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Sonntag
sonnTAG 232

Gemeinsam statt einsam

zum Thema des HDA-Programms für die Jahre 2008 und 2009.

Damals - als es galt, die welt aus den angeln zu heben, als die macht nur der phantasie zugestanden wurde, als es hieß „wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum establishment“ – ja, damals waren modelle gemeinsamen, „kooperativen“ wohnens befrachtet mit ideologie und hoffnungslos überladen mit hohen erwartungen an das zusammenleben unter einem dach. Gemeinsam leben bedeutete nicht selten alles teilen, auch die partner.
Den nexenhof im niederösterreichischen weinviertel, der 1974 von einer gruppe junger, alternativ denkender menschen als gemeinsamer lebensmittelpunkt gekauft und belebt wurde, lernte ich 1977 kennen, weil die grazer architekten fredi schwarzbauer und ingo klug mit von der partie waren. Zu der zeit fuhren einige der männer nach wien zur arbeit, während andere und die frauen mit den kindern am hof blieben und garten und vieh betreuten. Eine existenzielle krise lag damals schon in der luft und es dauerte nicht lange, bis die ersten den stattlichen bauernhof wieder verließen. Einige dieser alternativen gemeinschaftlichen einrichtungen, auch der nexenhof, entwickelten sich in der folge in eine richtung, in die nicht alle mitwollten oder -konnten. Heute führt den nexenhof ein ayurveda-verein mit einem ausbildungszentrum für geist- und naturheilung.
Um die alternativen lebens- und wohnkonzepte wurde es still. Gemeinsam wohnen war bald endgültig zu einem sozialen nischenthema geworden, das architekten wie otto steidle und hermann hertzberger besetzten – hip war es nicht.
Eine generation später erleben gemeinschaftsorientierte wohnformen in deutschland, glaubt man den zahllosen berichten in den deutschen medien, eine renaissance, die staunen lässt. Nun sind es nicht mehr „alternative, spinner, idealisten oder chaoten“, die sich für diese form des kollektiven wohnens interessieren, sondern menschen aus allen schichten und altersgruppen, die eine kooperative lebens- und wohnform dem alleinsein in einer wohnung vorziehen. Keiner redet mehr von der kommune, gemeinsames wohnen ist in der mitte der gesellschaft angekommen. Zum stichwort „gemeinsam wohnen“ oder „baugruppe“ findet google tausende einträge von bauwerbern, die sich in einer gruppe zusammengetan haben und weitere interessenten suchen, aber auch von genossenschaftlichen bauträgern und anlaufstellen, die ihr know-how und ihre dienste bei der realisierung solcher gemeinschaftsprojekte anbieten und den prozess steuern und von kommunen, die diese form der gemeinschaftlichen bauinitiative fördern, indem sie einen teil öffentlicher grundstücke bevorzugt an solche baugruppen vergeben.
Warum sie das tun? Die gemeinden haben bemerkt, dass diese form des nachbarschaftlichen zusammenlebens die identifikation der bewohner mit ihrem quartier, ihrem wohnviertel stärkt, dass damit problemviertel stabilisiert und aufgewertet werden, dass lücken dichter gefüllt werden können und dass neubaugebiete mit einem projekt kooperativen wohnens einen vitalisierungsschub erleben. Nachbarschaften sind in derartigen gemeinsamen initiativen stabiler. Klar - alle wollen sie.
Menschen, die solche baugemeinschaften initiieren oder sich einer gruppe anschließen, sind meist aufgeschlossener und kreativer als der durchschnitt der bevölkerung. Sie sind neugierig und anspruchsvoll, was ihr wohnen anbelangt, aber sie sind auch pragmatisch: ein hauptgrund für bauwillige, den auch anstrengenden und langwierigen prozess der meinungsbildung in der gruppe auf sich zu nehmen und aktiv mitzugestalten, ist die kostenersparnis. Das verbindet sie mit allen häuslbauern, die mit selbst- und nachbarschaftshilfe ihren individuellen traum vom haus im grünen verwirklichen.
Die vorteile von gemeinschaftsprojekten liegen auf der hand. Ein größeres bauvolumen schafft die möglichkeit für firmen, günstiger anzubieten. Grundkauf, Infrastruktur und technische ausstattung teilen sich auf mehrere auf, individuelle wohnvorstellungen können dennoch weitgehend verfolgt werden. Neben solchen handfesten argumenten zählen soziale kontakte und gegenseitige hilfe zu den hauptgründen zur partizipation an gemeinschaftsprojekten. Genau deswegen kann an den zahlreichen baugruppen, die sich in deutschland täglich neu formieren, beobachtet werden, dass sich eine zweite, neuere zielgruppe, „die Alten“, verstärkt für diese wohnform interessiert und einsteigt. Mehr als die hälfte der über sechzigjährigen in der bundesrepublik können sich, sagt eine studie, ein leben in einer wohngruppe vorstellen. Man weiß, dass intakte, generationenübergreifende formen des zusammenlebens heute auch kaum mehr am land, in bäuerlichem milieu, gelebt werden. Es ist die angst vor dem nicht mehr gebraucht werden, vor vereinsamung, vor einem zwangsaufenthalt in liebloser institutioneller fürsorge, die ältere menschen für derartige ideen des zusammenlebens öffnet. Auch kinder profitieren vom miteinander von jung und alt. Statt kontaktarmer einzelkinder, die isoliert hinter den türen von etagenwohnungen aufwachsen, ihre nachbarn nicht mehr grüßen und sich hinter dem rockzipfel der mama verstecken, wenn es an der tür läutet, wachsen in alternativen wohnprojekten kinder auf, die offen und ohne scheu auf andere menschen zugehen. Sie sind eben gelebtes miteinander gewöhnt.
In der hinsicht hat sich nichts geändert seit 1978, als in graz-raaba am silberberg eines der ersten kooperativen wohnexperimente des linzer architekten fritz matzinger entstand (siehe sonnTAG 229). Heute wie damals nehmen in nachbarschaftlich orientierten wohnformen kinder abends manchmal ihren kopfpolster (für die deutschen: ihr kissen) unter den arm, wenn sie beim freund im nachbarhof übernachten wollen, und sagen den eltern lapidar „tschüss“. Auch nicht schlecht, oder?

Die kleinschreibung in diesem beitrag entstand aus einer lust heraus, sich daran zu erinnern, was alles dazu gezählt hätte, um „die welt aus den angeln zu heben“.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

So. 22/06/2008

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