Hafner_Interview Gross_Terrassenhaussiedlung_Gross
Demonstrativbau Terrassensiedlung Graz-St.Peter,1965;1972-78; Andrea und Veronika Gross in St.Peter 1979.
Architektur: Werkgruppe Graz, ©: Eugen Gross

_Rubrik: 

Sonntag
Im Gespräch mit Eugen Gross_Teil 1

Die Werkgruppe wurde 1959 von Eugen Gross, Friedl Gross, Hermann Pichler mit Werner Hollomey als Architekt mit Befugnis gegründet, als die Erstgenannten diese noch nicht hatten. Sie arbeiteten im Angestelltenverhältnis bei ihm bis 1964. Im Wohnbau gab es eine Arbeitsgemeinschaft mit Walter Laggner und Peter Trummer.
Anlässlich der Ausstellung "Architektur als Partitur - Werkgruppe Graz 1959 - 1989" im HDA Graz (bis 20.12.) und der Neuerscheinung des Buches "Werkgruppe Graz 1959 - 1989" sprach Architekt Bernhard Hafner (ab 1961 zweimal im Büro der Werkgruppe tätig) mit seinem Kollegen Eugen Gross über das Schaffen der Werkgruppe.

Bernhard Hafner (HA): In Graz gab es damals drei führende Architektengruppen. (Die Reihenfolge der Nennung ist keine Nennung nach Rang.) Einmal das Team Ilgerl, Peneff und Walch. Ilgerl, Assistent am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Entwerfen, war federführend im Entwurf; Peneff sorgte für die Acquisition und Walch, Assistent am Lehrstuhl für Hochbau und Entwerfen, für den Hochbau. So wenigstens hieß es. Zum andern die Gruppe Huth-Domenig, die jüngste nach Gründungsdatum, bei der in den ersten Jahren nur Eilfried Huth die Befugnis hatte, mit dem ich zum 80. Geburtstag ein Gespräch führte, das in zwei Teilen im Dezember 2010 in GAT veröffentlicht wurde.

Und dann war die Werkgruppe. Eugen, wie kam es zur Gründung?

Eugen Gross (EG): Das erfolgte 1959 in einem nächtlichen Gespräch während eines Spaziergangs in Graz, das Friedl und ich führten. Wir beschlossen, mit Hermann Pichler eine Gruppe zu bilden. Friedl war Assistent bei Hubert Hoffmann, ich arbeitete damals in Nürnberg und Hermann in Wien beim Architekten Lintl, bei dem auch Michael Zotter (Anm.: Sohn von Professor Zotter für Baukunst an der TU Graz) arbeitete. Das war nach dem CIAM-Kongress von Otterloo, bei dem Hubert Hoffmann das Projekt „Das Dorf vom Morgen“ vorgestellt hatte. Friedl hatte Unterlagen für Hoffmanns Projekt aufbereitet und gab den Anstoß zur Gründung als ‚Werkgruppe‘.

Hermann Pichler hatte mit Lintl den 1. Ankauf bei einem Wettbewerb für ein Studentenheim in Wien gewonnen und wir hatten dadurch Kontakt zur Studentenförderungsstiftung, außerdem dadurch, dass ich mich als Vizevorsitzender der ÖH der TH Graz für die Errichtung von Studentenheimen eingesetzt hatte. Über die Stiftung erhielten wir dann den Direktauftrag für die Planung des Studentenheims am Hafnerriegel in Graz, wobei der Ankauf Hermann Pichlers wichtig war.

HA: Es war damals, es muss im Sommer 1961 gewesen sein, dass ich erstmals in Graz bei einer Architektengruppe, und zwar bei euch, im Sommer arbeitete. Ich sollte mit Hermann Pichler den Dachaufbau für den Hafnerriegel entwerfen. Ich hatte die 1. Staatsprüfung nach vier Semestern abgelegt, gerade etwa ein halbes Jahr bei einem Architekten in Wuppertal an Polierplanung gearbeitet und praktisch noch kaum Entwurfserfahrung. Es gab keine bessere Gelegenheit, diese zu sammeln, da das Klima bei euch kollegial und freundlich, einfach großartig war, besonders die Zusammenarbeit mit Hermann Pichler. Friedl Groß zeigte mir eine Skizze, meinte aber, die sei nicht gut, ich solle mich dadurch nicht beeinflusst sehen. Für mich war dies ein richtiger Prüfstein dafür, ob ich dem gestalterischen Aspekt des Architekturschaffens gewachsen sei, wessen ich mir überhaupt nicht sicher war. Jedenfalls ist der Entwurf sehr gelungen, wir hatten ein Kartonmodell gebaut und ich fotografierte es mir der Exakta Spiegelreflexkamera, die ich von den Ersparnissen in Wuppertal gekauft hatte. Später erfuhr ich, Achleitner habe den Aufbau besonders hervorgehoben. Jetzt soll dieser Aufbau Penthäusern weichen, was man ja auch sehr schön machen könnte. Ich hielt und halte das Projekt mit der viertelgeschoßigen Versetzung der 4 Einheiten je Geschoß insgesamt für außerordentlich. Es war damals auch die außen liegende Fluchtstiege in Planung, die nicht bis zum Dachaufbau reichen sollte.

EG: Es gab damals eine Debatte um den Brandschutz und wir suchten eine tragfähige Lösung. Wir wussten von Deutschland, dass dem Thema große Beachtung geschenkt wurde und dass außen liegende Stiegen in Planung waren. Diesen Vorschlag machten wir, und man war der Meinung, die Stiege müsse nicht ganz nach oben führen, da man aus den oberen Stockwerken einige Geschoße nach unten bis zum Ende der Stiege flüchten könnte. Dadurch, dass man bei aufsteigendem Rauch aber nach oben und nicht nach unten flüchten sollte, kam man schließlich überein, die Stiege bis oben hin zu führen. Übrigens wurde das Gebäude mit Gleitschalung hochgezogen, und am Podest des späteren Stiegenanschlusses wurden Steckeisen eingelegt. Als dann die Stiege gebaut wurde, als der Rohbau des Gebäudes schon fertig war, hieß es in der Presse genüsslich, die Architekten hätten den Bau der Stiege vergessen.

HA:
Sprechen wir über die Terrassensiedlung, dem Bauwerk, mit dem ihr die größte Aufmerksamkeit erregtet.

EG: Wir hatten an einem Wohnbauwettbewerb in Völs in der Nähe von Innsbruck teilgenommen, waren aber ausgeschieden. Er wurde zum Vorbild für die Terrassenhaussiedung –

HA: Es war das zweite und letztmals, dass ich bei euch arbeitete und zwar genau an diesem Projekt und wieder mit Hermann Pichler. Er und ich steigerten uns in einen wahren Entwurfsrausch und planten die gebogenen Baukörper mit Plattformen, auf denen es Freiflächen, Lufträume, Apartments und Maisonetten, also Wohnformen unterschiedlichster Art gab. Werner Hollomey plante den mittig gelegen Hügel mit Atriumhäusern.

EG: Weißt du, was beim Wettbewerb geschah? Das Modell, das wir gebaut hatten, wurde dem Preisgericht überhaupt nicht gezeigt. Die differenzierten Baukörper, die Hermann Pichler und du entworfen hattet, wurden wegen der ‚Vergleichbarkeit‘ mit den anderen Projekte durch schachtelförmige Bauklötze ersetzt. Dieses völlig entstellte Modell wurde dann gezeigt. Es war offensichtlich, dass das Projekt ausgeschieden werden sollte. Ich kannte keinen der Preisrichter namentlich, aber so ging man damals mit Architektenleistungen vor.

Zur Terrassensiedlung: Wir dachten nach Völs an das Projekt einer Terrassensiedlung, hatten einen Bauplatz gesichert und die Bereitschaft des Eigentümers, das Grundstück zu verkaufen. In dem Gebiet gab es drei Ziegeleien, die das Material für die Gründerzeitbauten in Graz geliefert hatten. Eustachio mit einem riesigen Gelände der Größe des Stadtparks, die Wienerberger und jene mit ‚unserem‘ Grundstück. Diese hatte den Betrieb verkleinert, es bestanden nur noch Lehmgruben. Wir wandten uns mit dem Vorhaben an die Stadt wegen der Widmung – es gab damals noch keinen Flächenwidmungsplan – und wir erhielten den Auftrag für eine Studie. Wir wandten uns mit dem Projekt an die großen Bauträger in Graz, die aber kein Interesse zeigten.

Was uns entgegenkam, war die Erklärung zum Demonstrativbauvorhaben. Das Ministerium für Wohnen, Bauen und Planen hatte, nach dem Vorbild Deutschland, zur Verbesserung des Wohnens in Österreich, die Möglichkeit geschaffen, Wohnbauten mit Innovationsgrad zu Demonstrativbauvorhaben zu ernennen und sie mit 25 Mio Schilling für Verbesserungen samt Zusatzförderungen, u.a. für besseren Wärmeschutz zu fördern. Für die Auftragsvergabe an uns musste das Projekt von einer Begutachtungskommission genehmigt werden. Das geschah auch mit einer Ausnahme: jener von Roland Rainer. (Anm.: Roland Rainer war damals Professor an der Akademie der Bildenden Künste und verfasste zusammen mit Hubert Hoffman das Buch „Die gegliederte und aufgelockerte Stadt“.)


Teil 2 des Gesprächs mit Eugen Gross erscheint am Sonntag, dem 15.12.2013 auf www.gat.st

Verfasser / in:

Bernhard Hafner

Datum:

So. 08/12/2013

Terminempfehlungen

Artikelempfehlungen der Redaktion

Infobox

Im Gespräch mit Eugen Gross_Teil 1

Teil 2 des Gesprächs mit Eugen Gross erscheint am Sonntag, dem 15.12.2013 auf www.gat.st

Kontakt:

Buchempfehlung:

Fotostrecke:

Kommentar antworten