaftes entgegen. Die noch junge Wahrnehmungsforschung beeinflusste den kreativen Geist. Flüchtiges, Temporäres, Wandelbares werden zu substantiellen Bestandteilen einer neuen Wesentlichkeit.
Trigon 1967 rüttelte heftig am Fundament der Erscheinungsformen und Methoden von Architektur.
Sechzehn Künstler aus dem damaligen Jugoslawien, Italien und Österreich stellten sich rund um das Künstlerhaus am Burgring in Graz dem Publikum. Den Mittelpunkt setzten Günther Domenig und Eilfried Huth mit ihrem Transformator, dem Ausstellungspavillon. Als Architektur kannte er weder Fassade noch Innenraum, sollte aber im Laufe der Ausstellungsdauer für jede Menge Spannung sorgen.
Neben dem Pavillon gab es zwei weitere Bereiche in der Ausstellung: Installationen innerhalb des Künstlerhauses und eine Art Skulpturenpark auf der Wiese davor, alles miteinander durch eine durchdachte Wegführung verbunden.  
Allen Bereichen war eines gemein, die Besucher wurden unmittelbar nach Betreten der Ausstellung Teil der Installationen, verloren die Distanz als reiner Betrachter. Skulpturen mussten erklettert werden, visuelle Effekte wie Lichtprojektionen und reflektierende Spiegel sorgten für Desorientierung und Irritation.
Gianni Colombos Spazio Elastico löste jede Erwartungshaltung von Stabilität in der Architektur auf, drängte den Raum an den Rand der Illusion. Ein kubisches, abgedunkeltes Netz, ein Geflecht elastischer Nylonbänder wurde mittels angeschlossener Motoren ständig ausgedehnt und wieder zusammengezogen. Licht wurde auf Spiegel projiziert, die den Würfel und seine Bewegungen durch kurze und intensive Lichtblitze zusätzlich verzerrten. Nachbilder, die sich mit den tatsächlichen Nylonbändern überlappten, entstanden.  
Marc Adrian ließ ebenso dem Raum kaum Raum, indem er auf Spiegeln in einer sonst schwarzen Umgebung absurde Bilder und Text projizierte. Für Adrian war ein Ort, der sich jeder eindeutigen Zuordnung durch den Betrachter entzieht, eine Analogie zu den eigenen, persönlichen Erfahrungen in der modernen Stadt, die ebenso für andere unverständlich bleiben.
Humorvoll provozierte Oswald Oberhuber in seiner Arbeit, die die Architektur buchstäblich mit offenem Mund dastehen ließ, während Rudolf Pointner wiederum ähnlich wie Colombo seine Installation mit Projektionen bunter Muster, Symbolen und Texten bewarf. Miroslav Šutejs Rain (Environment) stellte sich als farbenprächtige Kleinwelt mit Kunstblumen, die aus einem ebenso artifiziellen Rasen sprießen und mit einem aufblasbaren Himmel, aus dem Bänder von bunten Bällen baumeln, darüber dar. Aufmerksame Besucher in der Jetztzeit konnten dieses psychedelische Kleinod, wiederentdeckt und restauriert, 2015 in der Neuen Galerie in der Ausstellung Landschaft: Transformation einer Idee bewundern.

Nicht nur Bewunderung gab es seinerzeit. Aufgeregte Traditionalisten forderten neben der Entlassung Wilfried Skreiners auch den Rücktritt des damaligen Kulturreferenten Hanns Koren. 
Möglichweise als Präventivmaßnahme legte daher zwei Jahre später Hans Hollein dem trigon Katalog zum 1969er Thema Architektur und Freiheit eine Glücks-Pille aus seinem enviromental control kit bei. 
Aber das ist eine andere Geschichte.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Fr. 11/11/2016

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2017 wird von Grazer Kulturinstitutionen der legendären Dreiländerbiennale trigon 1967 gedacht.  
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Mit dem Essay Beinahe 50 Jahre – trigon 1967 ambiente/environment nimmt Emil Gruber den Ball auf.
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