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Sonntag
sonnTAG 346
Eilfried Huth, TEIL 2

Architekt Eilfried Huth, wichtiger Vertreter der "Grazer Schule" und Begründer der Partizipation im steirischen Wohnbau, feierte am 1. Dezember seinen 80er. Aus diesem Anlass führte Kollege und Freund Bernhard Hafner mit dem Jubilar für GAT das nachfolgende Gespräch.

TEIL 2

(Teil 1 des Gesprächs wurde am 5. Dezember 2010 im Rahmen der Reihe "sonnTAG" veröffentlicht, siehe Link am Ende dieser Seite)

Ha(fner): Etwas zum Einfluss von Archigram. Auch ich war von ihnen beeinflusst (meine Desillusionierung setzte erst ein, nachdem ich sie alle persönlich und lange genug kennengelernt hatte). Plug-in war überall ein Lehnwort geworden. Für mich war es so selbstverständlich, dass ich für einen Friseur in Deutschlandsberg in drei Wochen ein dreidimensionales Strukturgebilde mit Ausbauzellen aus Kunststoff – Plug-ins – planen konnte, „mein“ Haus Müller. Heidulf Gerngroß entwickelte den „Waunz“ als Hochbauprogramm als fortgeschrittenste Lösung, und ich sehe eure Arbeit für die Kunstbiennale Trigon 67 und dann in München für die Olympischen Spiele als durch Archigram beeinflusst. Allerdings wussten wir alle damals nicht, dass Archigram diese Sachen nicht hätten bauen können.

Hu(th): Wir haben natürlich intensiv die Publikationen von Archigram wahrgenommen, wobei mich weniger die naiven Stadtvisionen eines Peter Cook beeindruckt haben als die Detailausarbeitung zum Beispiel des „living pod“ von David Greene. Wir haben damals Archigram gleichsam als Illustration zur Musik der Beatles und als Ergänzung zu deren Filmen, z.B. Yellow Submarine, als atmosphärisches Ereignis empfunden. Auch die Graphik – ich glaube, der Zeichner hieß Edelmann - beeindruckte uns. Zur selben Zeit aber gab es auch Informationen über technische Entwicklungen der NASA, teilweise publiziert in der Zeitschrift Architectural Design, oder die Veröffentlichung über einen Siemens Pavillon in Stahlrohr Konstruktion, die als kommunizierendes Gefäß entwickelt worden war, um Brandschutzflüssigkeit aufzunehmen. Alle diese Wahrnehmungen haben selbstverständlich unsere Ausarbeitung des Ragnitz-Projektes für den Wettbewerb in Cannes 1969 beeinflusst. Viel weniger sehe ich einen Zusammenhang mit unserem Trigon 67 und den beiden Münchner Projekten für die Olympischen Spiele. Ich habe das an anderer Stelle schon ausführlich beschrieben. Die Figur des Eingangsgebäudes für Trigon 67 entwickelte sich aus einer Überlegung, eine lineare Wegführung, die jeder Ausstellung zugrunde liegt, in eine kompakte –schon aus Platzgründen – gleichsam „organische“ Form zu bringen. Dieselben Überlegungen gelten für den Pavillon in München.

Ha: Noch etwas zum Zeichensaal und zu Reicher. Als ich in den Zeichensaal kam, sprach man immer noch von der Stringenz seiner Auslegung der Miles’schen „Lehre“ und seiner Unerbittlichkeit im Umgang mit Studierenden, beispielsweise über die Anwendung von ihrem „Wert“ nach nicht kompatibler Materialien. Damals aber war Reicher schon nicht mehr an der TH, Zotter war tot und Lorenz zu gentleman-like und Bonvivant, um eine Streitkultur zu fördern. Auch Besuche von Professoren gab es kaum mehr, selten genug von Karl Augustinus Bieber. Wir waren gänzlich auf uns gestellt.

Hu: Über die Zeichensäle habe ich eingangs unseres Gespräches (siehe Teil 1, Anm. d. Red.) schon berichtet. Ich selbst saß in einem der beiden Zeichenräume, die später die Lehrkanzel Professor Bieber aufgenommen haben. In meinem saß auch Helmut Weichsler, Weichsler, der auch im Krieg gewesen war, und im anderen Raimund Abraham, allerdings etwas später, 1955/56. Domenig und Pichler arbeiten in einem dritten, abseits gelegenen und Florian Gartler in einem vierten. Mit Reicher wurde in die Nacht hinein diskutiert. Er war mit unserer Literatur und deren Verarbeitung vertraut und kontrollierte Projekte sehr genau, die bei ihm abgegeben wurden. Als ein Student ein Projekt Ellwoods einfach kopierte und als sein eigenes vorlegte, traf er bei Reicher auf den falschen Mann. Ein anderer Student - auch Kriegsteilnehmer - gab einen dicken Pack Pläne bei Zotter ab, so in der Art: das ist schon was!, worauf Zotter den Packen in der Hand wog und meinte, es sei wohl das Gewichtigste, aber nicht das Beste.

Wie Du an anderer Stelle von Dir sagst, konnten Anregungen nur von außerhalb Österreichs und von einem selbst kommen, da ihr zur „Wiener“ Architektur wenig Beziehung hattet. Unsere Diskussion über Barragan war unterschiedlicher Art. Barragans Farbigkeit, außenraumprägend, Teil der Landschaftsarchitektur, wurde zum Beispiel von Abraham für seine Innenraumentwürfe umgedreht.

Ha: Ich habe die Anwendung kräftiger Farben 2000 bei einem Besuch an der University of Texas, Arlington, gesehen. Dort war gerade in der Nähe des Flughafens Dallas-Fort Worth eine große Anlage mit Büros, Hotels und anderen Einrichtungen an beiden Seiten einer Autobahn gebaut worden. Die bestehende Autobahn war zu diesem Zweck auf eine Länge von über hundert Metern aufgeständert worden, um die beiden Teile miteinander zu verbinden und die Durchgängigkeit der Landschaft zu ermöglichen. Ricardo Legoretta, ein Schüler Barragans, hatte eine Hälfte davon geplant und realisieren können. Die über das Funktionale hinausgehende Dimensionierung von Bauteilen wie Stützen und besonders die Farbigkeit bot einen wohltuenden Kontrast zur Architektur der „Weißen“ aus New York, die zu diesem Zeitpunkt allerdings im Balzkonzert der Architekten schon in den Hintergrund geraten waren.

Aber sag noch etwas über die Rezeption von Förderer-Otto-Zwimpfer durch Domenig und Dich.

Hu: Der stärkste Einfluss kam durch die Anlage der Handelshochschule in St. Gallen, die im Vergleich zu den späteren Arbeiten Förderers als allein Verantwortlicher sehr kontrolliert ist. Wir haben mit unseren Bauherrn einige Sichtbetonbauten in der Schweiz mit Führung von Förderer besichtigt, der uns half, den Bauherrn für das Material Sichtbeton zu überzeugen. Auf der Heimreise hat Direktor Göbhart, ein Vertreter der Bauherrn säkularer Pädagogischer Akademien und Fachmann dafür, die Anmerkung gemacht, er könne nun zwischen Sichtbetonkatholiken und Putzkatholiken unterscheiden. Etwas später haben wir Förderer 1964/ 65 zu einer Ausstellung ins Forum Stadtpark eingeladen -

Ha: Die ich beispielsweise nicht besuchte, so feindlich war ich dieser meiner Meinung nach subjektiven und nur dem Ziegelbau gegenüber fortschrittlichen Sichtbetonbauweise eingestellt. Sie bedeutete für mich einen Rückschritt vor die Zeit des Projekts Domino von Corbu (Le Corbusier; Anm. d. Red.), und an skulpturaler Gestaltung zu Ungunsten konstruktiver Offenheit und Variabilität des Ausbaus war ich nicht interessiert -

Hu: Die Ausstellung, die Förderer mitbrachte, mit dem Thema „Schweizer Architektur vor dem Dilemma heutigen Bauens“, umfasste neben Arbeiten von Förderer selbst solche vom Atelier 5, von Jakob und Christian Hunziker, von Robert Frei und Gian-Carlo Simonetti und von Peter Steiger.

Ha: Im Winter 1965/66 hielt dann Förderer noch zu einem Vortrag im Forum. Zwei Gruppen von uns, jene um Konrad Frei und jene um mich, arbeiteten damals gerade am Wettbewerb Flughafen Berlin-Tegel. Bei diesem Vortrag meldete sich Heidulf Gerngroß zu Wort: „Herr Förderer, ich verurteile Sie, für immer der Förderer zu sein“, also immer der gleichen, subjektiven Architekturvorstellung nachzuhängen.

Hu: Später, 1974, haben wir die Steirische Akademie „Baukultur“ veranstaltet, ein Workshop mit Banham, Pawley, Murray, Kroll, Landau, Häusermann, Hunziker, Gronemeyer und anderen.

Ich darf auch den Einfluss der Arbeit „New Babylon“, 1956-74, von Constant nicht vergessen und jenen der Gruppe Cobra. Als Du nach Amerika gingst, veranstaltete die Hochschülerschaft der TH eine Vortragsserie -

Ha: Jenen von Schulze-Fielitz habe ich noch gehört; wir hatten damals großen Rückhalt und Einfluss bei der ÖH –

Hu: Ja, und Yona Friedmann, Frei Otto und anderen. Besonders Yona Friedmann machte durch seinen theoretischen Ansatz auf uns Praktiker Eindruck, etwa durch die Aussage, ein Gitter könne maximal bis 50% mit Baumasse gefüllt werden. Wir überprüften das später am „Ragnitz“-Projekt, bei dem wir nur 30% vorgesehen hatten.

Ha: Es war eine Zeit außerordentlichen Aufbruchs, der irgendwie versandet und durch mangelnde Unterstützung, zumindest für mich als Architekt, wenn auch nicht als Denker, gestrandet ist. Machertum gepaart mit Eigensucht, Eitelkeit und Individualismus ist kein Rezept für Entwicklung. Ich sah mich damals trotz des neuen, strukturalen Ansatzes als Teil der Moderne. Heute, im Rückblick wissend, wohin sich die Moderne entwickelte, ist es eine „parallele Moderne“. Deswegen bereue ich nicht, in die USA gegangen zu sein. Das Warten, in fünf Jahren dorthin zu gelangen, wo ihr schon wart, nämlich den Architektenberuf überhaupt ausüben zu dürfen und dann möglicherweise das machen zu müssen, was etwa das „Team A“ machte, ist auch aus heutiger Sicht eine abstoßende Alternative. Da waren die Entwicklung der Theorie, Ausflüge in neue Gebiete des Geistes, von denen man hier auch heutzutage nichts weiß, und, dann in den siebziger Jahren, das Entwerfen von Projekten, die für Realisierung geplant waren, aber nie gebaut werden konnten, eine im Nachhinein befreiende Alternative.

Eine Frage beantworte mir bitte, Eilfried. Du weißt wohl nicht, wie eigen das Dasein eines freiwillig Emigrierten ist, vor allem, da ich Graz auf dem Höhepunkt meines Einflusses und meiner Anerkennung verließ. 1967, als ihr im Auftrag des Landes Steiermark Trigon veranstaltet habt, hatte ich nach Abschluss des Studiums an der Harvard die International Design Conference in Aspen, Col., besuchen können, die unter dem Motto Order and Disorder stand und bei der ich Christopher Alexander und Max Bill kennenlernte. Christopher Alexander hatte gerade sein Buch „The City is not a Tree“ publiziert und war auf dem Höhepunkt seines Einflusses. 1968 hatte ich auf Aufforderung Banhams Unterlagen für das Motto Dialogue: Europe and America an Hollein geliefert; 1970/71 habe ich Vorlesungen an der TH gehalten, die Du besuchtest, und auf Einladung der Gesellschaft für Architektur – wohl von Ferdinand Schuster - einen Vortrag bei ihrer Veranstaltung im Loos-Haus in Payerbach gehalten. Dort hast Du Dias meiner Computersimulationen gesehen, die ich zeigte. Also ganz vergessen war ich wohl nicht.

Ich hätte mich 1970 oder auch 1974 über eine Einladung sehr gefreut. Warum habt ihr mich so ausgeschlossen?

Hu: 1970 waren wir – Domenig und ich – fast ausschließlich mit uns selbst und der neuen Situation in München beschäftigt. Und 1974? Das könnte ich heute nicht dezidiert beantworten … Möglicherweise wollten wir keine Graz-interne Konkurrenz in unserem Konzept haben. Die Einladung an Helmut Richter hatte persönliche Gründe.

EILFRIED HUTH wurde am 1.12.1930 auf der Insel Java geboren. Er studierte von 1950-56 an der Technischen Hochschule in Graz Architektur. Seine freischaffende Tätigkeit begann er 1960. Von 1963 bis 1975 führte Huth mit Günter Domenig ein gemeinsames Büro in Graz und München. Huth war bis Februar 2005 Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der Hochschule der Künste in Berlin. Foto: IAKK, TU Graz

BERNHARD HAFNER wurde 1940 in Graz geboren. Er studierte an der Technischen Universität Graz und an der Harvard University. Hafner war Professor und Gastprofessor an der University of California, Los Angeles (bis 1974), Cornell University (1974), University of Texas, Arlington (UTA, 1977-79) und am New Jersey Institute of Technology (2000, 2005). Er ist seit 1976 als freischaffender Architekt tätig und betreibt seit 1980 ein Architekturbüro in Graz. Außerdem ist er Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und theoretischer Texte zur Architektur.

Verfasser/in:
Bernhard Hafner

Verfasser / in:

Bernhard Hafner

Datum:

So. 19/12/2010

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