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Gruppenfoto aller TeilnehmerInnen
©: Christoph Grill

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Bericht
Der Ortskernkümmerer
Angelpunkt in der Innenentwicklung und Zentrumssanierung

„Es gibt kein fertiges Rezept, man muss sich trauen auf andere zu hören.“ (1)

Innenentwicklung und Zentrumssanierung gehören momentan zu den wichtigsten Aufgaben der Orts- und Stadtplanung. Aber mit orthodoxen Planungsmethoden stoßen die Gemeinden immer öfter an ihre Grenzen, tatsächlich sind die Problemstellungen der durch Abwanderung und verändertem Konsumverhalten verödeten Gemeindezentren nicht mehr durch „top down“ beschlossene Masterpläne zu lösen. Die betroffenen Wirtschaftstreibenden und Privatpersonen müssen den oft langwierigen Veränderungsprozess verstehen und mittragen. Ihre Initiativen sind ein Teil des Arbeitsprogramms und gehören behutsam gefördert und koordiniert.
Wie kann dieses Verständnis für die Veränderungen vermittelt werden und wie können Gemeinden die wesentlichen Akteure, die Bürger und Wirtschaftstreibenden, zur Teilhabe anregen? Denn gerade ihre aktive Teilnahme, ihr ideeller und oft auch finanzieller Einsatz im Veränderungsprozess sind für die Identifikation mit dem Neuen notwendig, geradezu unumgänglich. Die Antwort kann in der Verbindung des Vorhabens mit einer Identifikationsfigur liegen, einer Person, die durch Präsenz und Begegnung auf Augenhöhe die Veränderungsmaßnahmen begleitet.
Diese Rolle hat in einigen Gemeinden der „Kümmerer“ übernommen. Er ist Motor und Koordinator, ein fünfter Mitspieler, der Joker im Viereck aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgern, der den Informationsfluss nach allen Seiten offen hält. Seine Aufgabe ist es, den einmal eingeleiteten Prozess zu kommunizieren, zu begleiten und im Fluss zu halten. Für sein Tun gibt es keine einheitliche Jobbeschreibung, nur, dass es Ausdauer erfordert, denn wie die Beispiele zeigen, setzt sich der Veränderungsprozess aus vielen kleinen Schritten zusammen. Es gibt hierfür, wie Bürgermeister Abl aus Trofaiach sagt, „kein fertiges Rezept, man muss sich trauen auf andere zu hören.“ (2)

Der Kümmerer
Begriff des Kümmerers (3) hat sich seit den 1990er Jahren umgangssprachlich etabliert, er steht aber nicht wie im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm für einen Arrestanten, einen entmannten Hirsch oder einen Geschäftemacher, sondern für eine Person, die außerhalb eines geläufigen Jobprofils, sich um jene Belange „kümmert“ die zwischen konkreten Aufgabenbereichen liegen. Und die Frauen der Zunft? Sind sie Nachfahrinnen der heiligen Kümmernis (5)? Eher nicht – dieser mittelalterlichen bärtigen Dame, ob deren Heiligkeit Unklarheiten bestehen, werden andere Verdienste zugeschrieben. Die weibliche Form fehlt also – nicht das einzige Manko des Begriffs. 
Damit zeigt sich schon die Schwierigkeit des Begriffs, mit dem niemand wirklich glücklich ist, bessere Vorschläge sind also gefragt.
Der Kümmerer als Standortmanager oder Innenstadtkoordinator ist Nachfahre des Citymanagers, dessen Klientel erweitert wurde. Während letzterer im Spannungsdreieck zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft einer Kommune stand, kommt nun mit den Nutzern und Bewohnern eine vierte Beteiligtengruppe hinzu.
Wie wichtig diese Aufgabe ist, die ganz wesentlich von der Persönlichkeit des Kümmerers abhängt, bestätigt der Co-Veranstalter des ersten Vernetzungstreffens Roland Gruber, vom Architekturbüro nonconform, das im deutschsprachigen Raum auf langjährige Erfahrung in der Ortserneuerung zurückblickt. Die aus den Bürgerbeteiligungen entstandenen Ideenkataloge und die daraus entwickelten Leitbilder und Masterpläne benötigen einen langen Umsetzungshorizont. Dabei ist die Gefahr groß, dass der Veränderungsprozess nach anfänglichem Enthusiasmus bei den ersten Schwierigkeiten im Sand verläuft. Durch die Personalisierung und Sichtbarmachung des Veränderungsprozesses besteht die Möglichkeit, den Prozessverlauf aus der anfänglich bewegten Phase in eine produktive ruhige zu steuern. Mindestens zehn Jahre sollte dem Kümmerer Zeit gegeben werden, um die Gemeinde-, Wirtschaft- und Bürgerkooperation zu begleiten

Das Vorbild
Zu den bekanntesten Role-Models gehört der von 2004 bis 2014 in Waidhofen an der Ybbs tätige Innenstadtkoordinator Hans Stixenberger, der mit der Mostviertler Stadtgemeinde auf eine echte Erfolgsgeschichte zurückblicken kann. Dem Unternehmer und Biobauern gelang in seiner über zehnjährigen Tätigkeit als Innenstadtmanager und Leerstandskoordinator unter anderem die Initiierung der Sanierung von 17 Stadthäusern. Dabei stand er den meist privaten Besitzern mit seinem Wissen und Netzwerken zur Verfügung und brachte Besitzer und Mieter für eine entsprechende Nachnutzung zusammen. So  entstand unter anderem in Stixenbergers Amtszeit gemeinsam mit dem Planungsbüro w30 ein ungezwungener Rahmen für  Hauseigentümer, Politiker und Stadtmarketing, der „Hausbesitzer-Stammtisch“.
Durch „vernetzen und vermitteln, was andere noch nicht sehen“ (6) sollen Private angeregt und unterstützt werden, die innerstädtische Bausubstanz zu sanieren und dadurch langfristig ihren Wert zu erhalten und neuen Mieterschichten zuzuführen. Denn wie so oft sind nicht nur die verödeten Stadtzentren sondern auch die schlechte Bausubstanz Grund für Leerstand.
Hans Stixenberger war mit Leib und Seele ein Kümmerer, der sich über viele Jahre für die Belebung des Zentrums einsetzte, heute zeigt sich wie schwierig es ist, eine allseits anerkannte Persönlichkeit nachzubesetzen. Waidhofen sucht immer noch nach dem richtigen Nachfolger.
Die Persönlichkeit sowie die grundsätzlichen Anforderungen an einen Kümmerer und eine allgemeine Job-Describtion gehörten auch zu den wesentlichen Themen die bei dem zweitägigen Vernetzungstreffen in Trofaich zur Diskussion standen.
Ein Bericht von diesem Treffen folgt im Teil 2 am 22. Mai 2018.

(1) Bürgermeister Mario Abl, Trofaiach
(2) Bürgermeister Mario Abl, Trofaiach
(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Kümmerer_%28Organisation%29 (17.4.2018)
(4) Grimm, Jakob u. Wilhelm: Deutsches Wörterbuch, Bd. 11, K – Kyrie, Spalte 2602, Verlag S. Hirzel, Leipzig 1873, Nachdruck dtv München 1999
(5) http://www.sagen.at/doku/hda/kuemmernis.html; https://de.wikipedia.org/wiki/Kümmernis (17.4.2018)
(6) Kusolitsch, Helga Geglückte Maßstäbe, glückliche Visionen. Waidhofen an der Ybby in: Isopp, Christof/Gruber Roland (Hg): Reportagen. Das Buch vom Land, Wien 2015, E57-E62

Verfasser / in:

Elisabeth Anderl

Datum:

Mo. 14/05/2018

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Der Ortskernkümmerer
Angelpunkt in der Innenentwicklung und Zentrumssanierung

In Trofaiach in der Steiermark hat sich die Kombination eines Masterplans mit einem Innen-stadtkümmerer als Basis für eine gelungene Stadtkern-entwicklung bewährt. Da die Profession des Kümmerers noch in der Pionier- und Entwicklungsphase ist, hatte das erste Vernetzungstreffen vom 5. bis 6. April 2018 in Trofaiach, veranstaltet von der Stadtgemeinde Trofaiach und dem Architekturbüro nonconform, das Ziel, den persönlichen Austausch zu fördern und die Rahmenbedingungen der Tätigkeit zu präzisieren.

Bericht vom ersten Vernetzungstreffen der Orts- und Stadtkernkümmerer – OSKÜR von Elisabeth Anderl
Teil 1

Teil 2 folgt am 22. Mai 2018

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