Theater im Palais - Kunstuniversität Graz
Ein Platz als Bühne, aufgeklappt zwischen Theater im Palais, MUMUTH und Palais Meran an der Kunstuniversität Graz
Architektur: balloon architekten ZT-OG, ©: David Schreyer

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Sonntag
Ein Platz als Bühne, aufgeklappt

Die Schatten der Bauten an der Piazza Piccolomini in Pienza, Toscana, werden von dem zu Fuß Gehenden zuerst wahrgenommen, bevor der Blick sich an den gegliederten Fassaden des Domes und der Renaissancepaläste aufrichtet, wovon der bedeutendste jener des zum Papst Pius II erhobenen Sohnes der Stadt Enea Silvio Piccolomini ist. Dann erscheinen die Schatten aufgeklappt und bilden eine Kulisse des eindrucksvollen Ortes, der zugleich abgegrenzt und durch seine gefassten Ausblicke auf die belebende Landschaft offen ist.

In ähnlicher Weise wirkt der Platz, der sich zwischen dem Palais Meran, dem querstehenden Nebengebäude und dem TIP, dem Theater im Palais, mit Öffnung zur Leonhardstraße bildet. Diese städtebauliche Intervention ist neu und ist erst, wenn auch schon bisher rudimentär vorhanden, im Zuge der Neugestaltung des Ensembles durch das Architekenteam balloon sinnfällig zum Ausdruck gebracht worden. Die Analogie hat sowohl historische Gründe, da die spätklassizistischen Fassaden des dreiseitig den Platz umschließenden Ensembles im Tagesverlauf diesen in gliedernde Licht- und Schattenzonen teilen, zugleich aber die Architekten die Tragstruktur des baldachinartigen Zubaues aus dem Fensterrhythmus der Fassaden ableiten und so vizeversa ihre Struktur wieder auf das Gebäude zurückwerfen. Gleichzeitig erweitert sich der Blick zum MUMUTH, dem 2006 von Ben Van Berkel geplanten Haus für Musik und Musiktheater der Kunstuniversität Graz.

Um den städtebaulichen Ansatz zu erklären ist es notwendig, einen historischen Blick auf den im Grazer Leonhardviertel wichtigen Baukomplex zu werfen. Erzherzog Johann hatte nach militärischen Aufgaben und Ausscheiden aus dem Kriegsrat der k.k. Armee nach der verlustreichen Schlacht bei Austerlitz, die den Verlust der von ihm zusammen mit Erzherzog Karl befriedeten Gebiete Norditaliens bedeutete, sich die Steiermark zum Hauptsitz gewählt. Als Johann, ein von Jugend an aufgeschlossener Habsburgerprinz, in einer Mesalliance Anna Plochl heiratete – nach jahrelanger Wartezeit von seinem kaiserlichen Bruder Franz genehmigt – und ein Sohn mit ebensolchem Namen Franz zur Welt kam, musste ihnen ein Rang zugestanden werden. Dieser, von Fürst Metternich approbiert, war allein aus der Hochschätzung Johanns für die regionale Eigenständigkeit Tirols abgeleitet und lautete Graf von Meran, zugleich mit der Erhebung Annas zur Gräfin von Meran und seines Sohnes mit ebensolchem gräflichen Attribut. Grund genug, sich in Graz an hervorragender Stelle niederzulassen und vom bekannten Architekten Georg Hauberrisser d. Ä. 1841- 1843 ein angemessenes Wohnpalais erbauen zu lassen. Mit Zufahrt vom Glacis wurde es als dreigeschossiger, frontal wirkender Hauptkomplex mit einem parallel verlaufendem Wirtschafts- und Stallgebäude als Hofbildung errichtet, verbunden durch ein Nebengebäude für das Personal.

Diese eingeschränkte Hofsituation galt es bei der Neuplanung aufzubrechen, da die funktionellen Erfordernisse der Kunstuniversität verlangten, dem Hof als Foyer des Gesamtensembles, wie die Architekten es nennen, eine entsprechendes Gewicht zu verleihen. Die im Jahre 1998 zur „Universität für Musik und darstellende Kunst Graz“ erhobene Musikhochschule – zurückgehend auf einen interuniversitären Studienzweig „Elektrotechnik-Toningenieur“ zusammen mit der Technischen Hochschule  1974 – hat den Komplex mit allen seinen Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen. Dabei ist bemerkenswert, dass bereits in den Dreissigerjahren im Palais Meran für einige Zeit eine Ballettschule beheimatet war. Durch den Abriss eines in den Fünfzigerjahren errichteten Verwaltungsgebäudes des Finanzamtes Graz wurde auch das Areal für das 2006 – 2009 errichtete MUMUTH, das technisch alle Voraussetzungen eines Musiktheaters bietet, freigemacht. Damit verfügt die Kunstuniversität über ein vielfältiges Raumangebot, das den Anforderungen an Lehre und Praxis der musikkünstlerischen Tätigkeit entspricht.

Jener Gebäudeteil der ehemaligen Stall- und Wagenremise, der das „Theater im Palais“ beherbergt, entsprach mit seinem in den Achtzigerjahren von Arch. DI Ignaz Holub geplanten Foyer-Vorbau nicht mehr den Anforderungen, die sich aus einer Nutzung für interne Zwecke der Lehre und externe diverser Veranstaltungen ergeben. Ein im Jahre 2011 durchgeführter Architekturwettbewerb wurde zugunsten des Büros balloon - Architekten Wohofsky, Rampula-Farrag, Gratl entschieden und führte zu einer Beauftragung mit dem Neu- und Umbau des TIP. Seine im Jahre 2014 erfolgte Eröffnung gibt Anlass, dieses Projekt im Sinne der Nutzungsanforderungen und der baukünstlerischen Lösung zu beleuchten.

Das ein- bis zweigeschossige Bestandsobjekt in längsgerichteter Ausdehnung umfasst im Erdgeschoss eine Studiobühne, einen Opernprobesaal, einen Ballettsaal und technische Nebenräume. Diese wurden einer Teilsanierung unterzogen, wobei die Ergänzungsräume wie Lager, Sanitäranlagen und Technikräume neu geordnet wurden. Das im ersten Obergeschoss befindliche Schauspielinstitut war ebenso zu erhalten, wobei die geeignete Erschließung zu beachten war.

Die zentrale Aufgabe der Neubau-Planung betraf das Foyer, das die dem Bestand entsprechende Längsrichtung aufnimmt, wobei unterschiedliche Zonen in Bedienungsfunktion der bestehenden Nutzungen auszuweisen waren. Das als Empfangs- und Pausenhalle dienende Foyer sollte in seiner Dimensionierung 150 bis 200 Personen Platz bieten, die der Belegung von Studiobühne und des Probensaales entsprechen. Unter Berücksichtigung einer anzunehmenden eingeschränkten Gleichzeitigkeit mit dem Ballettsaal und den Lehrräumen des Schauspielinstitutes im Obergeschoß wurde im Entwurf eine Fläche von ca. 250 m2 als ausreichend erachtet. Durch räumliche Gliederung wurden die Erschließungswege sichergestellt, was auch die Fluchtwege betrifft.
 
Um die angestrebte Nutzungsqualität im Neubau zu erreichen, waren die vorgegebenen Funktionsbereiche von Theater und Institut zu beachten, was durch wechselweise Ver- und Entkoppelung geschieht. In diesem Sinn kann bei getrennten Eingängen der dazwischen liegende Bereich von Lounge und Nebenzonen gemeinsam genutzt oder durch mobile Abtrennungen nur einem Bereich zugeordnet werden. Diesem entspricht die flexible Möblierung von Bar, Kassa und Lounge. Beidseitige Erreichbarkeit von einem hinteren Gang ist für das Stiegenhaus in das 1. OG und die Sanitärzone gegeben. Für die Entleerung des Hauses wurde dem Brandschutz voll entsprochen.

Den Baldachincharakter des Zubaus unterstützt eine tragende Konstruktion in Stahl- und Leichtbauweise mit einem Konstruktionsraster von 3,55 m.

Der gestalterische Ansatz des TIP-Neu- und Umbaus wurde von der Jury des Wettbewerbes, der 2011 für dieses Projekt durchgeführt wurde, besonders hervorgehoben. Er liegt in einer ausgleichenden Proportionalität der Bauelemente des Ensembles der Kunstuniversität, die durch den Kontrast der mehrgeschossigen Bauten des Palais Meran und des MUMUTH zu dem durch seine Ausdehnung niedrig wirkenden Theaters im Palais bestimmt ist. Den Architekten war es darum gelegen, mit dem Neubau eine annähernde Großform zu schaffen, die einen harmonisierenden Charakter hat. Der zweigeschossige Trakt wird durch eine Blende umschlossen, die einerseits für das erdgeschossige Foyer im Hinblick auf die größere Raumhöhe als Abschattungszone dient, im übrigen Teil das Haus in teilperforierter Form zusammenfasst. In dieser Weise wird die an der Ostseite zur Lichtenfelsgasse bestehende Steinmauer in ihrer bandhaften Ausprägung aufgenommen, was auch den Absichten des Denkmalschutzes entspricht.

Für den am Platz Stehenden erscheint die nunmehr durch eine erdgeschossige verglaste Zone mit darüber liegender Sonnenschutzblende dominante Fassade als erste Schicht, hinter der der historische Bestand mit den Räumen des Schauspielinstitutes als zweite Schicht zurücktritt. Erst beim Betreten des Foyers erscheint die historische Fassade durch Zurückbleiben der Decke und Lichteinstrahlung von oben als Überraschungseffekt. Dabei betont die Plastizität mit teils bogenhaften Öffnungsabschlüssen – Tür- und Fensternischen – die Flächenhaftigkeit der Fassade und Decke. An dieser wird das perforierte Fassadenelement weitergeführt, womit das Außen in das Innen tritt.

Das Blenden- und Deckenmotiv aus goldfärbigem Aluminiumblech mit unterschiedlichen Lochungen und Prägungen wurde zunächst aus einem ‚Pferdemotiv’ entwickelt, das eine Reminiszenz an die ursprünglichen Nutzung des Gebäudes als Stall- und Wagenremise darstellt. Dabei sollte die Bewegung des Pferdes, wie es der Futurismus des frühen 20. Jahrhunderts pflegte, zum Ausdruck gebracht werden. Schließlich entschieden sich die Architekten für ein Bewegungsmotiv eines laufenden Menschen, das in analoger Weise bearbeitet wurde. Durch alternative Lochung und Prägung wird bei Annäherung an das Gebäude von der Leonhardstraße sowie der Umkehrbewegung für das Auge des Betrachters eine empfundene Bewegung wahrnehmbar, womit dem Bühnencharakter des Platzes auch entsprochen wird. Dabei verstärkt der bandartige Blendeneffekt die Tiefenwirkung des Platzes, der größer erscheint als in der Natur gegeben. Als einziges Naturelement ragt ein Baum aus diesem hervor, eher einem Bühnenprospekt vergleichbar.

Als wichtiger Ruhepol erscheint auf der Platzebene oberhalb der höhendifferenzierten Zugangsstufen die Skulptur des Künstlers Gerhard Lojen, die von diesem als Raumpartitur gestaltet wurde. Sie wird von Günther Jontes als dreidimensionale Deutung von Musik verstanden, die in linearen, rostfreien Stabelementen in ihrem Auf und Ab die Tonhöhenabfolgen abbildet. Auf schrägem Sockel mit reflektierender Metalloberfläche belebt diese Skulptur die homogene Platzsituation, indem sich das Licht in ihr spiegelt. Dankenswerterweise wurde die Skulptur, aus einem früheren Gestaltungswettbewerb der „Kunst am Bau“-Initiative hervorgegangen, als Element des bisherigen Ensembles erhalten.

Wie beim Projekt des TIB, auf den Ausgleich der Interessen des Bauherrn, des Nutzers und des Planers gerichtet, hat das Architektenteam balloon auch andere Planungsaufträge bearbeitet oder ist gerade daran. Die Gruppe, die ihre Gründung auf das Jahr 1998 zurückführt, hat mir auf meinen Wunsch die Entstehung ihrer Planungsphilosophie vermittelt. Johannes Wohofsky und Andreas Gratl haben bereits mit der Einrichtung eines privaten Zeichensaales  die Teamarbeit erprobt, die unter Einbeziehung ihrer Kollegin Iris Rampula-Farrag heute erfolgreich praktiziert wird. Dabei steht die Prozesshaftigkeit im Vordergrund, die ein als Gebrauchsqualität angesehenes architektonisches Werk in einem wechselseitigen Prozess von Raumidee und sozialräumlichen Kontext entstehen lässt.

Dieser Vorgang des Entwerfens beginnt mit der Erfassung des funktionellen Programms, das in seiner Verwirklichung den Nutzungswert eines Bauwerkes bestimmt. Dabei können auch Modifikationen im Dialog mit einem Auftraggeber erörtert werden. In zweiter Linie ist dieses Programm in einen vorgegebenen räumlichen Kontext einzufügen, der sowohl historische wie aktuelle Bezüge aufweisen kann. Auch allfällige zukünftige Entwicklungen sind mit zu beachten. Als dritter Schritt wird eine Gestaltungsidee in dreidimensionaler Form, heute neben dem Modell unter Anwendung elektronischer Darstellungstechniken, sinnfällig zur Darstellung gebracht. In der Umsetzung sind dann ebenso die an einem Projekt arbeitenden Mitarbeiter ebenso wie Fachleute auf Firmenseite in den schrittweisen Vorgang der Optimierung eingebunden. Alle drei Architekten sind gleichfalls in der Lehre an der TU Graz tätig, um den Studenten ihre Methodik des Entwerfens zu vermitteln.

Noch am Zeichentisch gewinnt ein Projekt derzeit Konturen, das wieder die komplexe Beziehung von Bestand und Neubau thematisiert. Es handelt sich um die Volksschule Graz-Brockmann, die saniert und erweitert wird. Während im Bestand ein teilweiser Dachausbau vorgesehen ist, wird an der Nordseite des dreigeschossigen Objektes im 1. Obergeschoss ein „Schwebender Flügel“ hinzugefügt, der Lehr- und sonstige Funktionsräume um ein offenes Atrium sammelt. Dadurch wird die Leichtigkeit des Zubaus betont und andererseits eine gute Belichtung des Bestandes und der neuerrichteten Raumzonen erreicht. Die Außenerscheinung ist in der Großform betont zurückhaltend, im engeren Bereich aber proportional differenziert.

Mit dem Um- und Erweiterungsbau des Theaters im Palais begeht die Grazer Kunstuniversität ihr 50- jähriges Jubiläum in nachhaltiger Form eines Bauwerkes, das eine besondere Akzentsetzung im Grazer Stadtkörper darstellt. Das ebenso durch andere Institutsbauten der Universität Graz geprägte St. Leonhard-Viertel verfügt somit über einen Platz, der der Grazer Bevölkerung als eine „Bühne“ für universitäre und gesellschaftliche Veranstaltungen zur Verfügung steht, die dem internationalen und urbanen Charakter der Kunstuniversität gerecht wird.

Verfasser / in:

Eugen Gross
balloon architekten ZT-OG

Datum:

So. 04/01/2015

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Infobox

Das Theater im Palais als urbanistische Intervention in Graz-St.Leonhard von balloon architektur, Graz, 2014.

Nach Sanierung und Erweiterung um ein neues Foyer wurde das Theater im Palais am 18. November 2014 wiedereröffnet.

Architektur + Generalplanung
balloon architektur
Rampula/Gratl/Wohofsky

Bauherrschaft
BIG, LIG, KUG

Das Projekt ist mit 18 anderen österreichischen Bauten für den Mies van der Rohe Award 2014 – Europas beste Bauten – Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur – nominiert.

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