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Nachverdichtung Hamburg, Stadtteil Altona
©: Elisabeth Anderl

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Bericht
Stadtbauwerkzeug: Wunderwuzzi Baugemeinschaft

Neue Stadträume und lebendige, sozial durchmischte Quartieren mit leistbaren „Wohnträumen“: Was ob des Zuwanderungsdrucks auf den Zentralraum Stadt und den nachhinkenden Wohnungsmarkt wie die eierlegende Wollmilchsau klingt, versuchen nun einige Städte mit frühzeitiger Bürgerbeteiligung und Steuerung der Quartiersentwicklung über Konzeptvergaben an sozial ausgerichtete Baugemeinschafts- und Investorenprojekte.

Zum Thema der sozialen Ausrichtungen von Baugemeinschaften und deren – auch von den städtischen Behörden auferlegten – Aufgabe als Quartiersanker und Reparaturwerkzeug lud Ende September die Hamburger Agentur für Baugemeinschaften, vertreten durch Angela Hansen, den deutschen Bundesverband der Baugemeinschaften und dessen österreichisches Pendant, GEMEINSAM BAUEN WOHNEN nach Hamburg ein. Es war dies die Fortsetzung eines vor einem Jahr in Wien begonnen Austausches zwischen Interessierten, Baugemeinschaften und städtischen Behörden, der laut Norbert Post vom Bundesverband Baugemeinschaften e.V., auch in den kommenden Jahren fortgesetzt werden sollte.

Während im Vorjahr in Wien das Kennenlernen der so heterogenen Baugemeinschaften im Vordergrund stand, stellten nun die Hamburger Veranstalter die städtebauliche Bedeutung des sozialen Engagements der Baugemeinschaften zur Debatte. Ein Aspekt der Baugemeinschaften, den die Hamburger Politik ganz wesentlich zur Entwicklung neuer Konversionsflächen nutzt. So zieht sich die Möglichkeit, von den Baugemeinschaften zu lernen und sie als Versuchslabor für städtische Bauträger (Axel Fricke) zu sehen, als roter Faden durch Referate und Diskussionen.

In Hamburg erhalten Baugemeinschaften seit beinahe drei Jahrzehnten Unterstützung von der kommunalen Agentur für Baugemeinschaften und ihr nahestehender privater Organisationen, wie der Stattbau HAMBURG und der Lawaetz Stiftung.
Die Förderung der Gemeinschaften ist nicht nur Programm, wie der Staatsrat der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, Matthias Kock, in seinem einleitenden Statement darlegte. Baugemeinschaften können ihre „Wohnträume in der Stadt“ (Kock) umsetzen und führen in Hamburg schon lange kein Nischendasein. In den letzten 25 Jahren wurden mehr als 100 Projekte, verteilt über die ganze Stadt, mit Wohnraumförderung oder der Bereitstellung von Grundstücken unterstützt. Ausschlaggebend für die Förderung der Kommune ist die soziale Ausrichtung der Projekte und ihre Einfügung in das Quartier.

Im Zuge der Tagung führten die Veranstalter die Teilnehmer u.a. zu einem unter Denkmalschutz stehenden Schulgebäude, das, klein-genossenschaftlich organisiert, im Zentrum von Alt-Altona nun 34 Wohnungen und Gemeinschaftsflächen beherbergt. Sie stellten weiters ein Kooperationsprojekt mit einer Traditionsgenossenschaft vor, das als Teil einer größeren Verbauung 13 Wohnungen und einen Gemeinschaftsraum für die im Verein Arche Nora organisierten Seniorinnen anbot und auch die großen Konversionsflächen des Altona Güterbahnhofs und der Holsten Brauerei, wo 20% der Wohnungen von Baugemeinschaften errichtet werden.

Die Stadt Hamburg steuert die Quartiersentwicklung über eine gezielte Konzeptvergabe, die seit 2010 auch für Investorenprojekte gilt. Um ihr Ziel einer sozialen Mischung zu erreichen, werden je 1/3 der Grundstücke für geförderte Sozialwohnungen, Genossenschaften und Investoren vergeben. 20% der Gesamtfläche gehen ohnedies an Baugemeinschaften. Beispiele für dieses ambitionierte Programm sind die Hafen City, die bereits genannten Altona Mitte und das Holsten Areal sowie das zukünftige IBA-Gebiet Oberbillwerder.

Anhand der Referate und Diskussionen zeigten sich aber auch die regionalen und kommunalen Unterschiede bei den städtebaulichen Zielen und Werkzeugen und auch bei der Vielfalt der sozialen Ausrichtung und Organisation der Projekte.

Für alle Referenten stand letztlich fest, dass nur die Mischung von individuellem und kollektivem Eigentum soziale Quartiersmischung garantiert. Ein Weg zu diesem Ziel ist der bereits beschriebene der Stadt Hamburg mit der Drittelvergabe an Genossenschaften, geförderten Wohnbau und Investorenwohnbau anhand von Konzepten sowie durch Grundstücksvergabe in Form von Erbpacht oder Staffelpreisen, mit Vergünstigungen für Baugemeinschaften und mit sozialen Aspekten.

Auch die besonders hochpreisigen Städte wie München und Stuttgart haben bzw. sehen eine Staffelpreisgestaltung für die Zukunft vor. In Stuttgart findet eine Konzeptvergabe bereits für das Quartier OLGA statt und ist für das Rosensteinquartier geplant (Axel Fricke). Diese konzeptuelle städtebauliche Planung vermisst Nathalie Schaller von der Mitbauzentrale München in ihrer Stadt noch, was, wie sie meint, in den Quartieren zu einem „Zuviel des Gleichen“ führt.
Auch in Tübingen, das auf eine lange Baugemeinschaftstradition zurückblickt, gehört die Bewerbung von Baugemeinschaften für ein städtisches Grundstück mit einem einfachen Konzept längst zum politischen Alltag, während im Osten Deutschlands Baugemeinschaften noch ein Nischenthema darstellen.

Als Resümee nach zwei spannenden Tagen lässt sich zusammenfassen, dass Gemeinschaftsprojekte in einigen deutschen Städten keine Nischenprojekte mehr sind, sondern Teil der Quartiersplanung und dass gerade der Mix aus kleingenossenschaftlichen Einzelprojekten, Eigentums- und Kooperationsprojekten die notwendige Diversität fördert. Jedoch auch, dass Baugemeinschaften nicht alleine die Last der sozialen Quartiersausrichtung schultern können und die Strukturen der Bürgerbeteiligung rechtzeitig ausgebaut werden müssen.

LINKS

  • GEMEINSAM BAUEN WOHNEN – Initiative für gemeinschaftliche Bauen und Wohnen, Wien:
    http://www.inigbw.org

Verfasser / in:

Elisabeth Anderl

Datum:

Do. 19/10/2017

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Stadtbauwerkzeug: Wunderwuzzi Baugemeinschaft

Bericht von Elisabeth Anderl zur Tagung Soziale Ausrichtung von Baugemeinschaften – Engagement und Herausforderungen, die am 22. und 23. September 2017 im Konferenzzentrum der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen in Hamburg stattfand.

Facit: Mischung von individuellem und kollektivem Eigentum unterstützt soziale Quartiersmischung.

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