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Bericht
OFFENER BRIEF – Das Dorf in der Stadt

An
Herrn Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl
Herrn Vizebürgermeister Mag. (FH) Mario Eustacchio
Hauptplatz 1, Rathaus 8010 Graz

8. November 2017

OFFENER BRIEF:
„Das Dorf in der Stadt“
Ein kommunales Wohnbauprojekt als Stadtentwicklung

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Nagl!
Sehr geehrter Herr Vizebürgermeister Eustacchio!

think global – Die Stadt als „nachhaltiger“ Lebensraum

In den Koalitionsverhandlungen versuchen ihre Parteien das Thema „Zukunft“ zu bewältigen, neben Forschung und Umwelt erhält auch der „ländliche Raum“ besondere Aufmerksamkeit. Diese Klassifikation irritiert, sind doch die entscheidenden Zukunftsfragen in den urbanen Kulturen verankert und bestimmen ihrerseits mit ihren sozialen und technischen Errungenschaften das romantisierte „Landleben“. Der städtebauliche Anspruch des 20. Jahrhunderts, ländliche Konzepte in die „Stadt“ zu mischen, hat weltweit „Suburbia“ produziert. Die Folge war der Verlust des urbanen öffentlichen Raums, deshalb ist dieser Versuch gescheitert.

Heute assoziieren wir mit Stadt nicht mehr rauchende Schlote, Seuchen und Verbrechen, sondern jenen Lebensraum, der für den Großteil der Menschheit bestimmend sein wird.
 Der Urbanisierungsgrad in Österreich beträgt aktuell 66%, weltweit werden im Jahr 2050 zwei Drittel der Menschheit in Städten leben. Dass nur die Verdichtung der Lebensfunktionen den Energieverbrauch, den Ausstoß von CO2 und die Bodenversiegelung begrenzen kann, ist das größte Potenzial an „Nachhaltigkeit“, das uns zur Verfügung steht.

act local – „Das Dorf in der Stadt“

Ein aktuelles Projekt („Am Grünanger“) offenbart die Haltung der in Graz tätigen politischen Entscheidungsträger. Im Stadtgebiet rund um das Kraftwerk an der Mur sind Planungen im Gang, die allein schon auf der stadträumlichen Ebene (OFFENER BRIEF Teil1) fragwürdig sind. Im September 2017 wurde von „WOHNEN GRAZ“ ein Wohnbauprojekt mit dem Motto das „Dorf wird in die Stadt gebracht“ veröffentlicht. Diese Abteilung der Stadt unter dem neuen politischen Referenten Stadtrat Mario Eustacchio von der FPÖ fungiert als Auftraggeberin und Grundeigentümerin. Kaum an der Macht, sind die Folgewirkungen ewig gestriger politischer Haltungen auf kommunaler Ebene umgehend erkennbar.

Die Darstellung des natürlichen, gesunden Landlebens und seine Transformation in die Stadt wird mit dem berechtigten Wunsch nach mehr Grün in der Stadt vermischt. Nach den Mustern historischer Zeiten, Gebäude in Gruppen „mit Angerflächen und Dorfplatzfunktion“ zu stellen, werden diese mit „den hohen Zielen des gemeinschaftlichen Lebens angereichert“ und derart bei niederen Mietkosten kommunaler Wohnbau begründet. Was sich vordergründig als soziale Errungenschaft präsentiert, ist der Versuch, den Bewohnern ein Leben in urbaner Gemeinschaft vorzutäuschen. Tatsächlich wird mit dem Motto „Das Dorf in der Stadt“ die Segregation der ausgegrenzten Randgruppe begünstigt, die Integration in das ökonomische, soziale und kulturelle Leben soll aber – vielleicht auch als politisches Programm – verhindert werden. Die in einer Stadt gewünschte Diversität kann aber nur mit Integration gefördert werden, die Ausgrenzung in einem monofunktionalen Stadtquartier ist eine urbane Totgeburt.

Die zeitgeschichtliche Dimension „Am Grünanger“

Mit dem Wissen um die historischen Fakten hat das Motto „Das Dorf in der Stadt“ eine ungewollte Doppelbödigkeit, weil das Planungsgebiet seit Jahren als Ort eines NS- Zwangsarbeitslagers bekannt ist. Im „Flächenwidmungsplan“ als „archäologische Bodenfundstätte“ ausgewiesen, ist das Areal von mehreren Institutionen historisch fachkundig aufgearbeitet. In den letzten Kriegstagen ist es zur Ermordung von mindestens 53 Menschen gekommen, ein englisches Kriegsverbrechertribunal hat dafür zwei NS-Täter im Jahr 1947 zum Tod verurteilt.

Beim Bau eines Kindergartens wurden ermordete Opfer und bei Vorarbeiten zum Murkraftwerk bauliche Reste des NS-Lagers gefunden. Zur Klärung von Befürchtungen, ob weitere menschliche Überreste von mehreren Hundert Opfern in Bombentrichtern vergraben sind oder nicht, wären wissenschaftlichen Untersuchungen mit Probebohrungen und Luftbildvermessungen notwendig. Die Auslobung verspricht, dass im Zuge des Bauvorhabens „unter Hinzuziehung von Experten archäologische Grabungen an den Verdachtspunkten durchgeführt werden“. Diese Untersuchung der Verdachtsfläche wurde am 21. September 2017 im Gemeinderat von SPÖ, Grünen und Neos beantragt, von der OVP – FPÖ Mehrheit aber abgelehnt! Das Projekt soll der perfiden Auslobung entsprechend verwirklicht werden, die eine Bauausführung mit Flachfundamenten ohne Keller vorsieht.

Als Ergebnis der Projektvorbereitung bleibt die Tatsache, dass die Untersuchung der Verdachtsfläche des NS Lagers von einer Behörde mit dem politischen Referenten Eustacchio, dem äußerst rechten Vizebürgermeister von der FPÖ, betrieben werden soll.....

Wohnbau „Am Grünanger“ im gesamtstädtischen Kontext

Wie schon mehrmals beschrieben und gefordert, ist bei städtebaulichen Aufgaben eine sorgfältige Projektvorbereitung mit für die BürgerInnen transparenten Abläufen von entscheidender Bedeutung und international „state of the art“. Mit Beginn der UVP Verfahren zum Kraftwerk – laut Aussage der Stadtplanung vor ca.10 Jahren – hat ein ämterübergreifender Prozess eingesetzt. Zeit genug, um im Zuge einer fundierten Projektvorbereitung die komplexe Situation aufzuarbeiten. Über den angeführten Prozess sind leider bis zur Veröffentlichung des „Dorfprojekts“ keine Informationen an die Öffentlichkeit gelangt. Die aktuelle Dringlichkeit der „Stadtteilentwicklung“ mit dem angeführten Projekt ist in diesem Zusammenhang unverständlich, die wissenschaftliche Aufarbeitung sollte für eine europäische Stadt wie Graz eine Selbstverständlichkeit darstellen.

Der Wohnungsbedarf, auch dieser sogenannte „kommunale“, wird wie gewöhnlich auf den letzten Resten freien Grünlands hergestellt. Die Alternative, bestehende Bausubstanz mit zusätzlichen Möglichkeiten für die Gesamtstadt zu nutzen, wird nicht einmal erwogen. Ein Sanierungsprogramm von Altbausubstanz und Leerstandflächen im Stadtzentrum würde einen mehrfachen Mehrwert bringen:
– Der Stadtkern benötigt dringend eine höhere Einwohnerdichte. Das Kleingewerbe hat keine Chance, auch sekundären Funktionen des Handels und Dienstleistern fehlen die Kunden.
– Auf den absurden Bau von Tiefgaragen in der Altstadt zur Steigerung der Kundenfrequenz mit allen folgenden Problemen (siehe OFFENER BRIEF 2.Teil) kann verzichtet werden.
– Der zusätzliche Verkehr zu und von der Tiefgarage mit der Feinstaubbelastung entfällt, der wertvolle öffentliche Raum kann vom MIV freigespielt werden.
– Das Areal „Am Grünanger“ erhält eine Nachdenkpause, die Zeit kann für die Ausarbeitung eines zukunftsfähigen Stadtkonzepts genutzt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Steinegger

Verfasser / in:

Architekt DI Wolfgang Steinegger

Datum:

Wed 15/11/2017

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Kommentare

Fakten

Sehr geehrter Architekt Steinegger !

Ein paar Worte zu Ihrem Brief. Die konstituierende Preisgerichtssitzung fand am 29.09.2016 statt und die Jury am 14.12.2016. Der jetzige politische Referent für den kommunalen Wohnbau Mag. (FH) Eustacchio war in dieser Sache noch nicht zuständig, sondern seine Vorgängerin Stadträtin Kahr. (Grazer Gemeinderatswahl am 5.02.1017). Ihm jetzt irgendein politisches Programm in dieser Causa zu unterstellen kann aus Gründen der Polemik Ihrerseits verstanden werden, entspricht aber nicht den damaligen Tatsachen.
Bei den weiteren Punkten Ihres Briefes (Der historische Aspekt des Areals, der städtebauliche Schwerpunkt „Dorf in der Stadt“, soziologischen Anforderungen ...) verweise ich auf die ungewöhnlich umfangreiche Auslobung, welche Ihre Fragen vielleicht beantworten wird.

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