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Ausstellung BACK HOME. Raimund Abraham, Herbst 2016, im Museum der Stadt Lienz
©: Eugen Gross

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Rezension
Raimund Abraham – Back Home

Das im eindrucksvollen Schloss Bruck über Lienz befindliche Museum der Stadt beherbergte im Sommer eine Ausstellung über Raimund Abraham, einen Sohn der Stadt. Es handelt sich um eine selektive Ausstellung, die einen Teil des Nachlasses des Architekten, der allein mit einem kleinen Bankgebäude am Hauptplatz von Lienz in seiner Heimatstadt vertreten ist, zeigt. Der Leiterin des Museums, Frau Silvia Ebner, war es daher ein Anliegen, den international bekannten und vor sechs Jahren tödlich verunglückten Architekten und Universitätslehrer vor heimischem Publikum und interessieren Gästen des Museums zu präsentieren.
Es erwies sich als Glücksfall, dass ein Teilnachlass – andere Teile sind im Privat- oder Museumsbesitz – nach Übergabe durch die Tochter von Raimund Abraham, Una Abraham, an das Architekturzentrum Wien von diesem erfasst und katalogisiert wurde. Der Wiener Architekturhistoriker Christoph Freyer betreute als Kurator die Ausstellung, die mehrere Räume im Westtrakt des Schlosses umfasste. Das zugleich für einen Architekten ungewöhnlich reichhaltige graphische Werk, das parallel mit den Projekten entstanden ist, wurde für die Schau von der Kunsthistorikerin Anna Stuhlpfarrer kuratiert.
Im Rahmen der Ausstellung lud das Museum der Stadt Lienz vor Abschluss der Werkschau einige Freunde von Raimund Abraham am 22. 10.2016 zu einer öffentlich angekündigten Gesprächsrunde Sprechen über Raimund Abraham. Dieser Einladung sind zahlreiche mit dem Künstler und Architekten seit seiner Jugend und bei der Werkentstehung verbundene Zeitzeugen gefolgt. Die Stadt Lienz sorgte für eine Kamera-Aufzeichnung der Diskussion, um diese als dokumentarisches Werk der Erinnerung an den Raumkünstler Raimund Abraham in die Spuren der Stadtgeschichte einzuschreiben.

Ausstellung BACK HOME

Vor der Diskussion bot sich die Gelegenheit, die Ausstellung anzuschauen. Sie zeigt Werkphasen des Architekten, die nicht chronologisch geordnet sind, sondern sich durch einen vom Ausstellungsgestalter induzierten Fokus auszeichnen. Der erste Raum widmet sich seinen idealtypischen Häusern, die in Zeichnungen und Modellfotos geometrische Raumkonfigurationen in Auseinandersetzung mit einer Landschaft zeigen. Dabei folgt der seiner sicheren Hand gewisse Architekt der euklidischen Idealvorstellung strenger Formen, die anders als in der klassischen Moderne durch von außen wirkende Kräfte gebrochen werden. Das Gleiche geschieht der Landschaft, die in Aufwerfungen, Gräben und Schnitten rein funktionellen Anforderungen entgegenstehen. Bergende Wände kippen auseinander, Wände blockieren die Zugänge, eine Zufahrt bricht ab, Winde durchwehen ein Haus und lassen die Vorhänge fliegen. Die Kolorierung der Zeichnungen strahlt zugleich Wärme aus, während die strenge Geometrie der untergelegten Tuschezeichnung einen rhythmischen Klang verbreitet.
In einer Fotoserie, auf quadratische Formate als systematische Landvermessung reduziert, begegnen die Häuser verschiedenen Landschaften und lassen durchblicken, dass es sich eigentlich um EIN HAUS handelt, das die Züge des sich der Freiheit eines Künstlers bedienenden Architekten zeigt. Nicht Vorstufen einer Erbauung zeigen die Hausentwürfe, sondern beanspruchen für sich die Autonomie einer Raumvision, die für sich ein Raumempfinden auslöst. Dass Raimund Abraham dennoch eines dieser Häuser in strukturell reduzierter Form bauen wollte, vom Vater eines Schülers beauftragt, endete für ihn in der Erkenntnis, dass nach Gesprächen mit dem Bauherrn dieses Vorhaben dem Anspruch der Idealität, die im Wohnen vor eine schwere Probe gestellt wird, nicht folgen kann.

Der zweite Raum widmet sich der zeichnerischen, fotografischen und skulpturalen Darstellung von einigen Objekten, auf die der Kurator den Fokus der STIEGE richtet:
„Früher wurde den Treppen eine wesentlich höhere Bedeutung beigemessen, oftmals waren Stiegen Teil des Entrees und somit Visitenkarte des Hauses. Mit dem Einzug des Lifts und der allmählichen Reduzierung des Bauteils auf ein reines Beiwerk wurden Stiegenhäuser häufig in architektonischer und gestalterischer Sicht vernachlässigt. Im Gegensatz dazu war für Raimund Abraham die Stiege weit mehr als nur der Aufstieg ins nächste Geschoß. In zahlreichen seiner ausgeführten Werke ist dieser Bauteil am Baukörper ablesbar oder bildet den Blickfang des Hauses, teils stellte er die Stiege auch ins Zentrum seiner Planungen (house with rooms). Dass diese ihm zudem zur Inszenierung des Raumes dienten, lässt sich gerade bei den wiederholt von Abraham eingesetzten Wendeltreppen – die auch als Spiel von Raumbeziehungen zwischen innen und außen gelesen werden können –  beobachten. Außer diesem speziellen Typus finden sich in seinem Werk auch Scherenstiegen, klassische mehrläufige Freitreppen oder rampenartige, flache Stiegen. Bei seinem wohl berühmtesten Werk, dem österreichischen Kulturforum in New York, wird das Stiegenhaus heute sogar als Rückgrat des Hauses bezeichnet” (Christoph Freyer).
Bei Abrahams letztem Werk, das posthum aufgrund der abgeschlossenen Planung fertiggestellt wurde, findet sich eine einläufige Eingangsstiege, die in eine innere Erschließungsrampe übergeht. Beim Wettbewerbsprojekt für das Akropolis-Museum 1989/90 versenkt Abraham das Museum am Fuße der Akropolis in die Erde, um daraus aufsteigend eine Treppe in Richtung auf die Akropolis zu richten. Ein Turmprojekt für eine Aussichtsplattform über die Ausgrabungen von Aguntum in Kärnten verwandelt sich zu einer Treppenskulptur, die in einen viertelkreisförmigen „Teller“ übergeht. Gemeinsam ist diesen drei Projekten, dass das geometrische Layout im Spiel von Quadrat und Kreis liegt, wobei die Treppe das dominante Richtungsmoment darstellt.

In einem dritten Raum spannt sich der Bogen des Architekten von seinem Frühwerk zu seinem Spätwerk, wobei er in beiden Fällen ein Kommunikationsmedium zur Vermittlung seiner architektonischen Vorstellungen benutzt. Ist es das eine Mal das Foto, so ist es das andere Mal die Fotokopie.
„Architektur ist elementar in der Verwirklichung von Baugedanken mit den einfachsten Mitteln. Diese bestimmen in ihrer Abhängigkeit von der Entwicklung der Technik die Gesetze des jeweiligen Bauens“ (Zitat des Architekten). Diese einfachen Mittel hat er in seiner Tiroler Heimat gefunden, als er 1963/64 mit seinem Freund Josef Dapra, dem Fotografen, eine Reihe von Bergdörfern aufsuchte und gerade dort in den Speicherbauten jene elementaren Baumethoden vorfand, die eine gemeinsame architektonische Formensprache zum Ausdruck bringen. Sie beschränken sich auf Holz und Stein, die am Ort vorgefunden werden, und gewinnen in ihren Verbindungselementen – beispielhaft die Blockwandspeicher – eine ästhetische Dimension. Aus ihnen liest Raimund Abraham, der in seinem Wesen die angeborene Bodenständigkeit zeigt, Grundformen des Bauens, die sein ganzes Werk bestimmen sollten. Mich als Schüler von Konrad Wachsmann bei der Salzburger Sommerakademie 1957 überrascht es nicht, aber freut mich, dass Raimund in seinem Buch „Elementare Architektur“ aus Wachsmanns Werk „Wendepunkt im Bauen“, erschienen 1959, zitiert: „Die wissenschaftlich-technologische Perfektion ist die Voraussetzung, das Ziel aber bleibt das Ringen um die Erkenntnis und die Kunst des Bauens“.
Die aufkommende und sich stets verbessernde Fotokopie nutzt Raimund Abraham für Überarbeitungen, die in Zeichnungen aus den letzten Jahren wie „Birth of Architekture“, 2009, ein völlig neues Bild in seine Architekturen bringen: die organische Form. Sie orientiert sich an Bäumen, mit denen er wieder zu seiner ihm vertrauten alpinen Landschaft zurückkehrt, aber dabei die euklidische Geometrie verlässt und auf einen Formkanon verweist, der in seinen gleitenden Dimensionen die fraktale Geometrie anklingen lässt.

Wie es nicht anders sein kann, vollendet der Bau des Österreichischen Kulturforums in New York im letzten Raum die spezifische Werkschau. Dieses Haus, aus einem offenen österreichischen Wettbewerb hervorgegangen, stieß längere Zeit auf Widerstände, bis es realisiert werden konnte. Mit diesem Bau hat Raimund Abraham sein international viel beachtetes Hauptwerk geschaffen. Ein maßgeblicher Architekturkritiker nannte es das “beste Hochhaus” New Yorks. Zwei wesentliche Planungsvoraussetzungen waren, dass es auf einem nur 7,5 m breiten Grundstück errichtet werden musste und die örtlichen Sicherheitsvorschriften zwei Stiegenhäuser verlangten, denen auf dem kleinen Grundstueck kaum der Flächenbedarf zur Verfügung stand. Der Entwurf, den der Architekt auch modellhaft überprüfte, machte das Treppenhaus an der Rückseite zu einer “Wirbelsäule”, deren “Wirbel” aus einer Verschränkung bestanden, die eine ineinander verschlungene, zweihüftige Scherentreppe zeigt. An diese angebunden erheben sich die Geschoße von unten nach oben in kontinuierlich reduzierter Ausdehnung bis zu einer Höhe von 84,0 m, so dass sie von der Straße eine keilförmige Form bilden. Dies Staffelung wird an der Fassade durch eine maßtäblich abgestufte “Schuppung” zum Ausdruck gebracht, wobei die “Maske” die für den Architekten charakteristische “Personalisierung” zeigt. Vor die Straßenfassade der Randbebauung hervortretend markiert der Bau den Ort, der die Aufmerksamkeit der Passanten erregt. Die Nutzung der Geschoßflächen erfolgte den Anforderungen entsprechend, indem größere Räume im unteren Teil und kleinere im oberen Teil angeordnet sind. Mit der kleinräumigen Wohnung des Direktors schließt die Baustruktur in der Höhe ab, wobei eine “glatte Stirn” die Physiognomie in ihrer Ausdruckskraft vollendet. 
Das Österreichische Kulturforum in New York zeigt in diesem Werk ein Bild Österreichs, das in der Rezeption der österreichischen Architekturlandschaft jedoch mehr Aufmerksamkeit verlangt, als beispielsweise das Architekturzentrum Wien in der jüngsten Ausstellung Am Ende: Architektur – Zeitreisen 1959-2019 aufzeigt. Abraham kann in der Leidenschaftlichkeit seiner Raumzeichnung keinesfalls der auf Kalkül ausgelegten Postmoderne zugeordnet werden, auch wenn der “mainstream” der Architektur die Theoriediskussion des ausklingenden 20. Jahrhunderts dahingehend bestimmte.

Parallelitäten weist die aktuelle Ausstellung zu dem ebenso schmalen Grundstück von 7,5 m am Hauptplatz von Lienz auf, wo Raimund Abraham die Möglichkeit hatte, ein Bankgebäude zu errichten. In diesem Fall gab er der Straßen- und der Hoffassade dasselbe Gewicht, wobei die “Physiognomie” im kontextualen Zusammenhang variiert. Der offenen Straßenfront der traditionellen Umgebungsbauten mit ihren Fensterfassaden setzt er eine weitestgehend geschlossene Front – nur von Einschnitten unterbrochen – entgegen, während die Hoffront durch ebene, großflächige Verglasung die Besucher der Bank anspricht. In beiden Fällen bezeugt die überlegte Lichführung im Inneren, dass die Kassenhalle den inhaltlichen Schwerpunkt darstellt, der zugleich durch die Rauminszenierung dem Haus der Hypobank die “Corporate Identity” verleiht.
Direktor Frank Boehm der Stiftung Insel Hombroich, Neuss, nutzte die Gelegeneit, um das vor der Fertigstellung – durch einen anderen Architekten – und Übergabe stehende Haus für Musiker in einem Diskussionsbeitrag der von der Stadt Lienz initierten Gesprächsrunde von “Wegbegleitern” zu beleuchten. Die Ausstellung abrundend werden Fotos, Filmsequenzen vom Bauzustand gezeigt, wie er zur Zeit des Ablebens des Architekten bestand. Nach den Plänen errichtet, stellten sich hinsichtlich der Verwirklichung der ursprünglichen Zweckbestimmung technische und finanzielle Probleme ein, die die verlangte Akustik betreffen. Um nutzungsoffen zu sein, wird der Bau, der durch seine stringente Geometrie – Quadrat, Kreis, Dreieck – bestimmt ist, als Abraham-Haus in das Gefüge der anderen wichtigen Architekturbauten der Insel Hombroich eingeordnet. Anlässlich seiner erwarteten Eröffnung im Frühjahr 2017 ist weiters geplant, das Werk des Architekten Raimund Abraham in seiner idealistischen Konzeption zu zeigen, die die Klassische Moderne in dem Maße überschreitet, und auf Ursprünge zurückgeht, die dem “Gestischen” in der Architektur zum Durchbruch verhilft. Dieser subjektive Aspekt lässt Raimund Abraham dem Geiste eines Palladio nahekommen, als dessen Bewunderer er sich mehrfach bekannte.

Sprechen über Raimund Abraham

Das im Rahmen der Ausstellung stattfindende Gespräch von Wegbegleitern von Raimund Abraham sah der Kurator der Ausstellung, Christoph Freyer, der zugleich als Dikussionsleiter fungierte, die Gelegenheit, dem interessierten Publikum persönliche Aspekte der Diskutanten nahezubringen. Unter seiner Gesprächsführung sprachen Peter Leeb und Johannes Handler, Architekten Wien, Traudi Messini, Kunsthistorikerin und Filmemacherin Bozen, Markus Oberdorfer, Fotograf Wien, und Eugen Gross, Architekt und Studienkollege von Raimund Abraham in Graz.
Peter Leeb ein Mitarbeiter des Architekten im Büro in New York, berichtete über die Arbeitsweise, die im Abraham-Team gepflegt wurde. Noch ohne die Hilfsmittel heutiger 3D-Technik wurde auf die Übersetzung der vom Architekten großteils selbst erstellten Zeichnungen in das Modell großer Wert gelegt, wobei eine strenge Struktur als vermittelndes Medium diente. Beim Kulturforum war es ein Raster von 44 inch, der als “Taktgeber” mit den differenzierten Nutzungsansprüchen zur Deckung gebracht werden musste.
Der nunmehriger Eigentümer des Hauses Dellacher im Burgenland, Herr Arch. Johannes Handler, bekannte sich zur Aufgabe, das Haus als Zeitzeugnis zu erhalten, wobei er in Anbetracht des schlechten Bauzustandes umfangreiche Sanierungsmaßnahmen vornehmen musste. Neben der Einrichtung eines Zweitwohnsitzes soll das Haus, das in seiner Konzeption dem Haus Tugendhat von Mies van der Rohe ähnlich ist, ebenso öffentlichen Zwecken als Anschauungsbau bei Führungren dienen. Die Filmemacherin Traude Messini aus Bozen und der junge Wiener Fotograf Markus Oberndorfer befassten sich aus filmischer und fotografischer Sicht mit dem Werk des Architekten, indem sie in assoziativer Weise Projekte mit Personen und Orten in Verbindung brachten.
Schließlich habe ich selbst, vom Moderator auf meine Einschätzung der Bedeutung von Treppen für den in Graz augebildeten Architekten angesprochen, auf den gemeinsamen historischen Bezug zur Renaissance hingewiesen, für den die Landeshauptstadt mit ihren Innenhöfen und offenen Treppen bekannt ist. Am Beispiel der Grazer Doppelwendelttreppe hat gerade Konrad Wachsmann in seinem Buch die strukturelle Bedeutung hervorgehoben, die Treppen eigen ist. Schließlich verdanken ebenso eine Reihe von Bauten der WERKGRUPPE GRAZ, an denen ich planerisch mitwirkte, zentralen Treppen ihre räumliche Dynamisierung.

Dem Museum der Stadt Lienz ist zu danken, dass sie ihrem “geistigen Sohn” diese Hommage gewidmet hat, wobei eine Einordnung des Gesamtwerkes in den Kontext der österreichischen Architekturlandschaft hinsichtlich der visionaren Zeichnungen unbestritten erscheint, als betont individuelles Werk jedoch die Problematik der formbestimmenden “Moderne” in ihrer sozialen Dimension aufzeigt.    

Verfasser / in:

Eugen Gross

Datum:

Mi. 21/12/2016

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Eugen Gross zur Ausstellung (16.07.2016 – 28.10.2016) und das Gespräch über den Architekten Raimund Abraham (22.10.2016) im Museum der Stadt Lienz.

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