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Annnäherung zum Griesplatz vom Süden über die Karlauerstraße
©: Elisabeth Kabelis-Lechner

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Kommentar
PLUS / MINUS – Tore in die Stadt

MINUS: Das Tor zum Griesplatz

Dass Tore im Fußball immer eine Rolle spielen werden, ist irgendwie klar, aber dass sie im 21. Jahrhundert Stadttore in der Architektur bei den Architekten und Immobilienentwicklern so en vogue sind, erstaunt schon einigermaßen. Idyllen bzw. Paradiese suggerierende blumige Projektbezeichnungen sind ja schon lange Teil des Verkaufsmarketings. Man erinnere sich an Wohnidylle, Wohnparadies, Paradies im Grünen, Grüne Oase, Oasis und so weiter. Wohnanlagen als Oase zu bezeichnen ist schon seltsam, bedeutet es doch, dass um das beworbene Objekt Wüste liegt – also der Rest von Graz wäre demnach Wüste.
Seit zwei, drei Jahren taucht in Graz nun der Begriff Stadttor in der Immobilienvermarktung auf. So wird das Brauhausquartier in Puntigam als Tor zur Stadt vermarktet, das Projekt beim Stadion Liebenau als Ost. - Wohnen am Stadttor bereits im Wettbewerb als Citygate ausgelobt, und auch das Großprojekt am ehemaligen Areal Euroshopping am Grillweg soll laut Stadtbaudirektion Graz ein neues Stadttor werden.
Nun stellt sich schon die Frage, wozu all diese Tore, wir leben ja nicht mehr im Mittelalter?
Definition Stadttor laut Wikipedia: "Ein Stadttor war bis zur frühen Neuzeit der meist besonders verstärkte Durchlass durch die Ringmauer einer Stadt. Türme und Tore dienten neben der Stadtmauer dazu, den Stadtkern gegenüber Feinden zu schützen. Im 19. Jahrhundert wurden repräsentative Stadttore ohne militärische Funktion errichtet, die jedoch beispielsweise zur Zollerhebung oder zur Kontrolle der Nachtruhe – sogenannte 'Torsperre' ('kurz vor Toresschluss') – dienten. Diese waren oft in klassischer und repräsentativer Bauweise gestaltet. Diese Torsperre wurde Ende des 19. Jahrhunderts in den einzelnen Städten sukzessive aufgehoben."
Aber nun zum Tor zum Griesplatz: Am Werbeplakat am Bauzaun steht: "Das Tor zum Griesplatz. Modern-zentral-markant." Die Homepage des Maklers verrät weiter: "...Mit seiner markanten Fassade und der prägnanten Situierung des Gebäudes – man fährt vom Karlauergürtel kommend bei der Einfahrt zum Griesplatz quasi direkt auf das Gebäude zu – ist eine ausreichende Werbewirksamkeit und gute Frequentierung sowie gute Erreichbarkeit des Gebäudes gegeben. ... Stylisches Büro im Zentrum und exklusiver Miettraum".
Auch noch so viel Eigenwerbung schafft es nicht, das Gebäude schön zu reden. Hier wurde der Maßstab total gesprengt und das wohl mit Zustimmung der Stadtplanung und auch des Gestaltungsbeirats; denn das Gebäude hat 4000 m2 Nutzfläche. Irgendwie scheint es, als ob ein „Dichtemonster“ sich um das Eckgrundstück herumbiegen würde ohne auf die Umgebung, wie das denkmalgeschützte Albert-Schweitzer-Krankenhaus, das Polizeigebäude mit seinem gestalteten, urbanen Vorbereich oder die Verbauung am Griesplatz Bezug zu nehmen.
Vorher befanden sich auf diesem Eckgrundstück ein altes Vorstadthaus und der Lagerplatz einer Baufirma, das Haus runtergekommen, der Lagerplatz ein Schandfleck, aber das Grundstück hatte hohes Potenzial. Dieses wurde jetzt vernichtet, dafür Höchstdichten konsumiert und das Grundstück zu 100% versiegelt.
Kein Versuch, die westliche Baumallee vom Griesplatz weiterzuführen, kein Versuch öffentlichen Raum am markanten Eck zu schaffen, kein Versuch zum Flanieren einzuladen und breite Gehsteige zu schaffen. Nur maximale Baumasse, irgendwie „markant und prägnant“ im Sinne des Bauherren.
Die Metapher eines Tores zum Griesplatz wird im negativen Sinne in vollem Umfang Realität werden, wenn der erst begonnene, gegenüber liegende „Rankenhof“ mit einer Dichte von 2,57 fertiggestellt sein wird. Beide Gebäude werden sich mit ihren Architekturkanten so verschneiden, dass die bisher vorhandene Sichtachse zum Griesplatz und weiter zum Schöckl von Süden kommend nicht mehr existent sein wird. Das scheint den Werbetextern vom Rankenhof aber noch nicht bekannt zu sein, immerhin versprechen sie: „Wenn aus Wohnen Wohlfühlen wird“ bzw. „Wir erschaffen urbane Lebensräume“.

Verfasser / in:

Elisabeth Kabelis-Lechner

Datum:

Mi. 06/09/2017

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MINUS: Das Tor zum Griesplatz
Albert-Schweitzer-Gasse 49, 8020 Graz

In der Kommentar-Reihe PLUS / MINUS werden kurz und bündig positive wie negative Gestaltungen und Details aufgezeigt, die das Auge erfreuen oder beleidigen.

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