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Sonntag
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Zur reflexiven Planung urbaner Schönheit - ein Beitrag zum Thema "Biotope City" von Helga Fassbinder, Amsterdam/Paris.

Es ist bereits 20 Jahre her, dass der Sozialwissenschaftler Ulrich Beck ein Buch veröffentlichte, das eine weltweite Resonanz erfuhr: “Die Risikogesellschaft”[1]. Dieses Buch wurde nicht nur in zahlreichen Sprachen veröffentlicht, es hat auch einen tiefen Einfluss auf das Denken von Politikern und Planern ausgeübt, von seiner Resonanz in der wissenschaftlichen Welt ganz zu schweigen. Becks zentrale These ist: Die Aufnahmekapazität unseres globalen Systems ist an ihrem Ende angelangt. Zum ersten Mal in der Geschichte ist Planung mit der Gefahr unvorhersehbarer Risiken und globaler Effekte konfrontiert, die als Folge planerischer Eingriffe auftreten können. Seine Schlussfolgerung ist: Planung muss sich reflexiv verhalten, Planung muss alle potentiellen Implikationen ihres Handeln auf die sorgfältigste Weise reflektieren.

Inzwischen haben sich Stürme und Flutkatastrophen in der ganzen Welt gehäuft, das Abschmelzen der Pole und Gletscher zeigt die steigende Erderwärmung, erschreckenden Feinstoffkonzentrationen in den Städten und verstädterten Regionen – Illustrationen für Becks These.
Verhält sich angesichts dessen die Planung mittlerweile 'reflexiv', d. h. reflektieren Planer und Entscheidungsträger alle potentiellen Implikationen ihres Handelns auf die sorgfältigste Weise?

Auf höchster politischer Ebene wird versucht, zu vertraglichen Begrenzungen über die negativen Effekte von Planung und Wirtschaft zu kommen – Rio, Kyoto, Bonn, Johannesburg sind Stationen eines mühsamen Ringens mit den Partikularinteressen einzelner Länder und großer Konzerne. Man kann sagen: heute besteht in der Öffentlichkeit durchaus ein breites Bewusstsein über die prekäre und gefährdete Lage, in der sich unser globales System befindet. Setzt sich das auch in Handeln um? Planen Planer und Architekten unsere Städte und Gebäude so, dass die negativen Effekte auf das globale System minimiert werden?

Städte spielen eine zentrale Rolle in diesem Prozess. Sie nehmen immer mehr Fläche ein und ziehen immer mehr Menschen an sich. Schätzungen zufolge lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, das sind ca. 3,3 Milliarden Menschen, in verstädterten Regionen. Mehr als 90 % des künftigen Bevölkerungszuwachses wird sich in Städten konzentrieren.

Städte und ihre Bauwerke sind wesentlich verantwortlich für den Greenhouse-Effekt und für das Sinken des Grundwasserspiegels: Städte strahlen überproportional viel Wärme aus, Regenwasser wird in Kanalisationen abgeführt und sickert nicht ins Grundwasser durch. Die Bauproduktion ist verantwortlich für einen hohen Rohstoff- und Energieverbrauch bei der Produktion ihrer Bauelemente; der Abriss von Bauwerken verursacht jährlich einen größeren Müllberg als der gesamte Abfall von Haushalten zusammengenommen (und der ist schon nicht gering). Die Feinstoffverschmutzung, die durch den motorisierten Verkehr und fossile Brandstoffe verursacht wird, wird nicht in den Städten selbst wieder abgebaut, denn anders als organisches Grün können die harten Oberflächen der Bauwerke die Mikropartikel nicht binden. Dies alles sind nur einige Aspekte, die in das Tätigkeitsfeld von Architekten, Bauingenieuren und Stadtplanern hineinragen.

Wie reagiert die Fachwelt? Wie viel spürt man von Reflexiver Planung? Ich konstatiere: Im Mainstream sind Architekten und Stadtplaner immer noch weit davon entfernt, in den heutigen globalen Umweltbedingungen die zentrale Herausforderung zur Entwicklung neuer Ziele, Strategien und Spielregeln zu sehen. Im Gegenteil: der Kriterien-Katalog der ‘Nachhaltigkeit’ wird meist als nicht mehr denn als eine Pflichtübung abgehandelt, zu der man bestenfalls entsprechende Experten hinzuzieht - und Grün ist das erste, was im Zweifelsfall dem Rotstift zum Streichen angeboten wird. Zwar gibt es hier und da exzellente Vorzeigeprojekte, von denen dann in den Medien berichtet wird, aber grosso modo zeigt die alltägliche Planungspraxis wenig Veränderung geschweige denn, dass die dringliche Notwendigkeit einen inspirierenden Impuls für eine neue, andere, umweltschonende Architektur und Stadtplanung abgeben würde.

Warum? Wie ist es möglich, dass in der Praxis immer noch das gängige Bauen der ersten und zweiten Moderne dominiert? Warum sind nicht längst alle neuen Dächer grün und alle Fassaden bewachsen? Müssten wir nicht längst alle Segel gehisst haben, um den Kurs zu ändern?

Grundproblem bei Architektur und Stadtplanung ist ein Planungsdenken, das beseelt ist von der Idee der unbeschränkten Verfügung über die vorfindliche Natur, in dem selbst der kurzfristige Nutzen für Menschen (jedenfalls für die jeweils Entscheidungstragenden dieser Spezies) uneingeschränkte Priorität genießt. Die Vorstellung, dass sie mit ihren Planungen in ein ausbalanciertes, sich selbst recycelndes Gesamtsystem eingreifen, dessen einzelne Elemente ihren eigenen, über Millionen von Jahren erreichten Stellenwert in diesem System haben - diese Vorstellung liegt den allermeisten Akteuren der Planung immer noch fern. Becks Aufruf zu einer reflexiven Planung mag in der Theorie und in einigen oberen Etagen durchgedrungen zu sein – im Alltag der Praxis ist er nicht durchgedrungen. Hier herrschen die alten Denkclichés vor, überlagert von einer Orientierung an kurzfristiger Wirtschaftlichkeit.

In früheren, vorkapitalistischen Epochen mag eine gewisse Ehrfurcht vor der Natur - gleich ob als göttlich belebt oder als gottgeschaffen gedacht – eine Barriere gegenüber allzu rücksichtsloser Ausbeutung und Zerstörung dargestellt haben.
In unserem säkularisierten Zeitalter dominiert eine Schein-Rationalität, die die betriebswirtschaftliche Rentabilität zum beherrschenden Kriterium gemacht hat. Das führt dazu, dass man die Zerstörung von geringer oder gar nicht rentabler Nutzung im Bedarfsfall als gerechtfertigt, zumindest als kaum vermeidbare, selbstverständliche Begleiterscheinung von städtischer Kultur betrachtet.

Es ist aber nun nicht so, dass das neue, nachhaltige, umweltverträgliche Planen und Bauen weitgehend unbekanntes Terrain wäre. Wie immer, wenn ein großer Umschwung sich anbahnt, wird er durch unzählige Menschen an vielen Orten vorangetrieben. Viele Bausteine eines neuen Denkens in Architektur und Städtebau sind bereits entwickelt worden. Schadstoffarme und nachwachsende Baustoffe, Sonnen- und Windenergie, Abwasser-Recycling, ausstoßarme öffentliche Verkehrssysteme, pocket parcs, leichte Gründächer, vertikale Begrünung, .... – in allen Bereichen von Bauproduktionstechnologie bis zur Stadtplanung sind nachhaltige Elemente, Instrumente und Methoden entwickelt bzw. wieder entdeckt und schon an vielen Orten erfolgreich erprobt worden. In nahezu allen Bereichen und an vielen Orten haben sich hierfür Experten qualifiziert.
Auch auf staatlicher und kommunaler Ebene wird viel unternommen, um mit Gesetzen, Verordnungen und Subventionen Investoren, Bauunternehmen, Architekten und Stadtplaner in Richtung Nachhaltigkeit zu steuern.

Das Problem liegt also längst nicht mehr in der fehlenden Kenntnis oder an einer grundsätzlich unwilligen öffentlichen Hand. Es bedarf offensichtlich eines weiteren: eines Kulturumschwungs gewissermaßen, um den verstandesmäßigen Einsichten, an die Beck cum suis und die großen internationalen Umwelt-Konferenzen appellieren, auch im Alltag der Bauwelt und Stadtbauwelt lebendig werden zu lassen.

Ich will dies an einem kleinen, anschaulichen und gleichzeitig unter Umweltgesichtpunkten wichtigen Beispiel illustrieren. Betrachten Sie dieses Foto (siehe Abbildung 1: Titelseite DE ARCHITECT):
DE ARCHITECT, eine renommierte niederländische Fachzeitschrift, brachte ein solches Titelblatt. Nicht um eine Scheußlichkeit anzuprangern. Offensichtlich wird dieser Blick als schön empfunden. In einem Artikel im Innern des Blatts wird das abgebildete Projekt lobend besprochen – dies obwohl die heute richtige Lösung verwunschene, vielleicht für Menschen unzugängliche Dachgärten wären: Die Erwärmung der städtischen Oberfläche wäre damit geringer; das städtische Klima besser wegen seiner Fähigkeit der Feinstoffbindung und der Stickstoffbindung; die Chancen für Biodiversität wäre größer. Und es wäre eine schöne Idee, in luftiger Höhe, kleine natürliche Gärtchen zu wissen, mit Gräsern, Fettpflanzen, Insekten, Vögeln.... Schließlich wurde in der abendländischen Kunstgeschichte das Paradies immer als ein Gärtchen dargestellt – der Garten, aus dem die Menschen vertrieben wurden. (Abbildung 2: Paradiesvertreibung)

Warum leisten wir uns diese verwunschenen Gärten hoch über uns nicht? (Abbildung 3: Gründach)
Liegt es daran, dass das grüne Dach teurer wäre als eines mit Kieselsteinen? Sollte das wirklich der Grund sein? Inzwischen gibt es Erfahrungswerte, aus denen berechnet werden kann, dass Gründächer, kalkuliert auf einen Zeitraum von 20, 30 Jahren, selbst billiger sind [2]. Und wenn schon – wie werden die Prioritäten gesetzt? Geht es wieder um die leidige kurzfristige Wirtschaftlichkeit?
Ich habe allen Anlass, dies zu bezweifeln.
Überall in der Stadt findet man an Neubauten teure Details, die meisten davon zeugen sogar von einem verschwenderisch betriebenen Raubbau an natürlichen Ressourcen: kostbarer Marmor, ausgesuchter Granit, unendlich viel Glas, das dann wieder aufwendige Maßnahmen der Kühlung im Innern erfordert usw. Repräsentativ und somit offensichtlich wirtschaftlich nützlich. Ohne Mehrkosten könnten bei einer anderen Prioritätensetzung dünne Leichtgewichtböden auf den Dächern genügend Nährboden abgeben für eine sich selbst instand haltende Dachbegrünung; die Fassaden könnten begrünt sein und damit im Sommer einen Schutzmantel gegen Aufwärmung bieten. Warum eigentlich wird immer noch nicht mit einer neuen Schönheit umweltfreundlichen Bauens repräsentiert?

Ist es vielleicht doch Unkenntnis? Oder ist es gar die Angst vor einem unkontrollierten Eigenleben in luftigen Höhen, dort, wo es bislang nur um Isolation gegen Regen, Schnee und Sonne ging?

Noch grotesker ist die Sache beim vertikalen Grün: kein Geld für eine Pflanze für vertikale Begrünung? Selbsthaftender wilder Wein kostet Euro 4,-, zwei Pflanzen reichen für eine Giebelwand, kein Gerüst ist erforderlich, nahezu kein Unterhalt. Es ist erprobt, dass eine solche Pflanze keine Bauschäden verursacht, es gibt einen Stapel von Büchern, in denen das erläutert wird und die beschreiben, wie man damit auf einfache Weise eine vertikale Begrünung anlegen kann. Trotzdem muss man lange suchen, um Beispiele der vertikalen Begrünung bei Neubauten zu finden - eher noch findet man sie bei einem alten Haus, angelegt vom Eigentümer. (Abbildungen 4a, 4b, 4c, 4d: Fassadenbegrüntes)

Was aber, wenn jeder sein Haus von Kopf bis Fuß begrünte? Überwuchert von Grün wäre die Stadt eine andere Welt. Sie würde auf einmal keinen Gegensatz zur Natur mehr darstellen, sie wäre lediglich eine spezifische Variante von Natur, so wie in der Natur sehr unterschiedliche Landschaftstypen vorgefunden werden. Tatsächlich hat ja die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten auch eine eigene Flora und Fauna entwickelt, an die ständig neue Facetten hinzugefügt werden: Der Zug der wilden Tauben als Vögel der Felslandschaften in die Stadt begann schon im Mittelalter, das Aufrücken der Amseln, der Eichelhäher und der Reiher nahm in den vergangenen Jahrzehnten einen großen Umfang an, Dachse, Füchse und Marder haben inzwischen die Städte erreicht. Im Stadtgebiet von Amsterdam wurden 141 Arten von Brutvögeln, 34 Arten Säugetiere, 60 Arten von Fischen gezählt, dazu 1106 Arten von Pilzen, von denen 200 auf der Roten Liste stehen – ein herausragendes Naturgebiet. Untersuchungen haben denn auch gezeigt, dass Städte eine höhere Biodiversität als das agrarisch genutzte Land aufweisen. Die Stadt als ein Biotop – eine Idee, die es erleichtern könnte, erneut Respekt vor allen Nutzern der Stadt aufzubringen, gleich ob sie nun zur humaniora, flora oder fauna gehören, und die es erleichtert, deren Anforderungen an die Umweltbedingungen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit zu erkennen. Denn das Bild vom Biotop Stadt beinhaltet schon die Idee des Recycling System. Es ist auch anschaulich. Es könnte es ermöglichen, die Zergliederung von baulichen und städtebaulichen Lösungen in nachhaltige Details mit einer anschaulichen, überkuppelnden Sinngebung zu versehen. Damit würde ein anschaulicher Bezugsrahmen für die große Fülle von Detailhandlungen und Entscheidungen angeboten, die Architekten und Stadtplaner täglich vollziehen. Ganz zweifelsohne würde dies den schwierigen Übergang zu einem revidierten und erweiterten fachlichen Instrumentarium erleichtern, das in vielen Teilen im Gegensatz steht zu dem, was die meisten heute aktiven Professionals in ihrer Ausbildung noch gelernt haben.

Nun muss man sich aber doch vor Augen führen: Städte, die sich an einer solchen Idee des Biotop orientieren, die einen solch radikalen Umschwung vollzögen und sich auf diese Weise mit grünen klimatischen Puffern ausstatten, würden ganz anders aussehen. Sie hätten kaum mehr Ähnlichkeit mit den Stein- und Glaswüsten, die wir gewohnt sind und die wir gewohnt sind, als schön zu empfinden, wenn sie mit Eleganz den Kanon unserer Formensprache verkörpern.

Ay, there’s the rub! Ist es das vielleicht??

Liegt hier vielleicht die Barriere gegen einen Umschwung im Planen und Bauen, die zu überschreiten unmöglich ist – oder als unmöglich erscheint?
Gestatten Sie mir hierzu einen visuellen Exkurs, eine Rückblende auf eine andere Phase in der Geschichte von Architektur und Stadtplanung, in der sich ebenfalls ein grundlegender Umschwungs im Planen und Bauen entwickelt hat und sich schließlich auch durchgesetzt hat: die zwanziger Jahre.

Die ungesunden Lebensverhältnisse in den Großstädten des ausgehenden 19. Jahrhunderts sind sprichwörtlich. (Abbildung 5: Kreuzberger Hinterhöfe). Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden diese Zustände von Wissenschaftlern angeprangert. Im beginnenden 20. Jahrhundert kristallisierte sich unter einigen Architekten die Forderung nach Licht/Luft und Sonne heraus, es endete in einem berühmten Manifest. Gegen die gesundheitsschädigenden Umweltbedingungen aufgrund von Lärm und Abgasen durch Produktion und Verkehr wurde die Forderung nach einer rationalen Planung erhoben, die eine Funktionstrennung bzw. eine sinnvolle Funktionskombinationen vollzieht; die traditionelle, ineffiziente Bauweise sollte durch kostensenkende industrielle Fertigung ersetzt werden – um nur einige Stichworte zu dem großen Umschwung im Planen und Bauen, zu nennen, der sich in den zwanziger Jahren anbahnte.

Wie haben sich diese neuen Gedanken durchsetzen können?

Sie wurden gestützt durch führende, meinungsbildende Kommunalpolitiker in einigen großen Städten Europas. Fachleute, voran Architekten und Stadtplaner, analysierten die Probleme und entwickelten die Prinzipien eines neuen Städtebaus und einer neuen Architektur. Der Slogan von Licht, Luft und Sonne wurde zu einem populären Programm. Last but not least haben Architekten und Künstler für die entwerferischen Antworten eine neue Formensprache gefunden: die Moderne, die in vielen Spielarten doch eine gemeinsame Grundidee, die des Funktionalismus, zum Ausdruck brachte. Diese gestalterische Grundidee: ein Kongruenz von ‘innen’ und ‘außen’, eine Übereinstimmung von Konstruktion und Form wurde zu einem Konzept, das bis weit in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts das Denken über Planen und Bauen von Städten und Gebäuden beherrschte – und vielfach immer noch beherrscht. (Abbildung 6a und 6b:
Neues Bauen).

Meine These ist: Heute haben wir es mit einem Umschwung zu tun, der nicht weniger tief greifend ist als der, der sich in den zwanziger Jahren durch die Moderne vollzogen hat.

Wie ich eingangs sagte, sind sich viele Wissenschaftler, Fachleute und Politiker der Notwendigkeit eines solchen radikalen Umschwungs bewusst. Dennoch schlägt sich dies kaum in einer neuen, umweltadäquaten Gestalt der Städte und ihrer Bauwerke nieder.

Warum? Was ist heute anders als in den zwanziger Jahren?

Auch heute gibt es Politiker, die das nachhaltige, umweltfreundliche Bauen vorantreiben wollen. Auch heute gibt es wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse und Demonstrationsprojekte, mit denen die Notwendigkeit und die Möglichkeit der praktischen Umsetzung in nachhaltige Gebäuden und nachhaltige städtischen Strukturen nachgewiesen werden. Dennoch wird dem nur bestenfalls pflichtgemäß Rechnung getragen – im Bedarfsfall ist schnell der Rotstift zur Hand.
Nun kann man ja nicht sagen, dass die 20er Jahre weniger unter ökonomischen Zwängen zu leiden gehabt hätten, alles andere als dies. Die Situation war aber in einem Punkt geradezu konträr – und dieser Punkt ist meines Erachtens von entscheidender Bedeutung:

In den 20er Jahren war es eine Avantgarde der gestalterischen Disziplinen - Architekten und Künstler, Maler, Bildhauer, Kunstgewerbler, die den Motor darstellte bei der Verbreitung des neuen Denkens. Sie propagierte dieses neue Denken in der Form eines neuen Schönheitsideals. Die breite Bevölkerung hingegen hatte zunächst wenig emotionalen Zugang dazu und es dauerte Jahrzehnte, bis die neue Schönheit eine breite Basis gefunden hatte.

Heute ist die Sache gerade umgekehrt:
Aus zahlreichen Meinungsumfragen über Wohnwünsche geht immer wieder hervor, dass Naturnähe und Grün bei den Bürgern eine absolute Spitzenstellung in der Rangliste der Wertschätzungen einnehmen - sogar noch vor dem Parkplatz! Die Experten hingegen sind weitgehend immer noch befangen in der Denkwelt ihrer Lehrer, der Generationen vor ihnen, für die Funktionalität und Wirtschaftlichkeit die oberste Priorität darstellten. Natur? Grün ist in dieser Sicht eine Rekreationsfunktion, die abzuhandeln ist in Parks und Grünzonen. Punctum. Die Becksche Dimension global reflektierenden Planens war nicht im Blickfeld der damaligen Generation. Das haben sie denn auch ihren Schülern nicht vermittelt.

Liegt es also doch einfach daran, dass die Mehrzahl der heute in der Praxis Tätigen nicht wissen, wie sie es anders machen sollten, weil es nicht in ihrem Ausbildungspaket enthalten war und erfahrungsgemäß später nicht mehr viel neues, grenzüberschreitendes dazu gelernt wird? Fehlt ein zusätzliches Expertenwissen oder gar eine neue Wissenschaft über die Stadt?
Das wäre kurz gegriffen. (Diesen Ansatz hat die Stadtökologie vorgetragen und ist damit gescheitert: Sie hat das Schicksal einer ‘zusätzlichen‘ Wissenschaft erlitten, die man wahlweise neben anderen Disziplinen vertiefen kann.)

Was fehlt ist etwas ganz anderes, etwas, das sich ganz außerhalb der wissenschaftlichen Disziplinen bewegt: Es fehlt eine umfassende Vision, die all die vorhandenen Elemente nachhaltigen und umweltorientierten Planens und Bauens integriert, überhöht und breit orientierend wirken kann. Eine Vision der Stadt, die in hohem Masse anschaulich ist und die so breit ist, dass sie Raum für unterschiedliche Erfahrungen und Lösungen, für Experimente und Diskussionen bietet, für Beiträge von Fachleuten aus allen Disziplinen, die sich mit der Konstruktion der Lebensbedingungen in den Städten beschäftigen: Bauingenieure, Architekten, Stadtplaner, Verkehrsplaner, Landschaftsplaner, Stadtökologen, Biologen, Soziologen, Politologen usw.

"Gibt es so etwas nicht längst?", werden Sie einwenden. Wir hatten in der Vergangenheit das Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt, das Leitbild der autogerechten Stadt, dann das Leitbild Urbanität durch Dichte, dann das Leitbild der Kompakten Stadt ... und nun gibt es doch auch das Leitbild der ökologischen Stadt.

Nun, genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Es geht nicht einfach um ein Stichwort für eine partielle Revision des Städtebaus der ersten und zweiten Moderne; oder umfassender gedacht: um einen mit vielen Vernunftgründen vorgetragenen ökologischen oder reflexiven Städtebau. Trotz aller guten Gründe: damit reißt man niemanden vom Stuhl. Nein, ich meine nicht etwas von der Art der Leitbilder der vergangenen Jahrzehnte. Ich meine etwas anderes: Ich meine ein neues Bild der Stadt, das nicht nur vernünftig ist und Sinn macht, sondern diesen Sinn auch in einem neuen Bild von Schönheit verkörpert. Ein Leitbild, das erneut Inhalt und Form integriert. Eine Vision der Stadt, die ihren Sinn in einem neuen Schönheitsideal zeigt.

Denn das, was fehlt bei der Botschaft der Nachhaltigkeit, ist die Emphase, die Liebe zu einer neuen Sichtweise, wie sie damals das Neue Bauen getragen hat.

Und wie entsteht Liebe? Ist Liebe ein Resultat nützlicher Verhältnisse? Weil gut gekocht wird und das Gehalt des Partner stimmt? Liebe wird geweckt durch Anmut, durch Schönheit. Durch etwas, das unmittelbar das Herz rührt ... (Abbildung 7:
Stickbild). Es genügt nicht, gründlich ‘richtig’ nachhaltig zu bauen. Die andere, innere Logik muss auch zu einer neuen Schönheit führen, zu einer neuen Verzauberung, in der die sichtbaren und die unsichtbaren Dinge fühlbar sind: Die richtigen Materialien, die richtige Weise von Energiegewinnung und Abwasserversorgung, und all die vielen Details, die nachhaltiges Planen und Bauen ausmachen - all diese Elemente müssen das besondere dieses neuen (oder uralten, zyklischen) Denkens über das städtische Leben in ihrer Formensprache sichtbar machen. Es gilt, die Augen zu schärfen für die neue, andere, besondere Schönheit, durch die das Bild der Stadt als Biotop auftaucht.
Und hier sind die nachhaltige Stadtplanung, die Stadtökologie, die nachhaltige Baukonstruktion, all diese rationalen Wissenschaften am Ende ihres Lateins. Sie sprechen nicht zum Herzen, sondern zum Verstand. Zum Herzen kann nur die Form sprechen – und dieses ist die Domäne von Architektur und Design. Sie sind der Schlüssel, mit dem die Gemüter aufgeschlossen werden. Ihre Formen können auf rätselhafte Weise diese Einheit von Fühlen und Denken zustande bringen, die nötig ist, um alte Gewohnheiten über Bord zu werfen und sich einem neuen Schiff anzuvertrauen, das einen in unbekannte Gewässer davontragen wird. Nur Architektur und Design können die Herzen unmittelbar bezaubern.

Deshalb wird das Konzept eines nachhaltigen Planens und Bauens sich auch erst dann breit durchsetzen können, wenn es einhergeht mit einer neuen Formensprache. Einer Formensprache, die den komplexen Inhalt erfühlbar macht. Die mit einer neuen Schönheit sichtbar macht, in welcher Welt wir uns bewegen. Was gut und was schlecht ist für die Erhaltung der Umweltbedingungen, auf die sich die Menschen seit einigen Jahrtausenden eingerichtet haben und die zu gefährden existentielle Katastrophen mit sich bringen könnte. (Abbildung 8: Wien)

Dann erst werden Planer und Entwerfer nicht nur im Nachhinein und/oder in Teilaspekten der Anforderung von Nachhaltigkeit Rechnung tragen; erst dann werden sie von vorneherein ‘reflexiv’ (im Sinne von Beck) und kreativ denken: d. h. nicht nur wo irgend möglich milieuschädliche Effekte vermeiden, sondern darüber hinausgehend die menschlichen Bedürfnisse nach Behaustheit, Komfort und Aktivität mit architektonischen und städtebaulichen Angeboten beantworten, die das menschliche Leben in der Stadt zurückführen können in eine sinnliche Erfahrung seines natürlichen, i. e. naturgegebenen Kontextes. Ich lade Sie also ein zu einem „ernsten Spiel“ (Goethe, Epirrhema), dazu: dem Biotop Stadt Gestalt zu verleihen.[3] ______________________________________________________

Literatur:

[1] Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp) 1986
[2] Sven Schönemann, Wirtschaftlichkeit und Dachbegrünung. In: BIOTOPE CITY JOURNAL, www.biotope-city.net, Mai 2006
[3] Diesem ‚ernsten Spiel’ ist ein neues multilingual online-journal gewidmet, das ab Mai 2006 erscheinen wird: www.biotope-city.net

Kurbiografie der Autorin:
Helga Fassbinder, Dr.rer.pol. Dipl.Ing., Professorin für Stadtplanung. Chefredakteurin der internationalen online-zeitschrift BIOTOPE CITY JOURNAL, Mitglied der Kommission für die Grünstruktur von Amsterdam (TAC). War Vorsitzende der Fachgruppe für Stadterneuerung und Urban Management an der Technischen Universität Eindhoven (NL) und Abteilungsleiterin Stadtplanung an der Technischen Universität Hamburg-Harburg. Initiatorin und Gründungsmitglied des Stadtforums Berlin. Autorin von zahlreichen Büchern und Artikeln ueber über die Themen: Planungsstrategien, Planungspartizipation, Wohnungsbau und Wohnungsversorgung, Stadterneuerung, Frauen im Bau- und Planungssektor. Lebt in Amsterdam und Paris.

fassbinder@xs4all.nl
www.helgafassbinder.com
www.biotope-city.net

Verfasser/in:
Helga Fassbinder

Verfasser / in:

Helga Fassbinder

Datum:

So. 25/02/2007

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