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'Golden days before they end' von von Klaus Pichler und Clemens Marschall. Alle Fotos: Klaus Pichler

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Rezension
Raum(er-)fahrer

Er dreht als Metapher gegen die Verschwendung die Sinnhaftigkeit eines Kühlschranks in sein Gegenteil um und nutzt ihn zur Züchtung von, in prachtvoll bunten Arabesken auf Nahrungsmitteln schimmernden, Schimmel. (One Third, 2013).
Er rettet in öffentlichen Räumen wie U-Bahnstationen wie auch in Geschäftslokalen oder Wohnungen den Lurch vor dem Staubsauger und bringt ihn als ein vielfältiges Kaleidoskop von Lebensresten ins extrem Vergrößerte zurück. (Dust, 2015).
Er erweckt eine ganze taxidermische Welt zu neuem Leben, eröffnet für Tierpräparate transitorische Habitate, wenn er als
moderner Mungo Park mit seiner Kamera die Depots des Naturkundlichen Museums in Wien durchstreift. (Skeletons in the Closet, 2013).
Zweithäute von Zweibeinern, Alter Egos einer inneren Gegenerde sehen das Licht, wenn er Menschen in ihren kleinen Rollenspiel-Fluchten mit dem Alltag konfrontiert und sie als geflügelte Dämonen am (Klavier-) Flügel spielen, als Einhorn in der Badewanne suhlen, als Starshiptrooper einsam auf einer Sitzgarnitur aus den 1980ern sitzen lässt. (Just the Two of Us, 2014).

Der Wiener Fotograf Klaus Pichler sucht bei fotografischen Projekten immer wieder Orte auf, die übersehen, an denen vorbeigesehen wird, die unserer Wahrnehmung entgehen. Landschaftsarchitektur studierte der gebürtige Steirer. Nun baut er für seine Bilderreviere vorhandene Räume um, nimmt mit Abwechslungsreichtum, Lust an der Inszenierung, kreativen Brüchen, Fantasie und Humor gepaart mit perfektem, handwerklichem Können fotografisch selten genutzte Freiflächen in den Fokus.

Mit Golden days before they end ist nun die neueste Publikation erschienen. Sie ist eine nostalgische Bestandsaufnahme des Lebens jener sozialen Hinterhöfe des Menschseins, für die dem Wiener nie die Namen ausgingen. Branntweiner, Stehweinstube, Stocherl sind nur einige Ausdrücke dafür.
In expressiven Aufnahmen zeigt auch hier wieder Klaus Pichler eine – trotz offener Türen – verborgene Fremdwelt. In ihr wird hart am Abgrund getanzt und irgendwann auch in ihn gefallen; der Rausch ist in weiten Teilen der Hauptdarsteller.
Menschen aus sozialen Randgruppen zu portraitieren, ist eine Herausforderung und löst ambivalente Gefühle beim Betrachter aus. Trotzdem führt Klaus Pichler spürbar mit viel Empathie für die Individuen vor seinem Objektiv eine Tradition fort, die in den 1970er Jahren mit Café Lehmitz, einem Fotobuch von Anders Petersen über das Treiben in einer Bierhalle an der Hamburger Reeperbahn begann und eine Dekade später mit Weinhaus von Leo Kandl auch eine erste Wiener Entsprechung fand. Beide Bücher gelten heute als Klassiker von fotografischen Milieustudien.

Was Pichlers Zugang von dem seiner Vorläufer unterscheidet, ist – neben dem Umstand in Farbe zu fotografieren –: er schenkt sehr ausführlich der Kulisse, den Lokalen selbst, deren Zahl mittlerweile drastisch sinkt, ihrer besonderen Nicht-Nicht-Innenarchitektur viel Platz. Dunkle Holzvertäfelungen, blasse Wandfarben, zerschlissene Tapetenfragmente, lasierte Fliesenböden umrahmen die Barkonstruktionen. Aufgeplatzte Hocker, labile Sessel und verschrammte Tischoberflächen sind dazu die Trabanten. Spitzenvorhänge an Gardinenstangen aus einer Vorzeit, in der die Wirte und Wirtinnen der Lokale noch andere Träume hatten und dämmriges Licht sorgen für unverhandelbare Privatheit der Gäste. Vereinzelter Dekor zeigt auf den anderen, unerreichbaren Kosmos: Fototapeten von Palmenstränden, Sportautos, Palmerswerbung. Fotos von vorangegangenen Gästen, kleine Hall-of-No-Fame-Ecken, erinnern an die vielen hier schon verbrauchten Leben. Für Jahrzehnte ist gerade die Kargheit dieser Plätze die Basis, damit Menschen, die auf brüchigen Bahnen sich bewegen, trotzdem emotionale Anbindung und Geborgenheit finden. Anachronistisch, archaisch und frei von Designüberlegungen wird hier immer schon ein form-follows-function-Ansatz verfolgt.

Clemens Marschall, der mit Rokko’s Adventures seit vielen Jahren ein empfehlenswertes Kleinod an Magazin für Gegenwartskultur abseits des Hauptflusses herausgibt, ergänzt mit vor Ort gesammelten Kurzinterviews kongenial das Bildmaterial.

Buch
Clemens Marschall, Klaus Pichler
Golden days before they end
Gebunden, 28 x 22 cm
250 Seiten, 120 Farbabbildungen
Edition Patrick Frey 2016
€ 52,00
2. Ausgabe ab Mitte August 2016

Ausstellung
Die Österreich-Premiere von Golden days before they end als Ausstellung findet vom 20. Oktober bis 11. November 2016 in der KUNSTHALLE GRAZ statt.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 18/08/2016

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Infobox

Zum Buch Golden days before they end von Klaus Pichler und Clemens Marschall.

Der Fotograf Klaus Pichler, Wiener und gebürtiger Steirer, sucht bei fotografischen Arbeiten immer wieder Orte auf, die übersehen, an denen vorbeigesehen wird, die der Wahrnehmung entgehen.
Clemens Marschall ergänzt das Bildmaterial mit vor Ort gesammelten Kurzinterviews.

Buch
Clemens Marschall, Klaus Pichler, Golden days before they end
Gebunden, 28 x 22 cm, 250 Seiten, 120 Farbabbildungen, Edition Patrick Frey 2016, € 52,00

Ausstellung
Österreich-Premiere von
Golden days before they end
20.10. – 11.11.2016
KUNSTHALLE GRAZ

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