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Essay
Denkmal sucht Erbe

Die Altstadterhaltung ist im Vergleich zum Denkmalschutz in Österreich eine junge Disziplin und agiert in einem von vielseitigen Interessen umkämpften Raum, dessen Denkmalbestand heute keineswegs garantiert ist. Es stellt sich also die Frage, welches baukulturelle Erbe wir sichern und wem wir es vererben wollen!

Vergangenheit
Die BürgerInnen der Stadt Graz haben schon zu Beginn der 1970er Jahre verdeutlicht, wie wichtig Ihnen die seit dem 12. Jhdt. gewachsene historische Altstadt ist. Weitsichtig konnte damals durch eine Initiative von Prof. Max Mayr der Abriss wichtiger Baudenkmäler der historischen Altstadt zugunsten breiter Straßen und innerstädtisch gelegener Hoch- und Tiefgaragen verhindert werden. Heute blicken wir mit Stolz auf die architekturhistorischen Denkmale, die dem motorisierten Individualverkehr der „Wirtschaftswunder-Generation“ so sehr im Wege waren: Die beiden letzten verbliebenen Tore der Renaissancebefestigung – das Äußere Paulustor und das Burgtor – leiten als Baudenkmal in die Welterbezone mit schmalen Gassen, reizvollen  Arkadenhöfen und lebenswerten Plätzen. 

In den 1970er Jahren finden die Bestrebungen der Baukulturerhaltung auf europäischer Ebene ebenso großen Widerhall – Europäisches Jahr des Denkmalschutzes 1975 – wie auf lokaler Ebene – 1974 trat das Grazer Altstadterhaltungsgesetz in Kraft – und setzen bis heute gültige Regeln zum Schutz des Baukulturerbes (Grazer Altstadterhaltungsgesetz idgF 2008) ein. Die demografische Entwicklung mit einer stark rückläufigen Wohnbevölkerung in der historischen Altstadt reduzierte in den darauffolgenden Jahren den wirtschaftlichen Druck auf die Altstadterhaltung, aber unzweifelhaft wurden dadurch auch finanzielle Mittel abgezogen, die den Denkmalbestand – vor allem jenen in der zweiten Reihe – gefährdeten.
Als vor nahezu zwei Dekaden die Altstadt als Wohn- und Lebensraum wieder attraktiv zu werden begann, ja die jüngere Generation – also die Erben – die Vorteile der Nähe von Wohn- und Arbeits- oder Ausbildungsort erkannte, feierte Graz gerade die Anerkennung des Historischen Zentrums als UNESCO Weltkulturerbe (1999) und krönte damit die aus bürgerlichem Engagement und wissenschaftlichem Fundament befruchtete Altstadterhaltung. Der boomende Städtetourismus, die Aufbruchsstimmung in der Vorbereitung zur Europäischen Kulturhauptstadt Graz 2003 und endlich der Kunsthaus-Neubau, der einzige Museumsneubau in Graz seit 100 Jahren, waren die repräsentativen äußerlichen Zeichen dieses wiedererstarkten Interesses an der historischen Altstadt und ihren baulichen Qualitäten.

Gegenwart
Die neue Attraktivität des Lebensraums Stadt – als urbanes Zentrum weit über die Grenzen der Altstadt hinaus gedacht – bringt auch wesentliche Veränderungen in der Altstadterhaltung mit sich. Das Interesse beschränkt sich nun nicht mehr auf die ohnehin auch im touristischen Sinne maßgeblichen Baudenkmäler und die Erscheinung der beliebtesten Straßen und Plätze. Neuer Wohnraum im historisch gewachsenen Bereich der schutzwürdigen Altstadt ist nachgefragt und er kann sich nur in punktuell vorhandenen Baulücken neu entwickeln. Weitestgehend muss er im Bestand Platz finden, der abgewandt von den touristischen Flaniermeilen beträchtliche Teile der baukulturell wertvollen Altstadt formt.
Die gewachsenen historischen Hinterhäuser mit ihren schmalen Durchgängen, den Pawlatschenhöfen, den Bauzeugnissen unterschiedlicher Epochen, die mehrfach umgeformt verschiedenen Funktionen Raum geboten haben, sind der Beleg für den Erfindungsreichtum und mögliche technische Neuerungen in der Altstadt. Diese Neben- und Hinterhäuser gemeinsam mit den straßenprägenden Hauptgebäuden zu attraktivem Wohnraum mit Altstadt-Atmosphäre umzugestalten ist nicht nur architektonisch, sondern oftmals auch technisch eine große Herausforderung. Innovation ist dabei unerlässlich, schließlich haben sich die Anforderungen und Lebensbedingungen geändert und dafür können auch neue Technologien denkmalerhaltend eingesetzt werden. Trotzdem geht es hier aber schlicht um die Substanzerhaltung der Altstadt, die nicht nur die Prestigedenkmäler der Altstadt umfasst, sondern – frei nach Sennett – das Fleisch der Stadt ausmacht und damit unser Bauerbe wesentlich formt. 
Wo aber findet Neues im urbanen Raum Platz? Einerseits in den schmalen Lücken, die zum Teil als Bruchstellen zwischen abgerissener gründerzeitlicher Stadtplanung und der Stadtentwicklung nach dem 1. Weltkrieg übrig geblieben sind. Andererseits liegt größeres Potenzial in der Bearbeitung vorhandener Räume, deren Qualitäten lange vernachlässigt, mit zeitgemäßen Planungen und Materialien nun wiedergewonnen werden können. Ein beliebtes „Experimentierfeld“ ist die Dachfläche bzw. der Dachraum geworden. Hier besteht zwar die materielle Kontur eines meist ungenutzten Altstadtraumes, seine genaue Definition und Ausformung aber ist noch offen. Der Wunsch aus diesem wichtigen Teil des historischen Hauses – seiner fünften Fassade – einen Gestaltungsraum für die Zukunft zu formen ist jedoch ein ambivalenter. Eine sorgfältige Interessensabwägung ist hier Voraussetzung für tiefgreifende bauliche Veränderungen, denn diese sind ebenso wie Abbrüche irreversibel und definitiv.

Zukunft
Die historische Dachlandschaft ist eines der prägendsten Charakteristika der Altstadtzonen, vorzugsweise können ihre Qualitäten vom Schloßberg aus gesehen werden.  Der Wunsch diese Dachflächen neu zu interpretieren und technisch innovativ zu gestalten wird auch die Zukunft mitbestimmen. Diese gestaltgebenden Dächer beispielsweise aber auch zur Energiegewinnung zu nutzen, kann nur auf jene Flächen konzentriert sein, deren Bedeutung für die schutzwürdige Umgebung nachrangig ist. Das schließt die UNESCO Welterbezone als Arbeitsfläche aus. Aber selbst eine Reihe von technischen Möglichkeiten und großer finanzieller Aufwand sind kein Garant für einen gelungenen Bauprozess und eine zeitgenössische Bereicherung des Bauerbes. Dafür finden wir einige beredte Zeugen in der Grazer Altstadt: Das unvollendete Dach des Kaufhauses Kastner&Öhler spricht diese Sprache hoffentlich nur bis zur endgültigen Fertigstellung; auch die großräumigen Flachdachzonen in der Murvorstadt oder überdimensionierte Terrasseneinschnitte und großflächige Verglasungen in Ziegel gedeckten Steildächern sind als nicht charakteristisch zu vermerken. 
Zukunft für das Baukulturmodell „Historische Stadt“ bedeutet aber, dass in der klaren Definition und Abgrenzung der wertvollen Baukultur jene Möglichkeitsbereiche geschaffen werden, die eben noch oder wieder neu zu gestalten sind. Dafür ist eine Denkmalpflege gefordert, die nicht der Gesellschaft hinterher arbeitet, sondern auf dem Stand der Zeit die wichtigen, weil qualitätsvollen Denkmäler schützt und bewahrt, und diese an unsere Kinder weitergibt. Daraus erwächst ein unverwechselbarer Charakter für die Stadt, wo dicht an dicht Vergangenheit und Gegenwart die Zukunft formen, deren Gestaltung unseren Erben überlassen sei. (Vorwort zum Buch Mut zum Denk!mal, 2016)

Buch
Mut zum Denk!mal – Denkmalpflege, Stadtentwicklung, Architektur, Archäologie
Kulturelles Erbe im Spannungsfeld von Tradition und Innovation
gebunden, 278 Seiten
ISBN 978-3-7011-0352-2
Leykam Verlag, Juni 2016
AutorInnen (Hg.): Eva Klein, Christina Pichler, Margit Stadlober

Theoretische und praxisorientierte Zugänge in den Bereichen Denkmalpflege, Stadtentwicklung, Architektur, Archäologie, Kunstgeschichte sowie den Digital Humanities Kulturelles Erbe im Spannungsfeld von Tradition und Innovation. Theoretische und praxisorientierte Zugänge in den Bereichen Denkmalpflege, Stadtentwicklung, Architektur, Archäologie, Kunstgeschichte sowie den Digital Humanities thematisieren die Bewahrung von kulturellem Erbe und den gleichzeitigen Umgang mit Innovationen. Im interdisziplinären Diskurs werden unterschiedliche Herangehensweisen und Strategien sichtbar und die jeweiligen Herausforderungen mit Mut zum Denk!mal aufgezeigt.

 

Verfasser / in:

Gertraud Strempfl-Ledl

Datum:

Do. 24/11/2016

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Denkmal sucht Erbe

Vorwort von Gertraud Strempfl-Ledl zum Buch Mut zum Denk!malDenkmalpflege, Stadtentwicklung, Architektur, Archäologie. Kulturelles Erbe im Spannungsfeld von Tradition und Innovation
von 
Eva Klein, Christina Pichler und Margit Stadlober

Im Buch findet sich auch der Beitrag von Christian Andexer, Theorie trifft Praxis.

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