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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Von Stockwerken und Himmeln.
Zwei romantische Geschichten aus dem alten Haus

Herr Dokter, Sie
werden gebraucht!

Neulich klingelt wer an der Tür und ist, weil ihm aufgetan wird, erleichtert. Sein geschwollenes Gesicht versucht ein Lächeln, das dann zur Groteske gerät.
Er hält mir einen vergilbten Zettel hin. "Dokter Dimek" steht drauf. Aha. Er hält mich für Dr. Franz Dimeg, den Zahnarzt. Der war einen Stock höher und ist seit mehr als 20 Jahren tot. Er hat ständig Leute behandelt, die eitrige Zahnwurzeln hatten und solcherlei, aber keine Versicherung. Also gratis. Und sein Name sprach sich unter den Armen herum, Ausländern, Asylanten, Geplagten.
Abends hat er im Bad gesungen, und weil die Akustik bei uns etwas seltsam ist, kam man in der eigenen Badewanne zu viel Mozart und vor allem Verdi. Seine Frau ist Triestinerin. Also gab es oft den Gefangenenchor aus Nabucco, aber auch „La donne e mobile“. Und Carmen hat er auch gemocht und gesungen. Und natürlich immer wieder: „Völker, hört die Signale!“.
Dem Schmerzensmann an der Tür könnte ich klarerweise den Zahn reißen, ruckzuck mit der Kombi-Zange, aber sowas tut man nur bei sich selber. Ich helfe ihm mit ein bisschen Wodka. Die Stamperl gehen weg wie nichts. Der Mann geht dann auch, aber besser gelaunt.
Lieber "Dokter Dimek", sollten Sie mir jetzt beim Schreiben aus dem Himmel über die Schulter schauen, dann lesen Sie bitte: Wer im Gedächtnis der Menschen so überlebt, auf abgegriffenen Zetteln, auf die man in der Not zurückgreift, der hat es in seinem Leben gut gemacht.

Guter Duft der
Nachbarschaft

Neulich hat die Nachbarin angeläutet, sie hatte Brot in der Hand, das sie selber gebacken hat. Sie hat gemeint, mit ihren alten und gichtigen Händen könne sie den Teig nimmer so kneten wie früher. Sie war gekrümmt in der Erinnerung an ihre jungen Zeiten voller Tatkraft, als sie noch den ganzen Laden geschmissen hat, so nebenbei und selbstverständlich. Als Frau halt. Aber ihre Augen blitzen, und wie, da ist noch alles drinnen und strahlt voller Stolz.
Ihr Brot duftet himmlisch und schmeckt so gut, dass man fast weinen muss vor Freude. Sie macht es mit ihren 80 Jahre alten Händen fein und gut und zu einer reinen Gottesgabe.
Solches Schenken ist in unserem Haus eigentlich üblich. Wir machen es immer wieder, einfach so.
Gestern hat meine Frau der Nachbarin einen Topfenstrudel gebracht, als er noch warm war. Und dann steht der Bub aus dem dritten Stock – mein Gott, wie die Kinder wachsen! – vor der Tür und schenkt uns Äpfel, mit lieben Grüßen der Eltern. Letztens, da waren die Eltern nicht da, hat er wegen ein paar Zigaretten angeklingelt, und ich hab gewusst, dass ich ihn keinesfalls verpfeifen darf.
So gehen wir miteinander im Haus um. Man läutet einfach an. Manchmal repariert man einer Nachbarin die Tür vom Küchenkastl oder schleppt ihr irgendetwas aus dem Keller hinauf, und manchmal kriegt man ofenfrisches Brot geschenkt. Oder Obst. Jedenfalls riecht es himmlisch, bis in den vierten Stock hinauf.
Diesen Duft möchte ich nicht missen.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Di. 18/07/2017

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Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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