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Ausstellungsansicht „Kunst-Kontroversen“, 2018
©: UMJ / N. Lackner

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Rezension
Divergenzen und Untersuchungen

Eine Dauerausstellung in der Grazer Neuen Galerie zeichnet die Entwicklung der Kunst in der Steiermark von 1945 bis 1967 nach. Im studio betreibt Nicole Prutsch Wahrnehmungsanalysen mittels Kunst.

Austrofaschismus, Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg bedingten eine Zeit der Zäsur, in der kulturelle beziehungsweise künstlerische Entwicklungen in Österreich stagnierten. Nachholbedarf und Neuorientierung gegenüber der Moderne und aktuellen internationalen Tendenzen zeichneten sich nach 1945 auch in der steirischen Kunst ab. Eine Ausstellung in der Neuen Galerie handelt von der zunächst gewissermaßen disparaten Situation, in der man sich einerseits – etwa in Landschaftsdarstellungen oder Porträts – bildnerisch an den Formen des späten 19. Jahrhunderts orientierte. Die nach 1945 einsetzende Rezeption beispielsweise des französischen Tachismus, des Informels oder des abstrakten Expressionismus deuten auf Kontroversen hin, die in der Ausstellung mit etwa 260 Exponaten aus der Sammlung des Universalmuseums Joanneum, der Stadt Graz und privater Leihgeber aufgezeigt werden. Zwischen den Polen Tradition, Moderne und Avantgarde galt es auch in der Steiermark, sich in einem Umfeld historischer und neuer Tendenzen zu positionieren respektive sich internationaler Entwicklungen anzunehmen.
Kurator Peter Peer hat diese Übersicht in drei Abschnitte gegliedert. Konservative wie fortschrittliche Positionen anhand von Beispielen etwa Franz Roglers oder Rudolf Pointners belegen die – regimebedingt – späte Auseinandersetzung mit dem Surrealismus unmittelbar nach Kriegsende in einem ersten Teil. Wege zur abstrakten und gegenstandslosen Kunst mit Vertretern wie Siegfried Neuburg oder Vevean Oviette ab den 1950er Jahren bilden den zweiten Teil und der dritte behandelt unterschiedliche Haltungen ab Mitte der 1960er Jahre. Sichtlich ist in dieser Zeit die Abstraktion bereits etabliert, während sich Künstler wie Günter Waldorf der Pop- oder Marc Adrian der Op-Art annähern. Abermals kontroversiell, zwischen breiter Anerkennung und Skandaliserung zeitgenössischer Kunst, wurde trigon 67 aufgenommen, und dieser Rückblick auf die für die Steiermark maßgebliche Ausstellung bildet den Schlusspunkt der Schau. Plausibel werden die anhand von Beispielen präsentierten Entwicklungen durch ausführliche, begleitende Wandtexte, die durch zeitadäquate Zitate aus Zeitungsrezensionen ergänzt sind.

In ihren Arbeiten nimmt die 1980 in Wagna geborene Künstlerin Nicole Prutsch immer wieder wissenschaftliche Verfahrensweisen auf, zitiert, kritisiert oder unterläuft sie. Bemerkenswert, dass Prutsch derzeit ein Postdoc-Studium an der Harvard Medical School Boston absolviert. Im studio der Neuen Galerie geht sie ihrer Ausstellung Beyond the measuring principle von einer neurowissenschaftliche Publikation mit dem Titel Die Zerteilung der selektiven Wahrnehmung einer Person (1995) aus. In dieser Studie wurde mittels Testpersonen eruiert, wie Individuen aufgrund von Voreingenommenheit charakterisiert werden. Aspekte von „Verschiebungen“ in der Beurteilung von Personen durch individuelles Vorwissen überträgt Prutsch auf Fotomontagen, die dieselbe Person aus mehreren Blickwinkeln zeigen, wodurch Kategorisierung und Messbarkeit physiognomischer Merkmale verunmöglicht werden.
Momente der Unbestimmbarkeit gegenüber naturwissenschaftlichen Verfahrensweisen verdeutlicht die Künstlerin in einem Video, in dem Händels Arie „Tornami a vagheggiar“ mit Texten der erwähnten Zerteilung der selektiven Wahrnehmung von der Sopranistin Iris Nitzl gesungen wird.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Mi. 20/06/2018

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Infobox

Divergenzen und Untersuchungen

Wenzel Mraček berichtet über zwei aktuelle Ausstellungen in der Neuen Galerie Graz

Kunst-Kontroversen
Steirische Positionen 1945-1967
Dauerausstellung bis
6. Jänner 2020
Neue Galerie, Graz

Nicole Prutsch
Beyond the measuring principle
Ausstellung bis
19. August 2018
Studio, Joanneumsviertel Graz

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