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Sonntag
sonnTAG 347 (letzte Ausgabe*)
KEINE ÄHNLICHKEIT MIT SEINEN PLÄNEN. Max Frisch als Architekt und Alptraum

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„12 Jahre mit Reißbrett, Bleistift, Rechenschieber, Pauspapier, Reißschiene, Zirkel, Geruch von Tusche. Der weiße Kittel des Zeichners. Wenn man ein großes Pauspapier rollt: der zischende flatternde Ton.“

Max Frisch trägt gern den weißen Zeichenmantel, er zeichnet gern. Der Krieg ist vorbei. Von dem die Schweiz nur am Rande belagert war. Jetzt droht ein langer Frieden. Samt einem Wirtschaftswunder, das alle Fragen nach dem großen Zivilisationsbruch verschlingt.

Ursprünglich wollte er Schriftsteller werden. Eigentlich will er das immer noch. Zwei Romane hat er veröffentlicht, aber die genügen seinen Ansprüchen heute nicht mehr. Unter anderem, weil sie so unpolitisch waren, dass sie anstandslos während der Kriegsjahre in einem deutschen Verlag erscheinen konnten. Er würde sie gerne verbrennen wie seine frühen Schreibversuche.

Wenn er den Rechenschieber benutzt, hat er das Gefühl, ein Fachmann zu sein. Wenn er an der Schreibmaschine saß, hatte er dieses Gefühl nicht. Der Schreibende kann sich schwer als Experten sehen, denn sein Fach ist kein Fach, sondern etwas Zukünftiges, es liegt im Ungefähren, wer zu genau Bescheid weiß, muss erst gar nichts aufschreiben. Er geht bei sich selbst in die Lehre, ohne Lehrer zu sein. Frisch zeichnet exakter, als er geschrieben hat. Und das liegt nicht nur in der Natur der Sache.

„Einmal auf dem Bau muss ich erfahren, dass eine Treppe, die ich gerechnet und gezeichnet habe, nicht auf dem oberen Podest ankommt; es fehlt eine Tritthöhe, während die Länge stimmt. Das kommt dann nie wieder vor.“ Oft hat der Herr Architekt keine Ahnung, wie etwas auszuführen ist, aber er verlässt sich darauf, dass der Arbeiter das weiß. Frisch baut ein Haus für seinen Bruder, angesichts der beschränkten Geldmittel ein kleines, besser wäre etwas Schlichtes, aber er will brillieren. Er träumt, das fertige Haus habe keine Ähnlichkeit mit seinen Plänen, aber die Arbeiter behaupten, es sei genau danach gebaut. Damit verglichen sind die realen Schrecken klein, ein zu großes Fenster, das nicht mehr verkleinert werden kann, weil die Fensterrahmen schon bestellt sind. Sein Bruder tut ihm leid, dass er in diesem Haus wohnen muss.

In seinem Büro beschäftigt er einen Studienfreund und einen Techniker, den er vom Militärdienst kennt. „Unsere Arbeit ist dringlich und schön, nämlich Entwurf, oft arbeite ich zu Hause in die Nacht hinein; zugleich finde ich es unschicklich, wenn ich, jetzt als Boss, später als die andern an den Zeichentisch komme oder früher weggehe.“

Sein ehemaliger Studienkollege hintergeht ihn, er zeichnet in seiner Arbeitszeit heimlich eigene Entwürfe für Wettbewerbe. Aber genau das hat auch Frisch früher als Angestellter getan. Trotzdem kündigt er den anderen. Niemand kennt seinen Knecht besser als ein Herr, der ein Knecht war.

Als sich ein Bauprojekt verzögert, weil es in der Nachkriegszeit an Zement und Eisen mangelt, beginnt er wieder zu schreiben. Diesmal fürs Theater, „damit sich etwas verkörperlicht“. Frisch überwacht die Fortschritte am Bau eines Züricher Freibads, seinem ersten großen Auftrag, und parallel dazu am Schauspielhaus die Proben zu seinem Stück. „Wenn die Schauspieler nach Hause gehen, um Texte zu lernen, fahre ich zur Baustelle und sehe, wie sie den Sprungturm aus-schalen, anderswo Platten verlegen, wie der Schreiner endlich seine Werkstattarbeit bringt und einpasst.“ Das klappt nicht alles, sowenig wie bei den Schauspielproben. Das Gefühl der „Verkörperlichung“ hat er dort wie hier. Es entsteht etwas, er kann es sehen, aber nicht wirklich begreifen, obwohl ihm vorkommt, dass es seine Hände sind, die alles bauen, alles in Szene setzen, ja, in diesen Monaten wachsen ihm endlich Hände, die zugreifen können. Er ist Schauspieler und Bauar-beiter zugleich, sein Entwurf ein Selbstentwurf, er baut das Stück wie das Freibad in Personalunion, vom Papier springt es auf die Bühne und ins ausgehobene Bassin, in dem das Wasser noch nicht eingelassen ist.

2

Nachts träumt er, dass er am Flughafen verhaftet wird. Die Polizei eröffnet ihm, er sei in Wahrheit ein anderer. Er weist seinen Pass vor – und wirklich steht darin ein fremder Name: Stiller. Er holt, um seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, einen zweiten Pass hervor, aber auch da steht nicht Frisch, sondern White. Frisch jedenfalls sei er zweifelsfrei nicht, eröffnet ihm der Vernehmungsbeamte. Ein Max Frisch sei nicht aktenkundig. Einen Frisch gebe es nicht. Er solle sich hier nicht hinter erfundenen Identitäten verschanzen. Nach den Buchstaben des Rechts seien die Buchstaben der Dichtung gegenstandslos. Und nun heraus mit der Wahrheit!

Der Träumende weiß augenblicklich, dass er ein furchtbares Verbrechen begangen hat, eine unaussprechliche Scheußlichkeit. Und er würde augenblicklich gestehen, wenn er sich nur erinnern könnte. Aber vielleicht genügt auch das Eingeständnis seiner dunklen Ahnung für einen Urteilsspruch, denn ihm ist sehr daran gelegen, sich selbst hinter Gittern zu sehen. Vorher bittet er nur noch darum, auf der Bau-stelle nach dem Rechten sehen zu dürfen. Denn ohne ihn bliebe das Freibad Skelett. Zwar sei sein Entwurf nicht frei von Fehlern, aber deren gewissenhafte Umsetzung bewahre dem Bau seine Eigenart. Auf die Fehler komme es an! Die Fehler seien das Chlor im Schwimmbecken! Die Fehler würden den Bau im Innersten zusammenhalten!

Das sei ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver, sagt der hinzugezogene Untersuchungsrichter, auf den Bau komme er nicht mehr so bald, in den Bau aber ganz nach Wunsch, so wahr er White heiße, und holt ein Buch hervor. In diesem Druckwerk sei die fragliche Tat klar und unmissverständlich beschrieben. Ein typisches Verbrechen aus Leidenschaft. Es handle sich um das Beziehungsprotokoll „Frisch“. Der Protokollführer ein gewisser Anatol Ludwig Stiller. Der Untersuchungsrichter verwandelt sich in einen Staatsanwalt und liest ein paar Schlüsselstellen vor.

Es geht darin um die Beziehung eines älteren Mannes zu einer jungen Frau. Beide schreiben. Der Mann, Frisch Max, Familienstand geschie-den, ist berühmt und wohlhabend, die Frau, Bachmann Ingeborg, Familienstand ledig, nur berühmt. Der Mann macht der Frau in seiner verzweifelten Hörigkeit einen Heiratsantrag, den die Frau als bürgerliche Zumutung erachtet, innerlich lacht sie den Mann womöglich aus, der dieses innerliche Lachen genau zu vernehmen meint.

Dann setzt sie sich in ihren Volkswagen und braust nach Rom, der Mann in seinem Sportwagen hinterher, es kommt zu einem Wettren-nen, das die Zeit gewinnt, in kaum sieben Jahren ist die Beziehung mausetot. Getötet durch die Beklagten, die sich also des fahrlässigen Liebesmordes schuldig gemacht haben. Die eine beklagte Partei kann nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden, da vom Leben ver-brannt, die andere Partei, Frisch Max, wird vom Gericht dazu verurteilt, als erfundene Figur zum Leben erweckt, ins Leben verstoßen zu sein. Sein Name sei Gantenbein. Ein kurzer Prozess, lacht der Richter, der wie ein Bauführer aussieht.

3

„Einmal holt mich der Bauführer in seine Baracke, um mir etwas anzuvertrauen“, notiert Frisch nach dem Erwachen, „ein Plan, unterzeichnet mit meinem Namen, hat einen argen Fehler im Ausmaß. Ich danke dem Bauführer, dass er den Fehler bemerkt hat, bevor die Bulldozer zuviel Erde ausgehoben haben, und sage, dass ich selber den Plan gezeichnet habe, nicht nur unterschrieben.“ Seither ist ausgemacht, wer hier die Fehler macht. Niemals der Bauführer, immer nur der Architekt. Dieser schreckliche Zwang zur Aufrichtigkeit wird ihn noch einmal vor den Kadi führen. Wenn er sich nicht vorher die Zunge abbeißt. Ja, stumm und blind sollte man sich stellen, dann hätte man seine Ruhe und würde erfahren, was die Menschen denken, von einem und allem.

Und heute hat sich auch noch Bert Brecht angesagt. Nicht die Proben zu seinem Stück will er sehen, nein, die Baustelle will er besichtigen. Vermutlich, um mit den werktätigen Massen ins Gespräch zu kommen. Albisrieden, wo das öffentliche Schwimmbad entsteht, ist ein Arbeiterbezirk. Womöglich wird er agitieren wollen, die Bauarbeiter gegen ihn, den Bauherrn, aufhetzen. Am besten nimmt Frisch seinen Flachmann mit, um halbwegs souverän zu sein.

Und da stapft Brecht in seiner maßgeschneiderten Proletarierkluft auch schon übers Gelände. „Wissen Sie, Frisch, Architektur und Literatur haben ja viele Berührungspunkte. Aber wenn ich mir diesen Torso von einem Bad anschaue, frage ich mich, ob Sie nicht doch mehr Talent zur Dramatik haben. Auch Ihr Bauführer hat mir von Genosse zu Genosse einige Andeutungen gemacht. Werfen Sie sich lieber ganz aufs Schreiben, bevor Sie noch mehr Unglück anrichten…“

4

Nachts träumt Frisch, er sei ein berühmter Architekt, der Museen und Theater baut, der in Gold und Staatsanleihen aufgewogen wird. Aber vom Himmel fällt ein Lichtstrahl direkt auf sein jüngstes Bauwerk, das sich mit einem Knall auflöst. Plötzlich sind alle seine Bauten verschwunden. Und an ihrer Stelle liegen Stapel schmutzigen Papiers.

Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.

(*) Nach knapp neun Jahren "sonnTAG" mit insgesamt 347 Textbeiträgen, wird die wöchentliche Reihe nach dieser Ausgabe aus budgetären Gründen vorübergehend eingestellt.

Verfasser/in:
Günter Eichberger

Verfasser / in:

Günter Eichberger

Datum:

So. 09/01/2011

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Die Reihe "sonnTAG" bringt sonntäglich Beiträge und Texte von ArchitektInnen, SchriftstellerInnen und anderen AutorInnen, die sich literarisch, pointiert, poetisch, kritisch und humorvoll mit Architektur und Gesellschaft auseinandersetzen.

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