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Sonntag
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"HANNS durch die Zeit" (A, 2006. Drehbuch und Regie: Wilhelm Hengstler)

Für Auszeit, das Hanns Koren Bedenkjahr 2006, schrieb Wilhelm Hengstler das Drehbuch und führte Regie zum Film "HANNS durch die Zeit". Die ARGE Hanns – das sind Hengstler mit lamettaVision, Markus Haslinger mit XXKunstkabel und Christian Marczik mit Intro Graz Spection – produzierte den 60-Minuten-Spielfilm, dessen Handlung sich um ein Treffen des plötzlich wieder anwesenden Kulturpolitikers Hanns Koren mit dessen Freund, dem Architekten Victor, dreht. Während eines Essens im zum Restaurant umgebauten Forum Stadtpark unterhalten sich Koren, dargestellt von dessen Sohn Erhard, und der Architekt, verkörpert von Stefan Wancura, über aktuelle und historische Fragen zu Kunst und Kultur. Die fortwährende Wiederaufnahme des Gespräches wird zur ironischen Paraphrase des Kulturbetriebes, dessen Motive sich stets wiederholen und doch jedes Mal wieder für einmalig gehalten werden. (Wenzel Mracek)

FILMPREMIERE:
"HANNS durch die Zeit" (A, 2006)
Drehbuch und Regie: Wilhelm Hengstler
WANN: 5. Dezember 2006, 19.00 Uhr
WO: UCI Annenhofkino, Graz
Weitere Vorführungen im UCI:
6. Dezember 2006, 21.00 Uhr
7. Dezember 2006, 17.00 UhrHANNS durch die Zeit. Akt 3
Drehbuch Wilhelm Hengstler (c)

VORSPANN - Akt 3

Graz Montage 3:
Viktor wieder unterwegs, aber diesmal vom Griesplatz kommend, über die Radetzkybrücke, vorbei an der Oper durch den bereits dämmrigen Stadtpark.

Viktor (off): Ich begreife nicht, warum mir die Zeit immer knapper wird. Bereits am Morgen, als sich abzeichnete, dass ich sowieso nicht zu Rande kommen würde, hatte ich mich erledigt gefühlt. Und natürlich. Grad als wir unsere letzten Seiten für den Wettbewerb ausdruckten, stürzten die Computer ab. Das Wichtigste war jetzt, diesen Kuncio aufzutreiben, damit der die Maschinen wieder auf Vordermann brachte. Die Einladung von Hanns Koren zum Essen kam mir da extrem ungelegen. Ich hatte ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen, aber es war typisch, dass er mich gerade erwischte, als ich das Büro verlassen wollte. Hanns Koren war für mich immer ein Ungleichzeitiger. Zu früh oder zu spät. Für seine konservativen Freunde war er viel zu modern und für uns Jüngere repräsentierte er eine Vergangenheit, die wir gar nicht mehr erlebt hatten. Diese Ungleichzeitigkeit hatte möglicherweise auch mit der Volkskunde zu tun: Einer Wissenschaft, die für die Aktualität des Vergangenen eintritt und vor dem Überholten, Unzeitgemäßen in der Gegenwart warnt. Aber neben diesem Geschichtsbewusstsein und seinem Gespür für die Gegenwart hatte er auch noch diese Lust auf die Zukunft. Und dieser gewissermaßen auf der Zeitachse angesiedelten Neugier entsprach seine Offenheit was Grenzen im konkreten, geografischen Raum anbelangte. Er hatte einen Blick für die Möglichkeiten und Chancen regionaler und kultureller Überschreitungen.

Akt 3
Abend. Viktor betritt das Forum-Lokal, die Gesichter der Gäste wenden sich ihm zu. Hanns sitzt bereits an seinem Tisch. Am Klavier lehnt eine Sängerin im blauen Abendkleid und gibt eine aufwändige Version von „Ein Hund kam in die Küche“ zum Besten. Der Barkeeper nickt Viktor freundlich zu. Die Szene scheint für Augenblicke einzufrieren, wirkt wie ein „lebendes Standbild“ bis das Lied beendet ist.

Hanns: Ich hab mir schon erlaubt anzufangen…
Viktor: Entschuldige die Verspätung, meine Computer haben wieder einmal gestreikt... was trinkst du da?
Hanns: Das Beste, einfach Wasser.
Viktor: Ich hab gar nicht gewusst, dass du so ein Gourmet bist.
Hanns: Da oben versteht man was von der Esskultur.

Der Oberkellner tritt an den Tisch.

Oberkellner: Darf ich den Herren noch was zu trinken anbieten?
Hanns: Trinkst mit mir einen Schilcher?
Viktor: Gern, aber nur vom Repolusk!
Hanns: Wunderbar!
Viktor lauscht der Klaviermusik

Viktor: Hängt Dir die Musik nicht schon zum Hals heraus?
Hanns: Das Forellenquintett wäre mir lieber.
Viktor: Deine Lieblingsmusik?
Hanns: Das und die Kleine Nachtmusik
Viktor: Hast Du nicht selber auch ein Lied geschrieben?
Hanns: Nur den Text.
Viktor: Den kann der Pianist vermutlich nicht spielen.

Der Klavierspieler spielt wie auf Bestellung die Kleine Nachtmusik.

Viktor: Das erinnert mich an die Kuba-Reise mit meiner Tochter...In Havanna sind an jeder Ecke Musiker gestanden, die ununterbrochen „Quantanamera.....“ gespielt haben. Alle Staatskünstler, ziemlich nervig auf die Dauer...In Holland sind alle Künstler sozial völlig abgesichert.
Hanns: Arme Teufel...Und bei uns?

Der Commis bringt den Wein säubert den Tisch, zieht das Dessertbesteck herab.

Viktor: Kunst ist jetzt Chefsache. Eine unpolitische Kunst eignet sich perfekt als Etikett. Die Hochkultur hat wieder Hochkultur.

Hanns: Gibt´s einen Kunstminister?
Viktor: Nur einen Staatssekretär.
Hanns: Kann ich den kennen?
Viktor: Du, das weiß ich nicht. Franz Morak, ehemaliger Burgschauspieler.
Hanns: Der ist doch in Graz mit meinem Sohn auf die Schauspielakademie gegangen.
Viktor: Ist die nicht auch auf Deinem Mist gewachsen?
Hanns: Wie ist er, der Morak?
Viktor: Schwierig.
Hanns: Burgschauspieler sind eben schwierig.

Der Commis bringt das Dessert. Das Klavierspiel wird plötzlich deutlicher

Viktor (blickt zum Pianisten): Ich komm mir vor, wie in einem ewigen Einerlei... überall Kunst… Kunst ... Kultur... Weißt Du was ich mir wünsch?
Hanns: Eine mozartfreie Zone ?
Der Klavierspieler macht einen Patzer
Viktor: Heißt es nicht „Kunst kommt von Können“. Aber was muss ich können, um Kunst zu machen?
Hanns: Kunst ist schön...macht aber viel Arbeit.
Viktor: Scheißen und Brunzen sind auch Kunsten.

Beide lächeln.

Hanns: Und zu viel Kunst, was ist das?
Viktor: Zuviel Kunst...ist eine grassierende, um sich greifende Flatulenz... Früher ist der Billeteur den Kinogang entlang marschiert und hat aus einer großen Flitspritze künstlichen Tannennadelduft ins Dunkel gesprüht.
Er macht den Billeteur nach.
Hanns: Gegen die Kunst?
Viktor: Na ja, wir waren hinten und wollten nach vor.
Hanns: Im Kino?
Viktor: Wir wollten die Vorhut sein, die Avantgarde. Aber dazu musst wissen, was hinten und vorne ist. Für uns war die Tradition hinten und vor allem dafür da. zertrümmert zu werden.
Hanns: Tradition ... Das uns Anvertraute, das wir nicht zurückweisen sollten...
Viktor: Erinnerst Dich wie der Kolleritsch in den Manuskripten „Die Verbesserung von Mitteleuropa“ abgedruckt hat?
Hanns: Da hat´s einen Riesenprozess gegeben.
Viktor: Einen Pornografieprozess, und was für einen. Auf der Rückseite der Manuskripte war der Oswald Wiener auf einer Hausruine, mit einem Hammer in der Hand.
Hanns: Mit dem Hammer philosophieren... am besten in der Weinstube Hammer.
Viktor: Wir leiden blöderweise unter der Paradoxie der Avantgarde. Hat sie sich durchgesetzt, dann bedeutet das doch gleichzeitig, dass es sich von Anfang an um eine falsche, weil populäre Avantgarde gehandelt hat. Der Erfolg der Avantgarde besteht ja gerade darin, erfolglos zu sein
Hanns: Wenn´s nicht sinnlos ist, hat´s keinen.
Viktor: Stattdessen ist sie zu einem Zeichen des guten Geschmacks für Leute geworden, in deren Elternhaus eben noch keine Gainsboroughs hingen.
Hanns: Du wirst doch nicht der Avantgarde nachweinen?
Viktor: Die Avantgarde hat auf ihrer Flucht vor dem eigenen Erfolg unaufhörlich neue Grenzen gesucht, einfach nur, um sie zu überschreiten: John Cages Klavierstück für ein unhörbares Klavier, das Schwarze Quadrat von Malewitsch oder leere Seiten von ungeschriebenen Gedichten... Kunst konsequent als permanente Revolution betrieben, führt irgendwann zur Selbstzerstörung.
Hanns: (ironisch) Bin ich froh, dass ich keine Avantgarde betreibe.
Viktor: Es ist schon bemerkenswert, wie die Leute, die sich damals zur Avantgarde gezählt haben, jetzt mit einer konservativen Haltung auftreten, einer Art Retro-Avantgarde.... Da steckt die Sehnsucht nach einem neuen Geschmack dahinter; nach etwas Ursprünglicherem.
Hanns: Ich hab grad vorher mit einem alten Winzer über die viel gepriesenen steirischen Weine geredet...alles nur Technik hat er gesagt, nichts Echtes. Und dabei hat er so getrunken.

Hanns schlürft mit offenem Mund.

Hanns: Und dann hat er gesagt: Der Wein muss nach der Erde schmecken!
Viktor: Weinkultur! Heute ist alles gut, nichts ist schlecht... Es ist zum Ersticken... Es hat einmal eine Zeit gegeben, wo es selbstverständlich war, dass man die Bücher, die man gehabt hat, auch alle gelesen hat. Das einbändige „Knaurs Lexikon moderner Kunst“ kann ich heute noch auswendig, inklusive der Aktbilder von Bonnard.
Hanns: Geh, sag mir so ein Aktbild auf.
Viktor:...Kunst... Kultur...Kunst….Kultur...

Commis räumt das Dessert ab.

Hanns: Weißt Du, warum man ein Sorbet isst?
Viktor: Ich weiß nicht einmal genau, was ein Sorbet ist. Irgendwas mit Eis?
Hanns: Ein Dessert, halb gefroren aus Eiklar oder Schlagobers, meistens versetzt mit Alkohol.
Viktor: Und?
Hanns: Na, bei einem großen Essen, mit mindestens 13 Gängen, wenn schon viele Gänge hinter dir und noch viel mehr vor dir liegen, wenn du eigentlich nicht mehr kannst oder willst, isst du dann zwischendurch ein Sorbet. Und das Erstaunliche daran ist: Das Sorbet müsste Dich ja noch satter machen. Im Gegenteil! Das Sorbet lähmt gewissermaßen den Magen und du kannst weiter schlemmen.
Viktor: Herr Ober, ich hätt gern ein ein Kultur-Sorbet?
Hanns: Dazu ist es jetzt zu spät.
Viktor: Guy Debord hat für das was sich gerade abspielt, einen prophetischen Titel gefunden: “Die Gesellschaft des Spektakels“.
Hanns: Ich denk dabei an die Gegenreformation: Barocke Feste, prunkvolle Theateraufführungen, Prozessionen.
Viktor: Die irrationale Kunst wird durch die Unterhaltungsindustrie gezähmt.
Hanns: Aha...kultiviert.
Viktor: Die Spektakel verlangen schon wegen der enormen Kosten eine Übereinstimmung zwischen Künstlern und Geldgebern. Der Künstler darf alles, aber er wird nicht mehr als Widerspruch wahrgenommen.
Hanns und Viktor werden von einer Auseinandersetzung zwischen dem Oberkellner und der malenden Commis abgelenkt. Das Klavierspiel endet abrupt.
Oberkellner: Karoline, bitte kommen Sie einmal her.
Commis: Ja gleich
Oberkellner: Nicht gleich! Sofort!
Commis: Ich komme.
Oberkellner: Sie sind entlassen!
Commis: Warum? Was hab ich falsch gemacht?
Oberkellner: Als Commis gibt es gegen Sie nichts einzuwenden, aber….
Commis: Aber was ?
Oberkellner: Ihre Bilder!
Commis: Meine Bilder ? Was ist mit meinen Bildern?
Oberkellner: Da! Die Kritik!

Der Oberkellner hält der Commis eine Zeitung vor das Gesicht

Commis: Dieses Kleinformat?
Oberkellner: Ihre Arbeiten sind mit dem Niveau unseres Betriebes unvereinbar. Ich muss sie bitten, uns auf der Stelle zu verlassen.
Commis: Bitten? Keine Sekunde bleibe ich länger hier!

Commis drückt dem Oberkellner das Tablett in die Hand und geht ab.

Hanns: Ein Spitzenkritiker?
Viktor: Der Feuilletonchef persönlich.
Ich schreib ja gelegentlich Rezensionen über Architekturbücher. Na ja und jetzt hat mir der Redakteur ein langes, schuldbewusstes Mail geschickt. Sie haben einen Readerscan gemacht.
Hanns: Readerscan ?
Viktor: Eine elektronische Leserbefragung...zeigt genau welcher Teil einer Zeitung wie gründlich gelesen wird. Kurz: für die Buchkritik waren die Ergebnisse katastrophal. Gebraucht werden Inhaltsangaben, Klatsch aus dem Leben des Autors, Kauftipps mit 12 Zeilen a 35 Anschlägen. Keine Rede mehr von Diskurs.
Hanns: Das Feuilleton schafft sich selber ab?
Viktor: Ja, weg von der Schriftkultur, hin zur Kultur der Bilder.
Hanns: Mickey Mouse.
Viktor: Früher hat man noch das passende Bild zu einer Geschichte gesucht. Heute erfindet man irgendeine Geschichte zu einem sensationellen Bild.
Hanns: Ich hab gehört, dass Blinde besonders sensibel sind, weil ihre Behinderung eine größere Sprachkompetenz fördert. Man kann auch sagen, je weniger Sprache, desto brutaler.
Viktor: Das ist vielleicht ein gutes Bild für unsere ganze Zivilisation: Einerseits schlägt man sich wegen der miesen Pisa-Ergebnisse an die Brust. Andererseits verdient man an der Abschaffung genau der Grundlagen, die für bessere Pisa-Ergebnisse nötig wären.
Hanns: Aber es werden doch noch Bücher gelesen und gekauft?
Viktor: Massenhaft, aber immer die gleichen. Viel. Mehr. Alles. Am Spektakulärsten. Es ist typisch, dass Klassiker wie Kiplings „Dschungelbuch“ oder Prousts „Recherche“ nur mehr als Comics oder als Animationsfilme unter die Leute kommen.
Hanns: Stimmt es, dass sogar auf der Post und im Spar Bücher verkauft werden?
Viktor: Die Kunst wird zur Ware und die Waren werden zur Kunst. Es ist kein Zufall, dass Bilder als Aktien an der Wand bezeichnet werden. Die Börse als der Inbegriff des perfekten Marktes setzt ebenso wie der Kunstmarkt völlig auf Spekulationen in die Zukunft. In Formaldehyd eingerexte Haie oder in Dosen abgefüllte Scheiße stehen für fiktive Werte, die auf dem Index der 100 teuersten Künstler notiert werden. Kunst ist der neue Megatrend.
Hanns: Für die Giacometti-Ausstellung in New York habe ich in einer Schlange, die um den ganzen Häuserblock gegangen ist, auf den Einlass gewartet.
Viktor: In New York warst Du? Du bist doch nie geflogen!
Hanns: Früher! Jetzt flieg ich wie ein Engel.
Viktor: Jährlich besuchen mehr Leute Museen, als Kinokarten verkauft werden oder in Fußballstadien gehen.
Hanns: Und was ist daran schlecht?
Viktor: Ich bin skeptisch gegenüber diesen Langen Nächten der Galerien oder der Musik, die sind nur auf Besucherrekorde aus. Der Reiz der Gratisbeglückung verdrängt die Selbstbestimmtheit – eigentlich eine Perversion.
Hanns: Vielleicht kann man die hohen Eintritte herabsetzen, damit sich die Leute ihren ganz individuellen Besuch leisten können?
Viktor: Da spricht der Kulturpolitiker! Bourdieu hat gesagt: Kultur ist die Verwandlung des Unglaublichen ins Unausweichliche.
Hanns: Und was heißt das?
Viktor: Keine Ahnung.

Viktor: Manche Maler achten mittlerweile darauf, dass sich ihre Bilder gut mit dem Handy abbilden und versenden lassen. Man muss sich das vorstellen! Es geht um Präsenz.
Hans: Mhm.
Viktor: Je mehr sich Künstler als ein Teil des Marktes begreifen, desto eher verlieren sie das Unfassbare, das Mysteriöse. Und die Autoren kommen mir vor wie freiberufliche Hamster mit einem Laptop als Laufrad.

Hans trinkt.

Hanns: Ich hab was Lustiges übers Trinken gehört.
Viktor: Und?
Hanns: Man kann auch ohne Spaß Alkohol haben.
Viktor: Mir muss jemand gestern Alkohol in den Schnaps geschüttet haben. Vielleicht haben wir ein falsches Bild von den Künstlern. Vielleicht sind wir gar nicht so stark. Vielleicht sind wir sogar besonders schwach. Künstler haben sich immer instrumentalisieren lassen: Erst von der Kirche, dann vom Adel, vom Bürgertum, vom Sozialismus und jetzt eben vom Markt.
Hanns: Weißt du was komisch ist?
Viktor: Nein. Was?
Hanns: Die ganze Zeit schimpfst Du über Kunst und Kultur. Gleichzeitig interessiert dich überhaupt nichts anderes.
Viktor: Ja, sicher, vielleicht...es ist so...Intellektuelle...ein so genannter Intellektueller verrät für einen guten Witz seinen besten Freund...Intellektuelle sind treulos...und der unwägbare Bereich, in dem sie wirklich treu sind, der ist schwer aufzuspüren. Wahrscheinlich liegt darin das sogenannte Geheimnis der Kunst.
Hanns: Mhm.
Viktor: Ich hab immer eine Idee für ein Stück gehabt, das ich natürlich nie geschrieben habe: Zwei Leute stehen zusammen und schimpfen über einen Dritten. Dann taucht der Dritte auf, und die Drei schimpfen über einen Vierten usw. bis sie ungefähr zu siebent oder zehnt sind. Dann geht der erste und die neun schimpfen über ihn, dann geht der nächste und die verbleibenden acht schimpfen über die zwei... und das als Perpetuum Mobile.
Hanns: Deshalb schimpfst Du immer über die Kultur?
Viktor: Es ist wie mit den Frauen. Ich schimpf über sie, weil ich sie so wichtig nehme, wahrscheinlich liebe ich sie sogar.

Draußen, aus dem Off, wird ein Baulärm vernehmbar, die donnernden, scheppernden Erschütterungen eines Presslufthammers. Erst leise, wie von Ferne, dann immer lauter, so laut schließlich, das die Worte für die Zuseher aber auch für Viktor kaum mehr zu hören sind. Aber während Viktor von Lärm irritiert ist, dagegen ankämpft, scheinen Koren, die anderen Gäste und die Belegschaft den Lärm nicht wahrzunehmen.

Hanns: Du bist wirklich ein Intellektueller.
Viktor: Ich erhoff mir von der Kunst – irgendwie - eine Art Erlösung. Und die Erlösung tritt natürlich selten bis nie ein. Es ist diese fortwährende Enttäuschung, die mich zum Schimpfen treibt. Ich bin süchtig danach....Manchmal funktioniert´s, sag ich mir, manchmal sehe ich was, oder höre was, oder lese was, von dem ich hinterher das Gefühl hab, es könnte mein Leben verändern.
Hanns: Ich hab immer geglaubt, du glaubst nicht an Erlösung.

Der Lärm der Presslufthämmer ist lauter geworden. Viktor legt seine Serviette hin

Viktor: Sag einmal, hörst Du das nicht?
Hanns: Ich höre dich sehr gut.
Viktor: Nein, ich mein überhaupt. Der Lärm...
Hanns: Welcher Lärm? Ich hör nichts.
Viktor: Das gibt es doch nicht. Wart ich geh einmal nachschauen.

Viktor steht auf und geht aus dem Lokal.

Nachspann

Blick durch die Wasserstrahlen des Stadtparkbrunnens hindurch auf das im Morgengrauen erleuchtete Forum Stadtpark. Von hinten Viktor, der auf das erleuchtete Forum blickt, bis die Lichter ausgehen. Er wendet sich um und blickt auf den Brunnen und die Skulptur von Spitzer. Dann zündet er sich eine Zigarette an, entfernt sich über den Rasen und verschwindet.

Viktor (off): Mir brummt der Schädel von dem vielen Reden... Ich hoffe nur, dass dieser Kuncio die Maschinen wieder zum Laufen gebracht hat. Den ganzen Tag und die Nacht über bin ich nicht zum Essen gekommen. Ob mir Sylvia etwas herrichtet? Ich hätte gern etwas ganz Leichtes, Frisches... Gedünsteten Saibling vielleicht? Und dazu Weißwein vom Tement oder von Winkler-Hermaden. Im Vormittagsprogramm wiederholen sie einen Film von Louis Malle. Der Film handelt nur von zwei Typen, die ein ganzes Abendessen lang reden, nichts anderes... Vielleicht, wenn ich nicht zu müde bin.

ENDEWILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskripte-Preis 2004. Er lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.
KONTAKT: hengstler@lamettavision.com'auszeit-Hanns-Koren-Bedenkjahr 2006' ist ein Projekt des Landes Steiermark anlässlich des 100. Geburtstages von Hanns Koren am 20. November 2006. Hanns Koren hat die Kulturpolitik der Steiermark mit 'steirischer herbst', 'TRIGON', 'Internationalen Malerwochen', 'Forum Stadtpark', 'Steirische Akademie', 'Frei-lichtmuseum Stübing' und Landes-ausstellungen zu einem international beachteten Projekt gemacht. Bruno Kreisky apostrophierte Hanns Koren als den 'wichtigsten Kulturpolitiker der Zweiten Republik' und Rudolf Kirchschläger bezeichnete ihn als 'den Erzherzog Johann unserer Tage'.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

So. 19/11/2006

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