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Kunsthaus Bregenz, Fassade
Architektur: Peter Zumthor, ©: Emil Gruber

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Interview
Ein Türöffner zu Möglichkeitsräumen _ Teil 2

Eine Veränderung, die Sie gegenüber Ihrem Vorgänger vorgenommen haben, war die Beendigung der KUB-Arena, in der parallel zur jeweiligen Hauptausstellung Arbeiten von jungen Künstlern oder Künstlerinnen zu sehen waren. Sie wollen jedem Künstler das ganze Haus schenken, erklärten Sie dazu.

Das war ein wichtiger Akzent. Jeder Auftrag soll in einem Guss stattfinden. Das Haus hat vier Stockwerke und warum muss man die unterteilen? Es ist für Künstler eine große Aufgabe, das ganze Haus zu bespielen, schon den Eingang mitzudenken. Den Besucher in Empfang nehmen, ihn vielleicht irritieren aber auch begrüßen. Wenn ich als Künstler denken würde: Was mache ich da im Erdgeschoß? Schockiere ich den Besucher? Lass ich ihn langsam kommen? Wie bearbeite ich dieses Aufstiegsszenario im Stiegenhaus, das auf direktem Weg als eine Jakobsleiter, ein Weg in den Himmel, auf die nächste höhere Stufe, ins nächste Geschoß führt. Dafür muss eine Dramaturgie entwickelt werden. Die funktioniert natürlich viel besser, wenn ein geschlossenes System vorhanden ist.

Wird die Programmierung mit vier Einzelkünstlern im Jahr bleiben? Was im KUB auffällt, dass Themenausstellungen seit vielen Jahren kein Thema sind.

Yilmaz Dziewior (Trummers Vorgänger, Anm.) hat zwei Gruppenausstellungen gemacht. Ich hab früher in meinen anderen Jobs immer thematische Ausstellungen gemacht, auch seinerzeit in Graz. Eigentlich mache ich das lieber, aber ich bin der Meinung, dass es hier nicht so gut funktioniert. Das hängt auch mit der architektonischen Struktur zusammen. Man könnte natürlich vier Künstler gleichzeitig einladen, wir haben ja vier Geschoße. Aber am Ende kommen vier Einzelausstellungen heraus und keine Gruppenausstellung. Eine Gruppenausstellung funktioniert so, dass man dialogisch eine Situation, Gegensätze, eine Spannung aufbaut, Einschlüsse setzt. Das funktioniert gut, wenn man unterschiedliche Raumformate hat, große, kleine, mal ein Raum mit Videos, dann etwas Kammermusikalisches. Wenn alle Räume ein gleiches Format haben, wird das nichts. Man muss räumlich auf die Kunst antworten und das Schlimmste, was man diesen Räumen antun kann, wäre eine Stellwand einzubauen. Dann wäre jede Ausstellung hin.

Also ein Tabu.

Nein, es schaut einfach nicht gut aus.

Susan Philips war die erste Ausstellung unter Ihrer Leitung. Schon darin war Flucht und Vertreibung ein Thema. Theaster Gates hat das Afrikanersein im Jetzt thematisiert. Wael Shakys Ausstellung erzählt von den Kreuzzügen. Adrian Villar Rojas bringt ein dystiopisches Weltbild ins KUB ein. In einer Periode, in der die kulturellen Beziehungen großen Belastungen ausgesetzt sind, wie geht das KUB mit den Rufen nach nationaler Identität, Abschottung und all den Heimatdebatten um?
 
Das KUB war bisher nicht unbedingt ein politisches Haus. Mir war das zuwenig. Es war wichtig, einen Schwerpunkt zu setzten. Wir haben diese Themen. Aber die Frage dazu ist: Welche Rolle spielt die Kunst? Die Frage nach der Rolle der Medien, der Politik ist wieder eine andere Aufgabe. Mir sind zum Beispiel die Fake-News ein Anliegen. Denn die Kunst ist ein Spezialist für Fake News. Kunst ist immer Verfälschung, Kunst ist immer Illusion. Wenn ich einen Apfel auf einem Gemälde sehe, ist es kein wirklicher Apfel, sondern ein Apfel auf einem Gemälde, eine Fiktion. Die Kunst eröffnet uns einen Möglichkeitsraum, der sich vom Wirklichkeitsraum unterscheidet und genau dadurch haben wir die Möglichkeit, in Denkräume vorzudringen, die uns die Realität und ihre Tiefe verständlicher machen. Das ist die Stärke der Kunst. Ja die Fakes gehören heraus aus der Politik, gleichzeitig sehe ich darin eine große Chance in der Kunst. 18000 Jahre Kunst in der Menschheitsgeschichte und es war und ist immer Fake.
Zur Frage von Abschottung, zur Migrationsdebatte, da lehrt schon die Kunst uns, dass kulturell jede Beeinflussung und Offenheit ein Gewinn ist. Es ist nicht so, dass meine Kultur zerstört wird, wenn ich andere Einflüsse aufnehme oder verarbeite. Im Gegenteil, wenn ich das Gespür entwickle, zu erkennen, was mir die andere Kultur bietet, gewinne ich. Lawrence Weiner hat hier im Büro gesessen und gemeint: „Also Immigration ist furchtbar. Aber was uns Migranten bringen, sind ihre Kinder und ihre Küche.“ Es ist schwierig, die erste Generation zu integrieren, aber die zweite bringt ganz andere Perspektiven, andere Möglichkeiten, das wollte Weiner mit der Küche zum Ausdruck bringen.

Es gibt immer diese Diskussion, besonders wenn es um die öffentliche Finanzierung von Kunst geht, ein Museum haben sich stärker nach draußen zu öffnen, um ein Publikum zu finden. Es hat das zu zeigen, was ein breites Publikum versteht. Ein Kollege von Ihnen hat dazu einmal gemeint, es sei ein Unterschied zwischen das den Besuchern zu geben, was sie wollen und das ihnen zu geben, was sie brauchen und möglicherweise noch nicht wissen, dass sie es brauchen.

Das ist ganz eindeutig die Kunst. Kunst ist nicht mehrheitsfähig. Wenn wir abstimmen lassen, wer der beste Musiker Europas wäre, würde Andre Rieu herauskommen. Zugleich ist Kunst nicht elitär. Der Umkehrschluss ist falsch. Kunst ist ein Angebot und wenn ich mich zu diesem Angebot entführen lasse, genauso wie bei einer fremden Küche in einem Land das mir nicht vertraut ist. Natürlich tue ich mir am Anfang schwer. Aber nach dem zweiten, dritten Mal, nach einer Neuorientierung beginne ich diesen anderen Geschmackshorizont, diese Spektren besser zu verstehen und auch zu lieben und wieder zu wollen. Und etwas, was mir einmal fremd war, wird etwas Eigenes. Das ist ein großartiges Erlebnis, das niemand missen will. Das ist Bereicherung.
Genauso wie mich in einem Kunsthaus zuerst einmal Dinge verstören, die mir nicht vertraut sind. Ein Künstler will ja nur, dass ich mich offen zeige.  Ich hab mein Werk da hingehängt oder hingestellt und schau einmal, ob es dir etwas bedeutet. Je mehr wir davon überzeugt sind, auf solche Angebote einzugehen, desto mehr bereichern wir unser Leben, unser Qualitätsbewusstsein, davon bin ich tief überzeugt. Ich kann natürlich Massenware zu mir nehmen, aber dann bin ich selber schuld. Und ich rede hier von jedem Menschen. Wer isst nicht gerne das beste Essen. Ich bin ja selbst leidenschaftlich gerne Koch.

… das verbindet uns ….

Ich lerne aus Nachahmung. Wenn ich in der eigenen Küche stehe und ein qualitätsbewusstes Essen mir oder meinen Freunden zubereite, dann ist das ja quasi eine kulturelle Schulung. Kunst heißt, etwas Wertvolles herstellen, mich anbieten, es den anderen anbieten, auf welchem Niveau auch immer ein Verständnis von Qualität entwickeln.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Mi. 16/08/2017

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