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Studio Molière (Umbau), Lycée Français (Neubau)
Architektur: Dietmar Feichtinger Architectes, ©: Hertha Hurnaus

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Bericht
Studio Molière & Lycée Français, Wien

Die Neustrukturierung des Studio Molière und die Erweiterung des Lycée Français in Wien

Die kulturelle Funktion Theater, dessen besondere Lage und Organisation in einem Gebäude historischen Ursprungs und die Identität des Schulneubaus stehen im Mittelpunkt des Entwurfs für den Neubau des Lycée Français und den Umbau des Studio Molière in Wien.

Gegensätze ziehen sich an
Der Versuch, die alte Reitschule im 19. Jahrhundert großzügig zu öffnen, spiegelt sich im neuen Schulgebäude wider und wird auf einem zeitgemäßen Niveau realisiert. Dieses Spiel der Gegensätze – der verschiedenen Technologien, Bauweisen, Materialien und Energietechnik – drückt sich nicht zuletzt auch in der Spiegelung des alten Gebäudes in der Fassade des Schulneubaus aus. Dieser Effekt dreht sich bei Dunkelheit um, wenn das Schulgebäude das alte Studio mit beleuchtet.

Umbau des Studio Molière

Die zentralen Funktionen wie Eingang, Kassa und Buchhandlung werden an der Lichtensteinstraße, neben und unter dem Saal situiert, und damit klar zum öffentlichen Raum orientiert. Der neue Eingangsbereich ist von der Gebäudeflucht abgerückt in das Gebäudevolumen „eingestellt“, um dem Besucher mit einem überdeckten Vorplatz Raum zur ersten Orientierung und zum Verweilen, bzw. Warten auf andere Besucher zur Verfügung zu stellen. Durch das Entfernen der beiden bestehenden Decken erhält dieser Raum eine Großzügigkeit, die dem Besucher bereits hier die besondere Funktion ankündigt.
Nach dem Durchschreiten des Empfangsbereichs vermittelt das Foyer dem Besucher einen weiteren Eindruck der angekündigten Großzügigkeit der Gebäudestruktur. Der Raum ist bis zur Dachdecke geöffnet, die freigelegten hohen Spitzbogenfenster lassen sowohl am Tag, aber auch abends vor Beginn der Vorstellungen viel Licht in das Foyer. Der 7,60 Meter hohe Raum kündigt den dahinter liegenden Saal an. Er „vermittelt“ aber auch als Verbindungsglied zum neuen Schulbau und – in weiterer Folge dem Schulbestand.
Der Saal, dessen strukturelle und materielle Konzeption aus ökonomischen Gründen unverändert bestehen bleibt, beschließt diese großzügige Raumfolge und führt sie in eine intime Theateratmosphäre über.

Eingriffe in den Saalbestand
Das Niveau der Hinterbühne wird dem der Bühne angepasst. Für den Betrieb notwendige Nebenräume (für Catering, Bühnenmaterial, Reserve, Technisches Equipment und Dekor) befinden sich in unmittelbarer Nähe des Foyers. Die Bühnenregie mit Projektions- und Technikzentrale wird über den Kassenraum beim Eingang erschlossen.
Ein Buffetbetrieb im Foyer ist mit einer flexiblen Bar über die Räumlichkeiten des Caterings möglich.
Die Sanitäreinheiten für die Theaterbesucher wurden nicht versetzt aber räumlich neu organisiert. Der getrennte Wartungszugang zum bestehenden Heizraum im Untergeschoß, als auch der Zugang zu der darüber situierten Lüftungszentrale wurde diskret, und für die Besucher nicht sichtbar, integriert.
Eine neue Stiege bindet die Logen im Obergeschoß an die Bühne und die Hinterbühne an.
Die Wohnung des Hausbesorgers liegt über den Sanitärräumen. Hier ist auch das Gästezimmer für Besucher des Lycées untergebracht. Beide Bereiche werden über die neue Stiege vom Haupteingang aus erschlossen.

Haustechnik
Die bestehende Heizung wird auf Gas als Energieträger umgestellt. Die Heizkessel werden im bestehenden Heizraum im Untergeschoß installiert, der Neubau wird dann über eine erdverlegte Trasse (Nahwärmeleitung) über diesen Raum angeschlossen.  Die Heizungsart der Halle und öffentlichen Flächen bleibt weitgehend unverändert bzw. wird nur geringfügig adaptiert. Kassa, Buchhandlung und Sanitärbereich erhalten eine Fußbodenheizung. Alle anderen Räume/Nebenräume werden über Konvektoren beheizt.
Die neue Lüftungszentrale befindet sich im Dachgeschoß und versorgt mit Quellluftauslässen über den Schrägboden den Veranstaltungssaal des Studio Molière mit normgemäßer Frischluftmenge von 30m³/h/Person und einem Wärmerückgewinnungsgrad von ca. 90 %. Die Nassräume werden ebenfalls mechanisch belüftet.

Erweiterung des Lycée Français

Das Studio-Gebäude und seine Fassade respektierend, befindet sich das neue Schulgebäude im Südwesten, um einen neuen gestalteten Freiraum abgerückt. In seiner Fassade spiegelt sich die historische Fassade des Studio-Gebäudes, wodurch dieser Ort seinen besonderen Charakter erhält. Diese Besonderheit wird durch die Orientierung des Gebäudes und der darin enthaltenen Funktionen, die reduzierte Detaillierung seiner Fassadenkonstruktion, sowie die lichttechnische Inszenierung dieser Atmosphäre auch in der abendlichen Stimmung unterstrichen.
Die Schule ist in einem klar Ost/West-orientiertem Baukörper organisiert. Die horizontale Erschließung der Klassenräume wendet sich dem Studio-Gebäude zu, wodurch dieses in mehreren Höhen von den Schülern erlebt werden kann.
Der Eingang befindet sich unmittelbar gegenüber dem bestehenden Ausgang des Studio Molière.

Organisation der Geschoße
Im südlichen Bereich des Untergeschoßes ist der Salle d´Arts Plastiques situiert. Ihm vorgelagert befindet sich der Außenbereich für die bildnerische Erziehung. Dieser in einem 'Cour Anglais' situierte Freiraum trägt dem Thematischen Rechnung und kann als Ausstellungsbereich im Freien genutzt werden. Westlich folgt der Raum für das Unterrichtsfach Musik und im Norden sind die Nebenräume für Lagerung und Technik nebst interner Stiege situiert. Die Sanitäreinheiten liegen diskret hinter der vertikalen Haupterschließung, über die man in die einzelnen Geschoße gelangt.
Im Erdgeschoß sind zwei für allgemeine Zwecke nutzbare Klassenzimmer, das Lehrerzimmer und ein Büro für den Portier situiert.
Das erste Obergeschoß beherbergt eine Klasse und der Prüfungsraum. Dieser Raum ist für 60 Prüfungsplätze programmiert und kann neben seiner Funktion als Prüfungssaal auch als Mehrzweckraum für kleine Veranstaltungen, Empfänge oder Ausstellungen genutzt werden.
Im zweiten Obergeschoß sind drei Klassenräume untergebracht.

Konstruktion
Die Gründung erfolgt zum Teil durch Pfahlsondierung, bzw. (im unterkellerten Bereich) über die flächige Lastabtragung der Bodenplatte (tragfähiger Untergrund). Eine "Weiße Wannenkonstruktion" umschließt die Räume im Untergeschoss, die vertikale Lastabtragung der Obergeschoße erfolgt über Stahlbeton-Fertigteilstützen (Schleuderbeton). Die Decken und Parapet-Elemente sind in Stahlbeton vorgesehen.

Fassade
Die Fassade besteht teilweise aus kerngedämmten STB-Fertigteilen mit innenliegender Bauteilaktivierung. Die Bereiche mit vorgehängter Fassade sind als Glas-Aluminium Pfosten/Riegelkonstruktion ausgeführt.

Brandschutz
Das Projekt wurde gemäß den Anforderungen der OIB Richtlinie bzw. TRVB N 130 konzipiert. Gemäß OIB Richtlinie 2 wird das gegenständliche Gebäude in die Gebäudeklasse 3 (Fluchtniveau 6,80 m) eingeteilt. Das Gebäude wird in Brandabschnitte kleiner 1.600m2 unterteilt, sodass der vertikale Brandüberschlag innerhalb der Abschnitte entfällt (raumhohe Verglasung, öffenbare Fenster).
Folgende Räumlichkeiten sind als Unterbrandabschnitte auszuführen: Archivräume (UG), Technikräume (UG), Müllraum..
Folgende Technische Einrichtungen sind erforderlich: Treppenhaus – Entrauchung (5% der Grundrissfläche), Fluchtweg-Orientierungsbeleuchtung.
Die Ausgänge auf das angrenzende Gelände befinden sich im Erdgeschoß (Direkte Ausgänge). Maximale Fluchtweglänge 40 m auf das angrenzende Gelände oder in ein gesichertes Treppenhaus – zweiter Fluchtweg. Zwei Fluchstiegenhäuser ermöglichen die Evakuierung aus den Obergeschoßen.
Die maximale Personenanzahl in den oberirdischen Geschoßen 1. und 2. OG und Staffelgeschoß ist mit maximal 270 Personen festgelegt. Die beiden gesicherten Fluchttreppen sind mit einer mind. Durchgangslichte von 1,50 m und 1,20m ausgestattet.
Die Gangbreiten sind der maximalen Personenbelegung angepasst.
Die Ausführung der HT- Schächt in REI 90 ausgeführt.

Haustechnik
Der neue Klassentrakt wird – thermisch am Stand der Technik – als Niedrigenergiehaus konzipiert. Die mittleren U-Werte der Fenster (dreifach verglast) betragen 0,7 W/m² K, die der Außenwände und dem Dach 0,2 W/m2K. Die Heizung der Gänge erfolgt über Fußbodenheizung. Die Klassenzimmer werden über Radiatoren beheizt. Im Neubau wird die Elektrotechnik gem. den Wünschen der Bauherrschaft gem. den Regeln der Technik geplant. Das Licht wird durch LED-Leuchten energiesparend und effizient erzeugt.

Verfasser / in:

Dietmar Feichtinger Architectes

Datum:

Fr. 10/03/2017

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Infobox

Lycée Français & Studio Molière

Neustrukturierung des Studio Molière und Erweiterung des Lycée Français in 1090 Wien, Liechtensteinstraße 37A

Architektur
Dietmar Feichtinger Architectes

Wettbewerb: 05 2012
Planungsbeginn: 09 2012
Baubeginn: 03 2015
Fertigstellung: 09 2016

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der GAT-Serie bauwerk.aktuellsiehe Artikelempfehlung.

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