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Philippe Quesne (FR), Die Nacht der Maulwürfe (Welcome to Caveland!). Theater, Performance, Musik
©: Wolfgang Silveri

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Rezension
Kunst-Lawine steirischer herbst (01)

Lurgrotte goes Listhalle (Freitag)   
Intendantin Veronica Kaup-Hasler eröffnete den steirischen herbst 2016 mit einer Rede, in der sie die derzeit gültigen, liberalen, demokratischen und humanistischen Grundwerte einforderte – tadellos in Zeiten wie diesen, wenn auch wenig überraschend. Danach bat sie zu Welcome to Caveland!, in der mit Stalagmiten gespikten Helmut-List-Halle, wo Philippe Quesne in einer Nacht der Maulwürfe erhellende Einblicke in das Leben der mürrischen Wühler bot. Nur anfangs klingt die Musik irgendwie nach Country, dann pressen sich, begleitet von apokalyptischen Störgeräuschen, die auf ca 1:15 vergrößerten Maulwürfe durch eine Röhre auf eine mit Stalagmiten gespikte Bühnehöhle. Maulwürfe sind nicht besonders inspirierend und auf der Nahrungsmittelkette der Kürschner rangieren sie ganz unten (billige Muffs). Aber gerade dieses flache Profil verleiht ihnen Ambivalenz: Einerseits als possierliche Identifikationsflächen in Kindergeschichten, andererseits als Gegenspione (Maulwürfe), Untermineure der Ordnung. An diesem Theaterabend stehen sie für eine selbstzufriedene Gesellschaft, die nicht über ihren Höhlenhorizont hinaussehen will. Die Schlaraffenlandpopulation, der satirisch gemeinte, "menschliche Mikrokosmos" ließe sich aber auch auf den Kunstbetrieb inklusive politisch korrekter Grundsatzreden münzen.
Während sie in aller Bedächtigkeit hauptsächlich ihren unterirdischen Überlebensraum demontieren, reichen die Maulwürfe einander Müllbälle, machen Mund zu Mundbeatmung, bieten eine heiter-absurde Gebärszene, stürzen sich heißhungrig alle auf einmal auf einen Berg aus Riesenwürmern, ein Kerl rafft sich zu einem extrem phantasielosen Beischlaf auf, ein anderer stirbt und wird entsorgt... wie das Leben halt so spielt. Dem Maulwurf, der gelegentlich aus größerer Höhe Bauchlandungen in den Mull riskierte, hätte ich lange zusehen können. Der Possierlichkeitswert der unsozialen Kleinsäuger nimmt allerdings ab, je länger die Aufführung dauert. 
Das Problem dieser Nacht der Maulwürfe war nicht das Visuelle, sondern eher das Timing: Zu lang für eine Performance, zu wenig "Story" für eine "Conditio humaine". Der 1970 geborene Philippe Quesne studierte Bildende Kunst, visuelle Gestaltung und Bühnenbild in Paris und hat sich berechtigte Reputation erworben. Gegen Ende betreiben seine Maulwürfe sogar philosophische Selbstreflexion: In einer Art Höhlengleichnis wird Mauwurfs-Abel von Maulwurfs-Kain mit einem Stalagmiten zu Tode gebracht. Schatten, Schatten, Dunkelheit. Und dazu eine lange Schlagzeug-Apokalypse, auf den Einsatz des für Maulwürfe üblichen Gas wird glücklicherweise verzichtet. Das Maulwurfsgleichnis einer politisch blinden Schlaraffenlandpopulation, eines satirisch gemeinten, "menschlichen Mikrokosmos", passte auch auf den Kunstbetrieb inklusive politisch korrekter Grundsatzreden. Zurückhaltend frenetischer Applaus für die österreichische Erstaufführung.

Needcompany, Forever (Samstag)
Die belgische Needcompany kombiniert in wechselnden Besetzungen Archaisches mit abgefahrener Hochkultur, Ironie mit Urschreien und technische Perfektion mit gelegentlicher Selbstüberschätzung: ein rauschhaftes Überangebot, das manchmal Gefahr läuft in Unverbindlichkeit zu münden. Im Orpheum arbeiteten sich diesmal 2 Mädchen, 1 Sänger und 1 Tänzer an Gustav Mahlers Abschied aus dem Zyklus Lied der Erde ab. Inszeniert? choreografiert? Geleitet wurde die von dem kostbaren Material Porzellan bestimmte  Performance zwischen "Ewigkeit und Sterblichkeit" (immerhin Uraufführung) von Grace Ellen Barkey und Lot Lemm unter dem zu Abschied antithetischem Forever.
Die Spannbreite zeigt sich schon an dem dicklockigen Sänger, der hinter einem zarten Gazevorhang Mahlers Musik rudimentär und eigenwillig interpretiert; an dem energetischen Tanz und dem auf filigranem, glitzerndem Metallgestänge plazierten Porzellan, das zum Teil auch die Musik bestimmt. Ein Tänzer in Weiß legt eine Art Break-Dance hin, bevor er sich den beiden jugendlich-sympathischen Tänzerinnen zugesellt. Das hat Charme bis sich die Aktionen allzu oft wiederholen. Abgesehen davon ist dieser Kreislauf der Natur, das Stirb & Werde, die Mädchen als zwitschernde Vögel in den Porzellanästen dann doch... Die Kohabitation an der Rampe, für den sich der Sänger lange seines elektronischen und textilen Outfits entledigt, um dann, immer noch in Jeans, eine Tänzerin im Body zu begatten, wirkte gründlich altbacken. Nachdem die Welt noch einmal sehr blass blüht, kreist ein langer Metallarm hoch über der Bühne und lässt die Porzellanteilchen unheimlich Klirren, bis sie in einem veritablen Bühnensturm herabfallen. Warum Porzellan? Metapher für eine filigrane, gefährdete Welt?  Am Ende Dunkelheit und wieder eine ohrenbetäubende, akustische Apokalypse. Verdienter, freundlicher Applaus.

Moddi plays Unsongs (Samstag nacht)
Viel weniger aufwändig, aber getragen von einem schönen Konzept waren die Unsung Songs. Der norwegische Sänger Pal Moddi Knutsen, begleitet von seiner Cellistin, stellte im Orpheum Extra/Club Panamur seine neue CD vor. Moddi hat verbotene Songs aus der ganzen Welt, darunter Staaten wie China oder Mexiko versammelt: akustische Notizen zur politischen Gegenwart. Ein Konzert, das Charme nicht zuletzt aus der Selbstironie des Sängers, seinem Kampf mit alltmodischen Kassettentonbändern und den Soundpedalen bezog. Man erfuhr auch eine ganze Menge. Zum Beispiel, dass norwegische Jungs als Initiationsritus gleichzeitig mit der Firmung lernen eine "Shot Gun" abzufeuern; dass englischsprachige Sender nach 9/11 Songs, in denen "Feuer" oder "New York" auftauchte, nicht mehr spielten (das berühmte New York, New York kam ebenfalls auf die Schwarze Liste) und dass Israel bei Songs, die sein militärisch-humanistisches Engagement in den Palästinensergebieten thematisieren, gnadenlos restriktiv ist...  ein Act, der ganz altmodisch auf den Punkt kam.

Der Schwerpunkt des herbst von Kaup-Hasler liegt auf neuen Theaterformen. Im Bauchladen für andere Künste (wie Literatur etc) fand sich diesmal auch ein Film-Juwel: Am Mittwoch nach dem Eröffnungswochenende wurde der neueste Film des 2010 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Apichatpong Weerasethakul (Spitzname Joe) mit seinem neuesten Film Cemetery of Splendour gezeigt, Ebenfalls im Orpheum zwei Tage später dann Fever Room, die erste Theaterarbeit des Regisseurs.
Die Filme des thailändischen Filmregisseurs sind dem Genre-Kino (auch wenn es meist "Gespenstergeschichten" sind) entgegengesetzt und dementsprechend schwer nachzuerzählen. Joe wechselt unaufhörlich die Welten, Traum und Wirklichkeit, Tod und Leben, banale Gegenwart und nebelhafte Vergangenheit, ja die Protagonisten selbst gehen unaufhörlich ineinander über. Weerasethakul betreibt diese "Transgressionen" ohne jeden Effekt, so lakonisch, dass die Träumenden (und die träumenden Zuseher) nicht wissen, ob sie sich im Traum oder im Leben befinden. Und bei all dem sind seine Filmbilder von asiatisch-exotischer Pracht und rahmen gleichzeitig unaufgeregte, präzise Interaktionen.
Auch Cemetery of Splendour (Friedhof des Ruhmes) bietet das ideale Setting für vage Welten: Eine Schule, die mittlerweile als Spital für Soldaten dient, die an einer geheimnisvollen Schlafkrankheit leiden (und sterben), steht über einem Feld, auf vor 2000 Jahren eine Schlacht geschlagen wurde. Die kranken Soldaten können nicht gesunden, weil ihnen von der unterirdisch immer noch andauernden Schlacht ihre Energien abgezogen werden.
Um einen dieser Schlafkranken  kümmert sich die mit einem kürzeren Bein beschwerte Protagonistin, später schlüpft ihre Freundin in dessen Erinnerungen. Auf einem Spaziergang erklärt diese der Behinderten, die nur Gestrüpp und Müll sieht, die Anlage des früheren, prachtvollen Palastes. Die Toten sind also noch lebendig und die Lebenden in dieser Welt vielleicht weniger lebendig als sie glauben. Anders als im Westen, flößen Gespenster und Dämonen hier keine Furcht ein. Liegt das vielleicht daran, dass Animismus oder Buddhismus keinen strafenden Gott kennen, wie monotheoistische Religionen?
Ws Filme, die elegant und genau zwischen Alltag und Geschichte, Rätsel und, ja, auch Witz wechseln, zählen zu den bedeutendsten des gegenwärtigen Kinos und könnten wegen ihrer Erzähltweisen auch für das Theater relevant werden. Sein Fever Room, 2 Tage später ebenfalls im Orpheum, war allerdings keine Theaterarbeit, "nur" eine Installation, die von Bildern aus Cemetery of Splendour ausgehend, Flußaufnahmen anschließt und über Nachtbildern einer Stadt, auf die der Regen herabrauscht, wieder in jenseitige Reiche mündet. Zu sehen ist eine spärliche erleuchtete Höhle, ein Meeresstrand, der abwechselnd nach oben oder unten ins Schwarze kippt, Stroboskopeffekte und Theaternebel, keine Schauspieler. Schauspieler sind allenfalls die Zuseher, die im Abgedunkelten auf dem Boden sitzend in diese jenseitigen Bereiche mitgenomnmen werden.
Der schöne Programmansatz wurde leider zum Teil verschenkt durch die Projektion des Filmes in einem völlig ungeeignetem Nebenraum. Unverständlich, schon wegen des angeschlossen Gesprächs zwischen Alexander Horvath und Claus Philip: Der eine Leiter des Filmmuseums und Doyen der Österreichischen Filmkritik, der andere Leiter des Wiener Stadtkinos. Dass die beiden Herren sich auf eine Vorführung einließen, die kaum dem Standard eines Wettbüros entsprach, verwundert. Die Geste der Intendantin hinterher die Besucher für die Unbill auf einen Drink einzuladen, war nobel. Aber am schlauesten wäre eine Apichatpong Weerasethaku-Personale mit Joe leibhaftig gewesen.

Soviel über die heftigsten Eindrücke der ersten Woche. Das nächste Mal – gefährliche Drohung – noch mehr aus dieser vor sich hin wuchernden, erhellenden & anstrengenden Kunst-Lawine steirischer herbst. 

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler
steirischer herbst

Datum:

Mi. 05/10/2016

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