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Sonntag
sonnTAG 150. Vom Verschwinden einer Stadt

Vom Verschwinden einer Stadt
Anne Isopp

Eisenerz geht in die Offensive: Die Stadt mit dem größten Bevölkerungsrückgang in Österreich verabschiedet sich von dem Dogma des permanenten Wachstums und sucht nach Chancen im Schrumpfen.

Würde es nicht in großen Lettern drauf stehen, käme man nicht auf die Idee, dass hier die Hauptschule von Eisenerz beheimatet ist. Dunkel und irgendwie leblos thront das Gebäude über der Altstadt. Nur bei genauerem Hinschauen kann hinter einzelnen Fenstern Schulmobiliar ausgemacht werden. Auf der Eingangstüre klebt ein weißer DIN A4-Zettel, auf dem zu lesen ist: “Wir gratulieren dem Olympiasieger Mario Stecher“. Als Stecher noch Schüler an der Hauptschule Eisenerz war, da war hier noch richtig was los. Heute ist nur mehr die Hälfte des Gebäudes belebt, die andere ist stillgelegt - aus Mangel an Schülern. Ähnliche Einrichtungen mussten bereits geschlossen werden wie ein Kindergarten, die zweite Volksschule ist im kommenden Jahr dran. Eisenerz ist eine Stadt, die für 13.000 Menschen eingerichtet ist, derzeit aber nur mehr knapp 5.700 Bewohner zählt. „Entweder wir werden eine Geisterstadt oder wir tun was“, sagt Bürgermeister Gerhard Freiinger und denkt laut über Rückbau und Abriss nach. Nicht nur die Schulen müssen daran glauben – vor allem die überschüssigen Wohnungen. Derzeit stehen über 700 Einheiten leer.
Im Zuge eines Architektenwettbewerbs wurden Ideen für ein Eisenerz im Jahr 2012 entwickelt (Dokumentation des Wettbewerbs demnächst auf GAT, Anm. d. Red.). Grundlage hierfür ist die Wohnungsmarktstudie„re-design Eisenerz“, die von Architekt Werner Nussmüller gemeinsam mit Robert Pichler und Rainer Rosegger im Auftrag des Landes Steiermark und der Stadt erstellt wurde.
Die obersteirische Stadtgemeinde steht nicht alleine da mit ihrem Problem: Während einige Städte rasant wachsen, verzeichnen andere hohe Bevölkerungsverluste. 400 Großstädte haben weltweit in den vergangenen Jahren mindestens ein Zehntel ihrer Einwohner verloren, darunter Städte wie Paris, Boston und Oslo. In Ostdeutschland, wo das Problem besonders gravierend ist, wurde von der deutschen Bundesregierung das Programm „Stadtumbau Ost“ initiiert sowie die Studie und gleichnamige Ausstellung „schrumpfende Städte“ (siehe Kasten). Diese untersucht das Phänomen in einem internationalen Kontext und zeigt neue Lösungsansätze auf. In Österreich hat man das Problem bisher nicht wirklich ernst genommen. Doch machen sich auch hier der Trend zum Einfamilienhaus im Grünen sowie der demographische Wandel der Gesellschaft in den Bevölkerungszahlen unserer Städte bemerkbar – an einigen Orten eben mehr an anderen weniger.

Gerhard Freiinger ist nun seit drei Jahren Bürgermeister der obersteirischen Stadt. Er selber ist kein gebürtiger Eisenerzer und glaubt, genau deshalb der Richtige zu sein für den Stadtumbau: „Ich sage immer wie ein Chirurg, für den es auch besser ist, wenn er den Patienten nicht kennt“. Natürlich kennt Freiinger seine Stadt gut – ihre Problemzonen eben so wie ihre Qualitäten. Und er weiß, dass wenn jetzt nichts getan wird, gibt es hier in fünfzehn Jahren nur mehr 4000 Einwohner und einen Wohnungsleerstand von circa 45 Prozent. „Das müssen sie sich mal vorstellen, wie das dann hier aussieht“, sagt er und blickt auf das große Gemälde, dass in seinem Büro an der Wand hängt: Der rötlich gefärbte Erzberg, die riesige Stufenpyramide, die das Stadtbild beherrscht. Wenn es den Berg und seine reichen Eisenerzvorkommen nicht gäbe, dann wäre Eisenerz heute wahrscheinlich noch immer ein Dorf. Doch durch die Arbeitsplätze am Berg ist die Stadt bis in die 60er Jahre enorm gewachsen. Damals haben über 4000 Bergleute hier gearbeitet, heute sind es im Zuge der Hochtechnisierung lediglich 210. Mit dem Wegfall der Arbeitsplätze haben auch immer mehr Menschen die Stadt verlassen – vor allem die jungen Leute. Zurück geblieben sind ältere Menschen (die Hälfte der Bevölkerung ist bereits im Ruhestand), leer stehende Ladenlokale und Häuser, hinter deren Fenster kein Licht mehr brennt.

Der große Leerstand bringt nicht nur fehlende Einnahmen für die Wohnungsbaugenossenschaften und die Stadtverwaltung mit sich sondern auch große technische Probleme. Durch die geringe Auslastung kommt es zum Beispiel bei den Wasserleitungen zu einer größeren Verweildauer. Damit am anderen Ende der Leitung kein braunes Wasser raus kommt, muss die Stadt das Wasser künstlich in Bewegung halten. Ähnliches gilt auch für das Kanalnetz. Im Osten Deutschlands kennt man diese Probleme: In Frankfurt an der Oder müssen jährlich 50.000 Euro mehr ausgegeben werden als noch vor zehn Jahren, um die Geruchsbelästigung durch das stehende Wasser in den Leitungen in Griff zu bekommen. Jedoch ist hier das Rückbauprogramm schon seit ein paar Jahren voll im Gange. An Orten, wo bis vor kurzem noch Wohnblock neben Wohnblock stand, ist meist nur mehr eine grüne Wiese zu finden. In Eisenerz wird dies nicht der Fall sein, denn hier braucht man Platz: Die Stadt erstreckt sich in einem länglichen Tal zwischen den Eisenerzer Alpen mit seitlich steil aufragenden Berghängen. Das ganze Stadtgebiet ist verbaut mit Arbeitersiedlungen und ein wenig Industrie. Bauland ist rar. Um mit dem allgemeinen Trend, dem Wunsch nach einem Einfamilienhaus mithalten zu können, hat Bürgermeister Freiinger noch ein paar neue Baugründe erschließen können. Diese seien weggegangen wie warme Semmel, sagt er. Durch den Rückbau hofft er, neues Bauland gewinnen zu können, beziehungsweise neue Gewerbegebiete ausweisen zu können.
Nicht nur die Stadt, auch die Wohnbaugenossenschaften haben ein großes Interesse, diesen Standort aufzuwerten. Die Wag hat insgesamt 1500 Wohnungen in Eisenerz und die Gemeinnützige Industrie- Wohnungsaktiengesellschaft, kurz GIWOG, besitzt rund 1000 Wohneinheiten. Die GIWOG belegt Häuser mit hohem Leerstand nicht mehr nach. Sie wartet bis das Haus ganz leer ist, um es dann gegebenenfalls abzureißen. Druck wird laut Vorstandsmitglied Georg Pilarz aber nicht ausgeübt:„ Die Leute haben zum Teil ihr Leben lang dort gelebt und wollen das nicht aufgeben.“ Wolfgang Schön, Sprecher der Geschäftsführung der Wag, hofft darauf, eine alternative Nutzung für einen Teil der Arbeitersiedlung im Münichtal zu finden. Diese liegt am nördlichen Rand der Stadt, weist einen Leerstand von 30 Prozent auf und ist zum größten Teil in ihrem Eigentum. Er sei im Gespräch mit internationalen Ferienwohnungsentwicklern, so Schön.

Schon Freiingers Vorgänger hatten ihre Hoffnungen auf große Tourismusprojekte und damit auf ein erneutes Wachstum der Stadt gesetzt. Diese Vorhaben wurden aber alle wieder verworfen. Die jetzige Stadtregierung will sich von der Vorstellung des ständigen Wachstums verabschieden. „Eisenerz kann eine Stadt mit 4000 Einwohner werden“, so der Bürgermeister „Nur die Alterstruktur und die wirtschaftliche Basis dafür müssen stimmen, damit die Menschen hier glücklich leben können.“ In Bezug auf den Tourismus gibt er sich realistisch: Auch in Zukunft werde es in Eisenerz überwiegend Tagesgäste geben. „Die Lösung wird nicht nur im Tourismus zu suchen sein, das muss eine Mehrzahl an wirtschaftlichen Säulen sein. Die Bevölkerung, die da ist, ist eine Bevölkerung, die mit der Industrie leben gelernt hat, das ist keine Dienstleistungsgesellschaft.“

Eine Tourismus-Idee für die Innenstadt hat Bürgermeister Freiinger aber dennoch: Ein Historikhotel. Man könne die architektonisch und historisch interessanten Objekte in der Innenstadt zusammenschließen, so meint er, und aus diesen Hotels mit einem hohen Standard machen. Man bräuchte kein neues Hotel bauen, da die Häuser ja vorhanden seinen und außerdem könnten dann die vielen leeren Ladenlokale und ihre Schaufenster verschwinden.

Mithilfe des Ideenwettbewerbs „Eisenerz 2021“ sollen nun weitere Zukunftsszenarien gefunden werden. Freiinger hofft auf unkonventionelle Ideen und sieht darin die Chance. Die Ergebnisse des Wettbewerbs werden im November in Eisenerz und im Februar 2007 in Graz zu sehen sein (und demnächst auf GAT, Anm. d. Red.). Er hofft damit auch Modellcharakter für andere Regionen oder Städte in Österreich zu haben, denn in der Steiermark verzeichnet nicht nur seine Stadt einen Bevölkerungsrückgang. Die Ausstellung „Umbruch - Aufbruch“, die seit September im Eisenerzer Stadtmuseum gezeigt wird (GAT berichtete, Anm.), thematisiert diese Problematik. Hier werden auch die zahlreichen Studien zu sehen sein, die bereits für Eisenerz erstellt wurden, ebenso ein Teil der Berliner Ausstellung „Schrumpfende Städte“.
AUSSTELLUNGSHINWEIS:
"Umbruch / Aufbruch"
Stadtmuseum
Schulstraße 2, 8790 Eisenerz

Ausstellungsdauer: 09.09.2006 bis 10.12.2006
Öffnungszeiten: Di–So, 10.00 – 17.00 Uhr
Führungen nach Voranmeldung unter T 03848 3615

Projektleitung:
ARGE Nussmüller / Resch / Rosegger
c/o Nussmueller Architekten ZT GmbH
Zinzendorfgasse 1, A 8010 Grazinfo@umbruch-aufbruch.at

Publikation zur Ausstellung:
Eine umfassende 80-seitige Publikation begleitet die Ausstellung. Namhafte internationale und österreichische Autoren setzen sich in über 40 Beiträgen und Dokumentationen mit den Entwicklungen, Trends und Herausforderungen der Globalisierung, mit weltweit schrumpfenden Städten, der Alterung der Gesellschaften und den damit verbundenen Folgen auseinander. Ein Auswahl von 20 international beachteten Ideen und Ansätzen auf internationaler und regionaler Ebene zeigt Möglichkeiten und Wege auf, wie diesen Herausforderungen begegnet werden könnte.KURZBIOGRAFIE
Anne Isopp studierte Architektur an der TU-Graz. Die Autorin schreibt u. a. für die Salzburger Nachrichten, Architektur & Bauforum und GAT. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Verfasser / in:

Anne Isopp

Datum:

So. 15/10/2006

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