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Sonntag
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DOPPELNULL AM HAUPTBAHNHOF
von Willi Hengstler

Zugreisen erweitern den gesellschaftlichen Horizont. Wenn es mühsam mit dem Fahrrad wird, bei Regen oder im Winter, nehme ich die Bahn für die 10 Km von Judendorf nach Graz und stehe dann unter Verkäuferinnen, Schülern oder vereinzelten Pensionisten auf dem Bahnsteig. Keine berufstätigen Männer, gelegentlich ist es eiskalt. Die Durchsage „der Regionalzug von Bruck an der Mur hat wegen Baustellen auf der Strecke ca. 20 Minuten Verspätung“ provoziert dann verstärkten Harndrang, der mich wenig später dem WC in der Unterführung des Grazer Hauptbahnhofes entgegenzappeln lässt... nein, ließ.

Früher. Vor dem Umbau.

Im Zuge dieses Umbaus ist die Anlage nämlich geschlossen worden. Es gibt kein öffentliches WC mehr auf dem Hauptbahnhof. Genau so wenig, wie ein Wartesaal oder ausreichende oder gar bequeme Sitzmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Wer immer für die Metallbänke - aufgestellt neben den Abfallkörben in der Mitte der Passage - verantwortlich ist, hatte möglicherweise die Entsorgung von Wartenden im Kopf, aber keinesfalls deren Bequemlichkeit. Wer Platz nimmt, ist schon als Misfit, als nicht gesellschaftsfähig inszeniert, als einer, der sich einen Kaffe bei Illy oder einen Imbiss in der Restauration oder bei McDonald nicht leisten kann. Armut mag keine Schande sein, aber kein Konsument zu sein ist es.

Bahnhöfe reflektierten die Mentalität ihrer Erbauer. Berühmte Bahnhöfe wie etwa die Victoria Station in Bombay oder der Bahnhof in Leipzig sind Aushängeschilder und pulsierende Zentren. Das gilt auch für den Grazer Hauptbahnhof, der auf seiner Website informiert: Generaldirektor Rüdiger vom Walde ist überzeugt: „Dieser neu und architektonisch modern gestaltete Bahnhof bietet mit dem wesentlich verbesserten Kundenservice, der neuen hellen geschmackvollen Einkaufszone und den zeitgemäßen Gastronomiebetrieben ein würdiges Entree zur Kulturhauptstadt 2003.“ Bei meinem Versuch, von Waldes “wesentlich verbesserten Kundenservice“ in Anspruch zu nehmen, bremste mich eine massive Absperrung, die mehr an die Sicherheitsmaßnahmen von Fort Knox, als an ein Urinoir erinnerte.

50 Cent einwerfen.

Ich hielt kostengünstig bis zum Hauptplatz durch. Auf die Beschwerde an die ÖBB, bei der es sich, wie mir gesagt wurde, keineswegs um einen Einzelfall handelte, erhielt ich folgende Antwort.

Sehr geehrter Herr Dr. Hengstler ,

vielen Dank für Ihre Nachricht.
Ihre Meinung ist uns sehr wichtig, ist doch die Zufriedenheit unserer Fahrgäste für uns oberstes Anliegen und Ziel. Wir haben Ihr Schreiben selbstverständlich an unsere zuständigen Mitarbeiter weitergeleitet. Das Bereitstellen einer ausreichenden Anzahl von WC Anlagen ist für die ÖBB eine Selbstverständlichkeit und ist Teil eines optimalen Kundenservices. Im Bereich des Grazer Hauptbahnhofes befindet sich je eine WC Anlage im Gastrobereich und im öffentlichen Geschäftsbereich. Die Kunden des Gastrobereiches erhalten für die Benützung Gratisjetons. Die WC Anlagen werden ständig kontrolliert und gereinigt, um die Sauberkeit und ihr Funktionieren sicherzustellen. Um einen geringen Teil der für die ÖBB anfallenden Reinigungskosten abzudecken, leisten alle einen kleinen Beitrag. Wir versuchen aber, diese Beiträge so gering wie nur möglich zu halten.
Wir hoffen, mit unseren Ausführungen Ihre Akzeptanz zu finden und verbleiben,
mit freundlichen Grüßen
Für die Österreichischen Bundesbahnen
Hans Kasuar

Der in Folge ausbrechende, launige Briefverkehr mag eventuell Herrn Kasuars Funktion legitimieren, und hat mich auf die Idee zu diesem Text gebracht. Aber ich begnüge mich, um jede Zeilenschinderei zu vermeiden, mit einer repräsentativen Entgegnung.

Sehr geehrter Herr Kasuar !

Ich habe Ihnen streng genommen keine Nachricht, sondern eine Beschwerde gesandt. Bedauerlicherweise ist auf diese Beschwerde weder von dem „zuständigen Mitarbeiter“, noch von Ihnen eingegangen worden. Die Beschwerde bezog sich auf die Absenz einer von der ÖBB gratis zur Verfügung gestellten Pissoiranlage, wie sie über Jahrzehnte am Hauptbahnhof bestanden hat. Ich möchte nicht Kunde „des Gastrobereiches“ werden, um Anspruch auf einen Gratisjeton zum Urinieren zu haben. Und der „kleine Beitrag“, den alle leisten (hier verfällt Ihr geschmeidiger Text unwillkürlich in eine Art Imperativ ) scheint mir mit 50 Cent sehr hoch.
Die Frage, ob die ÖBB nicht als Unternehmen dazu angehalten ist, Kunden in ihrem Bereich kostenlos eine der diskutierten Einrichtungen zur Verfügung zu stellen, ist mir nicht beantwortet worden.
Nein, Sie dürfen nicht hoffen, mit Ihren Ausführungen meine Akzeptanz zu finden.
Ich warte also auf eine Änderung Ihrer Haltung. Oder werde eben versuchen, die Öffentlichkeit für einen zivilisatorischen Mindeststandard am Hauptbahnhof Graz zu mobilisieren.
Mit den besten Empfehlungen
Willi Hengstler

An sich wäre das kein schlechtes Ende, 4113 Zeichen bis hierher. Aber wohin mit dem zivilisationskritischen Furor, der sich mittlerweile aufgestaut hat ?

Also weiter im Text: Muss ich jetzt kalkulieren, ob es günstiger ist, sich ein Cola zu leisten, oder nur 50 Cent zahlen, um in dieselbe Toilette zu dürfen ? Was ist mit jenen, die von Krankheit oder Alter zu einer höheren Frequenz gezwungen sind? In der kühlen Halle (die elenden Bänke!) auf den Anschluss wartend, brauche ich womöglich noch einmal 50 Cent. Und noch einmal. Harndrang als privater Kostenfaktor mag lächerlich sein. Aber er wirkt auch an der entzündlichen Grenze zwischen öffentlicher Verantwortung und privater Vorsorge, zwischen Rückzug des Staates und Beschädigung der (Blasen)Schwachen. Das opake Unverständnis meines kompetenten Briefpartners Kasuar für jeden anderen menschlichen Status, als dem des Konsumenten, entspricht genau der „brave new world“ in der ÖBB-Website:

„Beim urbanen Zentrum Bahnhof darf natürlich die entsprechende Infrastruktur (sic!) nicht fehlen. Im Zuge des Neubaus entstand eine neue, helle und geschmackvolle Einkaufszone und wurden zeitgemäße Gastronomiebetriebe angesiedelt. In der Gastro-Mall steht eine Vielfalt zur Verfügung, die vom Tee- und Kaffeespezialitätenshop über ein gemütliches Café bis hin zum gutbürgerlichen steirischen Restaurant reicht. In der Shopping-Mall ist die Auswahl an Geschäften ebenfalls gestiegen und reicht nun vom Nahversorger über die PaperBox bis zum Blumengeschäft. Fast alle Geschäfte haben täglich geöffnet und laden auch am Sonntag zum Shoppen am Bahnhof ein.“

Die Reduzierung des Bahnhofes auf den (Spar)Markt, die Verwandlung des Reisenden zum Konsumenten, die Depravierung der Benutzer- auf Konsumentenfreundlichkeit, die Minimierung der Kommunikation auf den Austausch zwischen Geld und Ware bzw. Dienstleistung, führt zur Zwangsregulierung vitaler Bedürfnisse im öffentlichen Raum. Die grundsätzliche Ignoranz für elementare Bedürfnisse anderer Lebewesen als Konsumenten steckt auch in der Ablehnung der Hundehaltung, reicht im Extrem bis zu Foltertechniken. Der Konsum als Medium der Freiheit mutiert zum Disziplinierungsapparat oder, schlimmer, zu der über die Werbeindustrie vermittelten und internalisierten Selbstzwangsapparatur.

Genügend Furor ?

Die durchaus gelungene Erneuerung des Hauptbahnhofes durch Zechner & Zechner stört also die ideale Konsumlandschaft von Einkaufszentrum, Ibis-Hotel, Saturn und Sportcafe nicht im mindesten. Die Verbindung des neuen Traktes mit der alten Halle ist gelungen. Ebbe und Flut der Pendler, die Ströme der Konsumenten und Passanten haben genügend Raum. Aber die scheinbare Offenheit der Architektur ist in Wahrheit als Unbehaustheit angelegt, die spätestens nach Geschäftsschluss manifest wird. Die Bahnhofsarchitektur, ursprünglich Wahrzeichen industrieller, technischer und sozialer Zivilisation, wird zum Regulationsmechanismus für Kunden, die es so schnell wie möglich zu entsorgen gilt.

Graz ist Referenzprojekt der Bahnhofsoffensive: Eine militärische Formulierung, die
vermutlich gegen die Reisenden gerichtet ist.
Die Victoria Station in Bombay, in der die Reisenden mit ihren großen Gepäckballen und dem Geruch von Übermüdung noch nicht durch Kunden ersetzt worden sind, verfügt über ein großzügig ausgelegtes Pissoir; detto Leipzig; detto, wenn auch nicht gerade großzügig, der Wiener Südbahnhof. Und der Grazer Ostbahnhof. Die letzten zwei vermutlich nicht mehr lange.
Willi Hengstler, geb.1944 in Graz
Inhaber der ÖBB VORTEILS card Classic Nr. 601480 00010 28509
letzte Veröffentlichung „fare“, Verlag Droschl 2003

Verfasser/in:
ausgewählt von Karin Tschavgova

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

So. 04/07/2004

Kommentare

Lieber Willi

Lieber Willi,
habe deine Geschichte mit großer Aufmerksamkeit und Vergnügen gelesen.
(Hätte mich beinahe angeschifft vor Lachen, als ich es mir "verdichtet" als Kabaretnummer vorgestellt habe.)
In Wirklichkeit ist es natürlich ein Thema, dass sich nahtlos in den derzeit laufenden "Stadtdiskurs" einfügt. "Wem gehört die Stadt" fragte die Grüne Akademie, auch im Haus der Architektur, aber auch international ist das ein heißes Eisen. Die "Sicherheitsdiskussion" ist ja auch so ein beliebter Vorwand Städte (oder zumindest Stadtteile) abzuriegeln, zu überwachen, nur für solche zugänglich zu lassen, vor denen "man" sich nicht fürchtet, und letztendlich natürlich auch nur denen das Urinieren zu erlauben.
Es geht - wie Du ja richtig bemerkt hast - um Privat versus Öffentlich.
Derzeit bläst der Wind nach Privat. Ich bin der optimistischen Auffasung, dass sich das wieder mal umdrehen wird, ob wir die Wende von der Wende noch erleben werden sei dahingestellt.
Was allerdings das Zugfahren, also den Verkehr anbelangt: Auch hier wird ja "von oben" eher auf Individual- als auf Öffentlich gesetzt. Strassen gebaut und Lastwagen gefördert. Ich habe daraus schon vor längerer Zeit meine Schlüsse gezogen (seit es keine ordentlichen Speisewagen mehr gibt), und fahre nur mehr mit dem Auto. Lieber Willi, ich sage Dir kein Vergleich! Keine kalten Füße, individuell einstellbare Heizung, kein Blasenleiden, und falls ich doch einmal aufs Klo muss gibts alle paar Augenblicke Ausweichen, Raststätten, Tankstellen, Abfahrten usw., alle mit WC in unmittelbarer Nähe. Diese Art von Menschen (du weißt schon Punks und Bettler und so) vor denen wir uns früher in den öffentlichen gratis - WC-Anlagen immer so gefürchtet haben, die sehe ich dort auch nie.
Schade, dass wir nicht die gleiche Strecke fahren, hätte Dir gerne eine Fahrgemeinschaft angeboten!
Alles Gute, Günter

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