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Wilhelm Hengstler
MYTHOLOGISCHE IDENTITÄTSSPIELCHEN

Unter dem Gesichtspunkt des freien Welthandels kann man wenig gegen die Veräußerung von staatlichen Filet-Grundstücken auf Mykonos an chinesische Käufer zur Milderung der Budgetkrise sagen. Aber für einen verhältnismäßig jungen Staat mit besonders ausgeprägtem Nationalstolz bedeutet es doch einen enormen Paradigmenwechsel. In seiner letzten Regiearbeit „Film Socialism“ argumentiert Jean-Luc Godards, dass, sofern man geistiges Urheberrecht ernst nimmt, eher die gesamte westliche Welt Griechenland tausend Billionen Dollar schuldet – für Perikles, Sophokles und Aristoteles etc. – als dass Griechenland irgendetwas an Europa schuldet. An dem Argument mag was dran sein, finanztechnisch schlägt es leider nicht zu Buche.

Es war nicht nur der Mythos von Lady Europa, der mich vor Jahrzehnten nach Griechenland lockte. Aber die Vorstellung einer trotz aller Fremdheit immer noch näheren Kultur als es beispielsweise die chinesische ist, spielte immerhin eine Rolle. (Auch das Meer und der Retsina haben zweifellos ihre Anziehungskraft ausgeübt.) Die Identität stiftende Kraft Griechenlands für Europa hat allerdings schon vor dem Crash abgenommen.
Was die phönizische Königstochter mit der Identität Europas gemein hat, war mir dagegen immer schleierhaft. Als Ursprungsmythos, als historisches Modell für Europa hätte sich eigentlich das Römische Imperium besser als Griechenland angeboten. Sein Latein war noch bis tief in die Neuzeit hinein relevant, sein Rechtssystem wirkt bis heute nach. Aber jeder, der Ben Hur gesehen hat, muss zugeben: Die Römer, diese an sich logischen Begründer der europäischen Identität, waren dann doch eine Spur zu imperial. Darum eignet sich die Pax Romana auch besser als Vorgänger der kriegerischen Pax Americana. Zudem gelten die Römer im Vergleich zu den Griechen als kulturell minderwertig – etwas, was gelegentlich auch den USA nachgesagt wurde.
Der griechische Mythos von Europa verschwand allmählich aus dem offiziellen Arsenal europäischer Identität, wie sich ganz eindeutig nicht nur in den einflussreichen Asterixheften nachlesen lässt. Eine Zeitlang ersetzten also Kelten (lateinisch celtae, galli, griechisch keltoi) die Griechen als Protoeuropäer. Dieses geheimnisvolle Volk, überall präsent, ohne je ein großes Staatswesen zu bilden, repräsentierte auf geradezu ideale Weise das Europa vieler unterschiedlicher Nationen. Und entsprachen all die Druiden und Barden nicht dem politischen Wunsch, den Westen Europas (Großbritannien, Irland) auch auf der mythischen Ebene mit einzubeziehen? Den Höhepunkt dieser Bestrebungen stellte dann zweifellos die gewaltige Ausstellung „Il Celti“ 1992 im Palazzo Grassi in Venedig dar. Danach wurde es, vermutlich weil man einfach zu wenig über sie wusste, wieder stiller um die Kelten als Europas Ahnherren.
Außerdem verlangen geänderte, geopolitische Verhältnisse nach neuen, mythologischen Herkunftslinien. Derzeit geht es um die symbolisch-kulturelle Akzeptanz der neu hinzugekommenen EU-Staaten aus dem Osten und Südosten Europas. Beispielhaft dafür ist die Ausstellung „The Lost World of Old Europe“ im neu eröffneten Ashmolean-Museum in Oxford. Die ca. 7000 Jahre alten, bemalten Keramikfiguren aus Bulgarien, Rumänien und der Ukraine schlagen, wie die Standardformulierung lautet, in der Geschichte der menschlichen Zivilisation (und Europas) ein neues Blatt auf. Die sogenannte „Cucuteni-Tripolye-Kultur“ war zwar schon länger bekannt, die Rezeption dieses sehr alten Europas wurde allerdings im Westen durch den Kalten Krieg behindert. In dieser (für uns neuen) Zivilisation zwischen Neolithikum und Bronzezeit herrschte ein weiträumiger, friedlicher Handel, und es existierten bereits Siedlungen mit bis zu 8000 Einwohnern. Und was das Schönste ist: In diesen urzeitlichen Megastädten finden sich keine Spuren von Tempeln, Palästen oder Herrschaftsstrukturen.

Die im Ashmolean-Museum gezeigten Figurinen erinnern mit ihren geometrischen Motiven an eine gemütlichere Op-Art. Marija Gimbutas, Archäologieprofessorin an der UCLA und gleichzeitig Mitglied der „American Women´s Movement“, hat diesem archäologischen Feld mit „Old Europe“ auch einen politisch griffigen Namen gegeben. Ob es sich nun bei diesen Figuren um Fruchtbarkeitsgöttinnen oder Menschenfrauen handelt, sie verweisen jedenfalls auf eine matriarchalische Prägung dieser Gemeinwesen und damit auch auf einen aktuellen Topos politischer Korrektheit.
Vermutlich wird auch der Hype der Cucuteni-Tripolye-Kultur sein Ende finden. Und das nicht zuletzt, weil Nicolas Sarkozy nur schwer eine Verbindung zwischen ihr und der Grande Nation wird herstellen können. Allem Vernehmen nach will der französische Staatschef nun den Louvre und das Centre Pompidou von dem alten europäischen Kulturplunder befreien, um die Räumlichkeiten für eine monumentale Dauerausstellung über die Roma bzw. Sinti zu nutzen. Diese transnationale Ethnie steht ja wie keine andere für ein Europa ohne Grenzen, ihre Angehörigen kann man getrost als Protoeuropäer betrachten.

Der einzige Mythos, auf den man sich wirklich verlassen kann, ist das gleichnamige Bier in Griechenland.

WILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskriptepreis 2004, lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.

Verfasser/in:
Wilhelm Hengstler

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

So. 24/10/2010

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war so und ist so

immer noch - auch in Zeiten (zu) vieler s, 's oder s' - Jean-Luc Godard.

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