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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Vom Gehen und Stocken und Staunen

In den Katakomben von Palermo, an all den vertrockeneten Toten vorbei: Sie lächeln seltsam. Du glaubst, sie hätten dich durchschaut und wüssten mehr von dir, als du ertragen kannst. So ähnlich haben dich deine neugeborenen Kinder auch einmal gemustert, aus den Kissen und aus der Tiefe eines fernen Wissens, dann bist du vor ihnen verlegen und linkisch geworden und klein wie noch nie. 

Manche halten den Kopf gesenkt, sie denken nach und wollen nicht gestört werden, du störst sie auch nicht, vielleicht kommen sie ja doch darauf. 
Manche verachten und verhöhnen dich und zeigen es, von oben herab, sie genießen schamlos ihre Überlegenheit, die ihnen keiner streitig machen kann. Sie haben nichts zu verlieren, nicht einmal sich selbst, und sie können sich alles leisten. 
Manche wirken selbstvergessen und verträumt oder machen drastisch den Deppen in dein Gesicht. 
Manche rufen stumm um Hilfe, seit hunderten Jahren und ewig vergebens. Du gehst vorbei und weiter, du kannst nicht mehr helfen. Zudem hast du begriffen: keiner von denen braucht dich.
Das war meine Parade, an den tausend Mumifizierten an den Wänden dieser unterirdischen Korridore vorbei. Es war kein Begegnen mit dem Tod, eher eine groteske Kunst-Installation. Aber als ich wieder oben war und auf der Piazza Cappuccini, hatte das Sonnenlicht etwas Obszönes und war wie eine Leuchtreklame der Verlogenheit. Die Wahrheit schien unten.
Einmal, da war ich Rotkreuzler, habe ich den Streit mit dem Tod verloren und mich geschämt. Nicht meines Versagens, ich habe beatmet und bei der Herzmassage Rippen knacken hören, sondern wegen der Schäbigkeit der Umstände. Wir hatten „den Herzstillstand“ aus dem Bett gerissen, einen steinalten Mann, auf die Trage gezerrt und sind mit Blaulich – tatütata, mit allem Hohn zitiert – ins Spital gerast, wo ein übermüdeter Arzt sagen wird: „Bitte, schiebt ihn ins Bad, wir haben keinen Platz mehr für die Toten, heut sind es einfach zu viele. Achja, den Transportschein muss ich auch unterschreiben.“ Wir hätten den Angehörigen noch in der Wohnung sagen sollen: „Setzt euch zusammen, nehmt seine Hand und lasst ihn eure Stimmen hören.“ Das haben wir versäumt. Und ich habe einem Sterbenden etliche Rippen gebrochen. Das war seine innige Begegnung mit dem Himmel.
Sonstige Bilder: Der alten Frau einen langen Tag beim Sterben zusehen, ihre guten Hände halten, ihrem mühsamen Röcheln zuhören. Dann das letzte wütende Aufbäumen, es war wirklich, als risse ein Vorhang. Sterben ist Schmerz wie Geburt. Dann, als sie auslässt, kommt ihr fünfjähriger Urenkel in das Zimmer und wird sie liebevoll und sorgsam mit goldenen Bändern schmücken – es ist ein Geschenk, so wie sie selbst ein Geschenk war. Das Kind weiß es einfach.
Sonstige Bilder: Feuerwehrleute brechen die Tür auf, und wir finden eine Frau im Fliegengesumm und schaurigem Gestank und den braungelben Landkarten auf dem versifften Bettzeug. Sie liegt seit einer Woche verkrampft und starr und will noch immer schreien. 
Sonstige Bilder: Wir Buben, alle um die acht, sehen nach, welche Augenfarbe der Aufgebahrte in der Totenhalle hat. Dann Panik, weil sich die Lider nicht wieder schließen lassen. Wir sind davongelaufen, dann entscheidet das Los, wer zurückgehen und den im Stich gelassenen Ball holen muss. 
Sonstige Bilder: Was für Teile herumliegen, wenn einer in der Wetzelsdorfer Straße vor den Zug gesprungen ist. Dazu das Gesicht des Lokführers, den das alles erst einholen und niemals  loslassen wird. Dazu der junge Polizist, der sich am Zaun festkrallt, wie an einen Sinn des Lebens, den es bitte-bitte geben sollte, und der nur aus Würgen und Kotzen besteht. 
Sonstige Bilder: Da ist keinerlei Angst, da ist nur Staunen – ich bin auf dem bemoosten Stein ausgeglitten, werde im Bach abgetrieben und sehe über mir und durch das kalte und irgendwie harte Wasser das Glitzern der Sonne im Blattwerk - so fassungslos schön! Was für ein Wunder! Dann ein Ast, den ich reflexhaft fasse, das wird wohl der ärgste Fehler meines Lebens. Als hätte ich Gott in seine Pflicht gepfuscht und IHN vergrämt.
Sonstige Bilder: Wie in Sarajewo einer geschossen hat, das Fauchen vom Verputz aus der Fassade neben mir, diese lächerlichen Staubfontänchen, bis ich unendlich langsam begreife, dass er mich meint. Ich bin im Zickzack losgelaufen und denke noch heute: "diesen Schweinehund möchte ich treffen".
Sonstige Bilder: Mein Kind, es ist sechs, hat einen Pseudokrupp-Anfall und flüstert in der Umarmung: „Ich will nicht sterben!“. Das ist, als würden dir die Beine weggeschlagen. In einem Moment, da du einer zum Anhalten sein musst, verlässlich und ruhig wie ein Berg. Wie gut kannst du dich verstellen, wenn in dir das Entsetzen schreit? 
Etc. Etc. Etc. 

Epilog: Ich bin dem Todesengel nie begegnet, ich war nur nebenbei in seinem Atemhauch. Sollte ich ihn beschreiben, kann ich nur das Leben schildern. Vielleicht auch so: die Begegnung mit dem Tod verspüre ich, seit ich erkenne, dass ich keine Ziele mehr habe und keine Neugier. Und dass ich gern an Gott glaubte, um nach meinem viel zu langen Leben ein tadellos gereimtes Stoßgebet an ihn zu richten: „Lieber Gott, du Falott, mach mich tot, aber flott!“. Entweder stimmt die Adresse nicht, oder ER verspottet mich täglich mit neuem Erwachen.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Di. 15/11/2016

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Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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