_Rubrik: 

Glosse
Monsanto City
Vision einer Stadtentwicklung

Die Innenstadt verödet, die Peripherie boomt. Die urbane Qualität der Stadt wird zur Legende, Unverwechselbarkeit entsteht an den Stadträndern nicht. Der Konsum von Gütern und Freizeit geschieht abseits der Zentren nahe den Autobahnen in den großen Magna-Kugeln. Die letzten Bewohner der Innenstadt sterben aus, wenn Politik gefragt wäre, schickt man die Bürger zur Abstimmung, die Verwaltung verwaltet sich, Visionen sind nicht opportun. Wo man für die Erhaltung kämpft, ist Rückschritt programmiert, weil der Fortschritt verhindert wird. Ein großes Wehklagen erhebt sich über der Stadt, wo nichts mehr weitergeht. Was sollen wir machen?

Bürger hört die Botschaft: Privatisierung ist angesagt, denn was in diesem Lande dem Staat zu teuer ist, wird verscherbelt. Die Bahn, die Post, die VÖEST, die Fernstraßen, aber auch Schönbrunn. Alles was an Volksvermögen keinen wirtschaftlichen Nutzen erzielt, wird zum Wohle der Allgemeinheit der privaten Ausbeutung und Gewinnmaximierung überantwortet. Man staune, denn plötzlich stellt sich der kommerzielle Erfolg ein.

Wo sind die Ressourcen?
Also, wem gehört Österreich? Nehmen wir an, den 7,5 Mio Österreichern.
Wem gehört Graz? Nehmen wir an, den 230.000 Grazern.
Nun, ein großer Teil von Graz ist "Öffentliches Gut", ein sehr kleiner Teil dieses Öffentlichen Gutes ist der Grazer Hauptplatz. 2.300 Quadratmeter europäische Stadtbaukunst. Groß genug für einen Test, wenn es gilt, die allumfassende Misere der Innenstadt aufzulösen. 
Daher, der Hauptplatz von Graz wird privatisiert. Und weil die Politiker wissen wollen, was das Volk will, wird das Volk volksentscheiden. Doch diesmal nicht mit dem Stimmzettel wie beim Kunsthaus, sondern mit dem Scheckheft. Weil das Volk über sein Eigentum entscheidet, wird der Erlös auf alle Grazer Bürger aufgeteilt. 
Und jeder Grazer erhält für seinen Anteil am Grazer Hauptplatz den Betrag von 10.000 Schilling oder 715 Euro, wenn sich 50 Prozent plus einer Stimme für den Verkauf entscheiden. Graz geht als "Stadt der Volksabstimmung" und nicht als "Stadt der Volkserhebung" endgültig in die Geschichte ein.

Der Multi aus den USA tritt auf, er bietet mehr als der aus Japan. "Unser" Multi wird in Graz seine EU-Zentrale einrichten und dafür baut der Multi am Hauptplatz seinen Skyscraper. Das neue Bauwerk steht auf 16 zarten Pfeilern und beginnt über der Kuppel des Rathauses. In 56 Meter Höhe über dem Niveau des Hauptplatzes befindet sich eine imposante Lobby amerikanischen Ausmaßes. Der Multi errichtet seinen Wolkenkratzer mit 128 Geschoßen für 5.836 Mitarbeiter.

Der Hauptplatz von Graz wird sich nach dem dritten erfolglosen Architektenwettbewerb endlich verändern. Glitzernde Lifts und gläserne Rolltreppen werden aus dem Untergrund die Menschen an das Tageslicht befördern, im Schutz unseres Wolkenkratzers wird man bei Regen und Schnee nicht nass, die Niederflurstraßenbahnen werden in der Kurve nicht mehr quietschen, das öffentliche Klo wird noch schöner als das im Zeughaus, alle Lokale werden noch mehr Tische und Stühle mit integrierter Gasheizung auf das nun weite Trottoir stellen und die Marktstände sind moderne Wägelchen auf Schienen und werden bei Bedarf von der Straßenbahn nach Andritz geschleppt. Andere Läden versinken abends im Boden. Öffentliches Gut wurde zum Öffentlichen Raum. Auf großen digitalen Leuchtwänden werden die lokalen Zeitungen uns Grazer mit vielen bunten Bildern erfreuen und aus dem letzten kleinen Cafe am Platz wird eine Wechselstube für die Maastricht-Währung.

Und 56 Meter über uns wächst der Monsanto-Tower in den Himmel der Steiermark. Der Blick aus der Lounge der Chefetage lässt den Schloßberg wie einen Maulwurfshügel erscheinen, in dem die letzten Unentwegten noch immer den Bau von geplanten Garagen verhindern, für Autos, die es schon lange nicht mehr gibt, die "Schachtel" und das neue Restaurant sind schon lange gebaut, beide am falschen Ort.

Da die Gentechnik zu den sechs bedeutendsten Kapitalindustrien der Zukunft zählt, ist es für den Multi selbstverständlich, seine Macht und seine wirtschaftliche Potenz in einer überaus angemessenen Architektur darzustellen. Also steckt dieses Gebäude wie eine zweite Erdachse in der Weltkugel und zumindest ganz Europa dreht sich um Graz. Die Transformation von der "Drehscheibe Süd-Ost" über eine blockierte Bremstrommel zum Schwungrad Europas ist gelungen. Selbstverständlich bleibt dieser Schritt kein singuläres Ereignis und es bildet sich in Graz und Umgebung umgehend ein weiterer Cluster.

Meine Damen und Herren es geht vorwärts!
5.836 Mitarbeiter des Multis müssen täglich ihren Skyscraper erreichen und verlassen. Die Steirische Verkehrsverbundgesellschaft baut zwei U-Bahnlinien. Die U1, von Köflach, Graz Hbf, Monsanto Tower/Hauptlatz, Universität, LKH 2000, Berlinerring, Laßnitzhöhe bis Gleisdorf und die U2 von Leibnitz, Flughafen, Grazer Messe, LKH West, Graz Hbf, Monsanto Tower/Hauptplatz, Universität, LKH 2000, St. Radegund bis Weiz.
5.836 Arbeitskräfte werden Geld verdienen, 5.836 Menschen wollen essen und trinken, wollen einkaufen und ihre Freizeit verbringen, einige von diesen wonderful-urban-people werden in der Innenstadt wohnen und sie werden sich vielleicht vermehren und das alles in unserem Graz. Hurra!
Das Kongresszentrum wird neu gebaut und sich bis zur Mur erstrecken, zwei Kunsthäuser werden errichtet, eines im Schloßberg für unterirdische und eines im Eisernen Haus für überirdische Künste.
Die Hotels expandieren und auch die Sporgasse wird wieder neu gepflastert.
5.836 Frauen und Männer müssen wohnen. Die öffentlichen Wohnbauträger werden international übliche Standards und Technologien freudig übernehmen und ihre bisher gebauten Häuser demolieren, damit die Stadtplanung manche Fehlentwicklung aus dem vergangenen 20. Jahrhundert korrigieren kann.

Es wird ein großes Aufbrechen sein, zum Flughafen wird man ein Gleis legen, die Grazer Messe wird abgesiedelt und tatsächlich international, die Universitäten werden, wenn auch verspätet, ihrem Ruf gerecht, die Dichter werden wieder dichten, die Künstler werden sich auf noch höherem Niveau streiten, alle Architekten werden Arbeit haben, der Handel wird umsetzen, das Gewerbe wird produzieren, das Speisenangebot der Gastronomie wird noch internationaler und der Tourismus wird endlich wie in Linz und St.Pölten sein.
In der Oper singen nicht nur drei Tenöre, sondern sechs. Im Schauspielhaus ist Schlingensief seit 20 Jahren Direktor, der Chef der Neuen Galerie kann durch gesteigertes Tempo die vierte Professur ausfüllen, die "Halle für Alle" ist gebaut und schließlich kann der Musikantenstadl auch in Graz gastieren und die Botschaft unserer Stadt gar weltweit verbreiten. Die Kulturhauptstadt grüßt Peking, Ulan Bator und die Faröer Inseln.

Das alles kann eine Vision für Graz sein, wenn der Multi kommt. Oder der Komet. Alle Hinweise auf lebende Personen sind in dieser unendlichen Geschichte absichtlich frei erfunden und nicht zufällig.

Verfasser / in:

Heinz Wondra

Datum:

Mo. 11/11/2013

Artikelempfehlungen der Redaktion

Kommentare

danke

Auch wenn diese wunderbare Idee schon 1998 entstanden ist, ist es doch auch heute noch im Zeitgeist.

Vision?

Lieber Herr Wondra,

George Orwell und H.G. Wells nicken gerade zustimmend herunter. Schlingensief liest noch. Aber Obacht! Der Bürgermeister nimmt Ihre Vision ernst und versucht gerade, Schlingensief telefonisch zu erreichen.

Infobox

Idee: Heinz Wondra
Endless Tower: Jean Nouvel
Montage: Josef Klammer

carne vale !!

Kommentar antworten