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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Eine zerknirschte Bitte um Verzeihung

Živé naj vsi naródi,
ki hrepené dočakat dan,

ko, koder sonce hodi,

prepir iz svéta bo pregnan,

ko rojak
prost bo vsak,

ne vrag, le sosed bo mejak!
France Prešeren

Liebe Redaktion,

diesmal wird es leider erstmals nichts mit der Kolumne. Ich bin ziemlich marod und muss übernächsten Samstag eine ziemlich heikle Festrede halten: Im Pavelhaus zu Laafeld bei Bad Radkersburg, am 30. Juni. Aniada a Noar spielen auch auf. Man gedenkt der Gründung des Artikel-VII-Kulturvereins für Steiermark anno 1988 und der Eröffnung des Kulturzentrums zehn Jahre später.
Jetzt bin ich dabei, Material zu sammeln und zu sichten, Interviews zu organisieren und mit heißen Augen ins Internet zu stieren, damit ich mich durch Stich- und Reizworte ins 88-er Jahr versetze.
Was war: Kohl besucht in Moskau Gorbatschow, Johannes Paul II. besucht Wien und Mauthausen, George W. Bush wird US-Oberbefehlshaber. Vranitzky ist Kanzler, der einsame Mann in der Hofburg ist Waldheim, Landeshauptmann ist Krainer jun., Landtagspräsident ist Franz Wegart – Mitglied der SS-Kameradschaft IV, Rapid ist Meister und der Hit der Single-Charts ist Don´t Say No von Hansi Dujmic, der im Mai an einer Überdosis stirbt. Bertolucci verpasst seinem Letzten Kaiser den letzten Schnitt, Salman Rushdie bringt die Satanischen Verse heraus und sich selbst in Lebensgefahr, Thomas Bernhard schreibt den Heldenplatz. Beim steirischen herbst – die Parole lautet Schuld und Unschuld der Kunst – wird die „Siegessäule“ Hans Haackes am Eisernen Tor in Brand gesteckt. Etc.
Das sind nur ein paar Pinselstiche auf der historischen Kulisse.
In einem Wirtshaus zu Radkersburg wollen sich 1988 ein paar Leute um Prof. Dr. Wolfgang Gombocz auf den Artikel VII berufen, jene Magna Carta für Minderheiten, die im Staatsvertrag steht, aber nicht in der Wirklichkeit und schon gar nicht im Alltag slowenischer Steirer. Die müssen sich ducken, verstecken, verstellen – sonst gilt man als „Jugo“ und somit als das Letzte. Der Wirt erfährt, was die Gruppe plant, er wirft sie hinaus. Die konstutuierende Sitzung gibt es im Grazer Schuberthof. Danach die harten Tage zwischen Ignoranz der Landespolitik und lokalen Anfeindungen. Man lässt jedoch nicht locker, gründet einen zweisprachigen Chor, organisiert Sprachkurse, kooperiert mit der Universität, mit dem Werkraum-Theater, eröffnet eine Schriftenreihe.
Ein halbverfallenes Bauernhaus in Laafeld, wo einst der Dichter, Linguist, Übersetzer, Lehrer, Historiker und Ethnograph August Pavel (1886 – 1946) gelebt hat, soll ein Kulturzentrum werden. Pavel bewegte sich mit Selbstverständlichkeit zwischen dem Slowenischen, Ungarischen, Deutschen und Kroatischen – ein Pontifex, ein idealer Schutzpatron, ein leuchtendes Vorbild.
Dann das mühevolle Renovieren – und weil solche Projekte Opfer brauchen, bricht sich Michael Petrowitsch beim Sturz vom Gerüst den Arm.
Dann hätte es fast ein anderes Opfer gegeben. Eine Sendung von Franz Fuchs an Wolfgang Gombocz. Andrea Zemljic, erste Obfrau des Vereins, ist der Brief, der vor ihr auf dem Tisch liegt, nicht geheuer. Sie ruft die Gendarmerie an, sagt „Briefbombe“ und hört: „Nehmt´s euch nicht so wichtig“. Sie solle den Brief gefälligst selber auf den Posten bringen. Es war eine Bombe. Als der vierfache Mörder und Attentäter zufällig gefasst wird, findet sich in seinem Labor in Gralla ein mit Spengstof präparierter Blumentopf. Branko Lenart, Fotograf und später langjähriger Leiter des Kulturvereins: „Ich bin überzeugt, dass der Blumengruß für uns gedacht war.“ In Hinkunft ist bei Eröffnungen, Lesungen, Buchpräsentationen und Konzerten auch die Stapo dabei.
In die Rede muss ich noch flechten, wie das Pavelhaus an Image gewann, als sich dort Heinz Fischer und Milan Kucan treffen. Wie das Eis bricht, als Waltraud Klasnic vorbeikommt. Wie sich endlich Förderungen einstellen, wie man Sitz und Stimme im Volksgruppenbeirat bekommt, wie die Landes- und die regionale Politik nach jahrzehntelangem Behaupten, es gebe „bei uns“ keine Slowenen, nach und nach besinnen.
Ich muss die politisch-geistige Stimmung mit der schaurigen, schäbigen und blutigen Geschichte des Grenzlandes ansprechen, all die Brüche und Risse, die durch Identitäten gehen, all die widerspüchlichen Narrative und das Erdrückende des bürokratisch-formalen Dahinter, ich muss die Akteure anblitzen – bis zur heutigen Leiterin Susanne Weitlaner, die sichtlich entspannt sagt: „Besonders wichtig für das Klima war, dass Slowenien autonom wurde und zur EU kam.“ Und durch das Wirken und Werken des „Artikel-VII-Vereins“ schäme sich in der Region kaum noch jemand seiner slowenischen Wurzeln.

Ich bitte Sie, liebe Redaktion, um Nachsicht, wenn ich in meiner Verfassung kein Privatissimum schreiben kann. Bislang habe ich – wie die Zeit vergeht! – 56 Kolumnen stets verlässlich geliefert. Diesmal komme ich aber mir selbst geliefert vor. Ich sende Ihnen nur zerknirschte Grüße – aber beste Wünsche! Und eine Bitte: Halten Sie mir die Daumen, dass ich´s am 30. Juni hinkriege.

Mathias Grilj

PS: Übrigens empfehle ich – irgendwie muss ich Sie ablenken – das gut gemachte Buch Schauen, was sie machen/ Gledat, kaj delajo, das vom Pavelhaus herausgegeben wurde: Einblicke in die slowenische Kultur und Geschichte der Steiermark.
PPS: Wussten Sie übrigens, dass die kurios klingenden Gemeinden Grossklein und Kleinklein eigentlich Grossglein und Kleinglein heißen müssten? Glein kommt vom slowenischen glina – Lehm. Und Passail kommt von poselje und bedeutet simpel Siedlung.
PPPS: Das Motto im Briefkopf ist die slowenische Nationalhymne, eine Strophe aus dem Trinklied von France Prešeren (1800 – 1849), das in Menschenliebe, Friedenssehnsucht und Weltumarmung schwelgt. Die offizielle Übersetzung kommt nur so halbwegs hin und geht so: Es leben alle Völker,
 die sehnend warten auf den Tag,
 dass unter dieser Sonne 
die Welt dem alten Streit entsagt!
 Frei sei dann
 jedermann,
 nicht Feind, nur Nachbar mehr fortan!
PPPPS: Er war übrigens Freund und Förderer von Anastasius Grün – also Anton Alexander Graf von Auersperg, Dichter und Politiker, dessen Denkmal im Stadtpark steht, unweit der Passamtswiese. 
PPPPPPS: Prešeren hat sich – wie es einem Lyriker ziemt – ziemlich früh ins Grab getrunken. Im Vorjahr hat mir ein emeritierter Wilderer, Schmuggler und chronischer Literaturfreund aus Kranj folgenden Witz erzählt: Goethe sagte auf dem Sterbebett „Mehr Licht!“, aber bei unserem France hieß es: „Merlot!“
PPPPPPPS: Außerdem hat mir der obige eine sage und schreibe Bärensalami geschenkt.
PPPPPPPS: Flann O´Brian soll gemeint haben, ein Brief ohne PS sei gar kein richtiger Brief.
PPPPPPPPS: Ich stimme – sieht man das? – mit ihm überein.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Di. 19/06/2018

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Kommentare

Großartig

Danke Herr Grilj für diesen Beitrag

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GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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