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Das Marathon-Camp (Thalia und Opernring 7) ist ein Lebensraum auf Zeit: Jederzeit und für alle offen, Tag und Nacht.
©: raumlabor berlin

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Bericht
Steirischer Herbst 2012: Truth ist concrete

Die Wahrheit ist konkret und Beton eine Lüge.

Diesmal, sagt Intendantin Veronica Kaup-Hasler, ist alles anders. Keine der bisher üblichen Eröffnungen steht dem diesjährigen Steirischen Herbst voran, stattdessen ein einwöchiges „24/7-Marathon-Camp“ unter dem Leitmotiv „Die Wahrheit ist konkret“. So nämlich zitierte Bertolt Brecht Lenin, der seinerseits Hegel zitierte.

In ihren Recherchen zum aktuellen Festival – um die Revolutionen in den arabischen Ländern, die Occupy-Bewegung, europäische Wirtschafts- und Finanzdebakel – zeigte sich, dass Künstlerinnen und Künstler unter Einsatz ihrer Mittel und mit naturgemäß kritischen Zugängen allenthalben beteiligt sind beziehungsweise Stellung nehmen. Daraus entstand die zentrale Frage, wie weit die Kunst als Sensor zwischen Politik und Gesellschaft fungieren kann. Dass „Kunst“ „ein linkes Hobby“ sei, wie sich der holländische Rechtsaußen-Politiker Geert Wilders ausließ, dürfte über die Programmatik des „Marathon-Camps“ anschaulich widerlegt werden: Bisher sind etwa 150 KünstlerInnen, -gruppen, TheoretikerInnen und AktivistInnen für den Start gemeldet, um sich sieben Tage lang und rund um die Uhr über Vorträge, Debatten, Performances, Ausstellungen etc. in diesem „Lebensraum auf Zeit“ mit den Strategien der Politik und politischen Strategien in der Kunst auseinander zu setzen.

Das „Camp“ wird als begeh- und bewohnbares Ensemble im Bereich zwischen Thalia und der Galerie Kratochwill von raumlaborberlin (D) eingerichtet. Darin befindet sich etwa ein „Mobiler Salon“ von The HairCut before The Party (GB) – der HairCut ist kostenlos, der Friseur bietet sich allerdings als politischer Gesprächspartner an. Katherine Ball (USA) legt den „Garten des biologischen Ungehorsams“ an und aus dem „Studio 24/7“ senden Radio Helsinki und andere freie Radios. Weiters werden im „Camp“ Workshops zu direkten Aktionen gehalten, internationale Grafiker und Streetartists gestalten Flugblätter, Zeitungen und Postkarten. Unterkunft findet das „Mobile Archiv“ des Israeli Center for Digital Art, eine kontinuierlich wachsende, nomadisch agierende Videothek. Mit Buch-Piraterie beschäftigt ist The Piracy Project aus Großbritannien, die um eine Sammlung angeeigneter, veränderter oder kopierter Bücher von Künstlern aus aller Welt Probleme um Urheberschutz, Original und Kopie verhandeln. Angekündigt sind auch Blogs und Gespräche von und mit internationalen AktivistInnen unter dem Titel „How to change the world – or last fight for it“.

Der Ausstellungsrundgang zu bildenden Kunst findet diesmal erst am 21. September statt. Im Rahmen dessen gibt es zunächst keine Ausstellung, vielmehr entwickeln die Prager Kuratoren Zbynĕk Baladrán und Vit Havránek mit „Adaptation“ und in Zusammenarbeit mit KünstlerInnen eine Art Labor zu Kollaborationen, Hierarchien und Strukturen, die in Ausstellungen münden können.
Das Kulturzentrum bei den Minoriten widmet sich unter dem Titel „Nicht von hier“ Leben und Werk des steirischen Malers Alois Neuhold. Kritische Arbeiten zu gesellschaftlichen Themen wird der Kunstverein Medienturm zeigen, die Vision einer Republik bearbeitet in „Absolute Democracy“. Nach der gerade laufenden Ausstellung zum Werk von Michelangelo Pistoletto im Joanneumsviertel befasst sich das Kunsthaus im herbst mit dessen Arbeits- und Forschungsgemeinschaft Cittadellarte. Rechtsextreme und populistische Politik und künstlerische (Re-)Aktion sind Thema im Grazer Kunstverein. Wenn die Kunst „konkret“ ist, fragt man sich in der Camera Austria, ist „Wahrheit“ dann auch konkret? Eine mögliche, wenngleich kryptische Antwort könnte voraus schon Josef Schützenhöfers Statement sein, einer der Teilnehmer im „Camp“: „IF TRUTH IS CONCRETE, DANN IST BETON EINE LÜGE“

Neben etlichen weiteren Produktionen in der Abteilung Musiktheatralisches: Heiner Goebbels (D) bringt „When the mountain changed ist clothing“ mit Carmina Slovenica (Slo), einem Chor von 40 jungen Sängerinnen, zur Erstaufführung. In Texten von Josef Eichendorff bis Marina Abramović geht es um den Abschied von der Kindheit.

Ein Hinweis noch auf das musikprotokoll: Wie die Kategorien von Klangkunst, Musik, bildender und Medien-Kunst obsolet werden, zeigen Reni Hofmüller, Christian Lammer und Jogi Hofmüller (A), die Hartmut Skerbischs Lichtschwert zur Sende- und Empfangs-Antenne umfunktionieren. Form und Höhe beinflussen elektromagnetische Wellen. Eine Klangkomposition wird über das Lichtschwert gesendet und an verschiedenen Orten der Welt empfangen. Von dort wird die angekommene Information wieder zurückgeschickt und über das Lichtschwert empfangen. Das Medium dürfte die Botschaft wohl verändern, was ankommt ist Information – aber welche?

Steirischer Herbst 2012 unter dem Leitmotiv „Die Wahrheit ist konkret“ vom 21. September bis zum 14. Oktober.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček
steirischer herbst

Datum:

Mo. 27/08/2012

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