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Blog house, Festivalzentrum steirischer herbst 2012
Architektur: raumlabor berlin, ©: Karin Wallmüller

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Bericht
Kunst als politische Intervention

Kann Kunst als soziales und/oder politisches Instrument eingesetzt werden? Sollen sich Künstlerinnen und Künstler mittels von ihnen formulierten Strategien in sozialpolitische Krisensituationen einschalten? Die Vergangenheit und gegenwärtige internationale Ereignisse zeigen, dass Künstler sich politisch engagieren. Von den vielen erfahren wir zumeist nur, wenn Aktivistinnen und Aktivisten Repressionen ausgesetzt sind wie Ai Weiwei oder Pussy Riot.

Wenn österreichische neoliberale Neopolitiker höchst enerviert damit „drohen“, die Gesellschaft mit einem quasi ideologischen Programm, das der „Wahrheit“ geschuldet sei, zunächst in ihrem Wahlkampf zu konfrontieren, erscheint es mehr als angebracht, dass der Steirische Herbst mit einem nicht weniger fragwürdigen, gleichwohl sarkastischen Motto dagegen hält: Truth is concrete. Anders als achtzigjährige Politikeinsteiger zeigt sich der Herbst allerdings skeptisch gegenüber einem absoluten Anspruch auf konkrete (fassbare) Wahrheit und ob solche inmitten von Wirklichkeiten gefunden werden kann.

In einem groß angelegten Symposion, dem „Marathon-Camp“ im Festivalzentrum in und um die Thalia in Graz, werden vom 21. September an über 170 Stunden nonstop rund 250 Künstler, Aktivisten und Theoretiker referieren, performen, mit dem Publikum diskutieren und nach effektiven Strategien von Kunst in der Politik und politischen Taktiken in der Kunst suchen. Zudem sind im Rahmen eines Stipendiatenprogramms 100 Studierende, Künstler und Aktivisten eingeladen. Zur Eröffnung um 14.00 Uhr wird Tim Etchells, Autor und bildender Künstler aus Großbritannien, vortragen, unterstützt vom Performer Jerry Killick (GB). Ebenfalls am Eröffnungstag folgt ein „Crash-Kurs für Ausländer“ von Herwig G. Höller (A), der in einem Videovortrag österreichische Politiker vorstellt. Empfohlen sei hier noch eine Diskussion, die von Chantal Mouffe (GB/B) am 23. 09. geleitet wird und die Politiken künstlerischer Praxis beleuchten soll.

Festivalzentrum
Das Camp Festivalzentrum wurde entworfen und wird gerade errichtet vom ArchitektInnenkollektiv raumlaborberlin. 1999 als Arbeitsgemeinschaft für Architektur, Kunst, Planung und Aktion gegründet, arbeitet die neunköpfige Gruppe vorwiegend zu Themen temporärer Architektur und Urbanistik. Jüngste Projekte sind beispielsweise das „Salotto Urbano“ im historischen Zentrum der 2009 von einem Erdbeben weitgehend zerstörten italienischen Stadt L’Aquila. Als verbindendes Element zwischen Platz und städtischem Umraum kann dieses entsprechend den Jahreszeiten aufklappbare „offene Haus“ für Theaterinszenierungen, Diskussionen, Workshops oder Konzerte genutzt werden. Zur Gänze aus Altmaterial errichtet wurde dagegen die „Officina Roma“, quasi ein physisches und temporäres Statement gegenüber Lebensstilen, die auf Wettbewerb, Wachstum und Ausbeutung natürlicher Ressourcen basieren. Soeben in Turin eröffnet wurde „Cantiere Barca“, ein Treffpunkt für junge Menschen, der unter Beteiligung von Jugendlichen entworfen und errichtet wurde.

Für den Steirischen Herbst 2008 gestalteten raumlaborberlin die Explosionsplastik „moderato cantabile“ vor dem damaligen Zentrum Joanneum. Grandios, unterhaltsam und höchst sophistiziert war 2009 der „Tempel der Vernunft“, eine Versuchs- und Raumanordnung, die in Zusammenarbeit von Theater im Bahnhof und raumlaborberlin die Helmut-List-Halle ausfüllte.

Das Konzept für das Camp im diesjährigen Herbst stammt von Benjamin Foerster-Baldenius, Andrea Hofmann und Jan Liesegang. „Architektur“, sagte Liesegang während der Pressekonferenz im Thalia-Café, verstehen raumlaborberlin „als politische Arbeit“. Auf dem Areal zwischen Thalia und Opernring 7 zeichnet sich diese Haltung offenbar darin ab, dass Ein- und Anbauten wie schon bei der „Officina Roma“ ausschließlich mit Alt- bzw. Gebrauchtmaterial vorgenommen werden. Im Fall der Thalia ein auffälliger Kontrast zwischen dem Stahlträgerskelett des neuen Überbaus und den aus gebrauchten Möbel, Holz- und Papppanelen gebauten Info- und Kartenbüro. Entwurf und Bauweise des Camps versinnbildlichen für raumlaborberlin, in Assoziation mit dem Motto „Truth is concrete“, „ein Unbehagen angesichts situierter Gesellschaften wie der österreichischen gegenüber den Krisen und Revolutionen infolge eines neuen Konservativismus und globalen Kapitalismus“. „Die Krise“, meint Jan Liesegang, „zieht sich bis in die gerade noch existierende Mittelschicht“.
Überall soll man schlafen können. Während des Tag und Nacht ununterbrochen geführten Marathon-Camps steht ein improvisiertes Hotel mit 110 Betten zur Verfügung, außerdem Schlafstellen in der Nähe von Bühnen und Auftrittsorten. Man könnte also ständig anwesend sein, auch wenn man gewissermaßen abwesend ist.

Die Thalia-Bar wird zum zentralen Diskussionsraum. Radio Helsinki betreibt ein Festivalradio, Studio und Sendeanlage werden in einem gerade aus gebrauchten Fenstern errichteten gläsernen Turm mit 300 Quadratmetern Fassade, dem „Bloghaus“, untergebracht sein. Das Camp bietet außerdem Raum für Lailas Bar, ein Wohnzimmer, den Black Cube und den White Cube, ein Videoarchiv, einen Frisiersalon und einen Ausstellungsraum (im Haus der Galerie Zimmermann-Kratochwill).

Herbst-Ausstellung
Kunst und Politik sind auch Thema der Ausstellung „Adaptation“. Als solche wird eigentlich die Anpassung des Auges an Leuchtdichten im Gesichtsfeld bezeichnet. Die Prager Künstler und Kuratoren Zbyněk Baladrán und Vit Havránek haben unter diesem Aspekt keine Ausstellung vorbereitet, vielmehr wird am Opernring 7 in Zusammenarbeit mit eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern ein Labor eingerichtet. Eine Materialsammlung wird wieder und wieder adaptiert, um in zahlreichen Variationen die Beziehungen und Verhältnisse zwischen Kunst, Künstlern, Kuratoren, Publikum und Raum durchzuspielen.
Diese und weitere Ausstellungen der assoziierten Galerien und Kunstvereine werden – nach Ende des Camp-Marathons – am 29. September eröffnet.

Gala
Anders als bisher, steht am Beginn des diesjährigen Festivals keine Generaleröffnung. Als erster Programmpunkt geht der Camp-Marathon am 21. September um 14.00 Uhr schlicht los. Allerdings wird mit einer Gala am 28. in der Helmut-List-Halle eine Kampagne unter dem Titel „Rebranding European Muslims“ eingeleitet. Das internationale PR-Projekt der israelischen Performance- und Recherche-Gruppe Public Movement verbindet künstlerische Elemente mit den Instrumenten einer politischen Branding-Kampagne, mit der Werbeagenturen aus Istanbul, Amsterdam und Wien betraut sind. Thematisiert werden Muslime als Teil europäischer Bevölkerungen, die nach wie vor als Fremde inmitten europäischer Kulturen und Gesellschaften empfunden werden. Zum Abschluss der Gala konzertiert die islamische Punkband The Cominas aus Massachusetts, die damit ihren ersten Auftritt in Österreich gibt.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Mo. 17/09/2012

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21.09. – 14.10.2012

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