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Palliativstation im LKH Knittelfeld
Architektur: fasch&fuchs.architekten, Foto: Photodesign Toni Muhr , ©: KAGes - Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft m.b.H.

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Bericht
There is no place like home

Palliativstation im LKH Knittelfeld

Das Landeskrankenhaus Knittelfeld besitzt seit Juni 2012 eine Palliativstation als ein Teilergebnis  umfangreicher Sanierungs- und Ausbauarbeiten bzw. eines Neubaues, die in drei Bauphasen fertiggestellt werden sollen. Zwei Phasen sind bereits abgeschlossen. Diesem Projekt ging ein EU-weit ausgeschriebener Wettbewerb voraus. Aus insgesamt 50 eingereichten Bewerbungen wurden 20 ArchitektInnen bzw. Teams für die Teilnahme am Wettbewerb ausgewählt: elf ArchitektInnen aus der Steiermark, sechs ArchitektInnen aus dem übrigen Österreich und drei ArchitektInnen aus dem EU-Ausland. Die Zielvorgabe laut Wettbewerbsausschreibung war die Umsetzung des Projektes in einzelnen Abschnitten. Dabei ging es vor allem um die Teilbereiche Radiologisches Institut, die Pflegestationen im Neubau, die Aufstockung des Altbaus mit Sonderklassestation und den Neubau der Speiseversorgungseinrichtung. Aus dem Wettbewerb ging 1998 das Büro fasch & fuchs.architekten mit Lukas Schumacher als Sieger hervor.

Wenn es um das Sterben geht, wird der berühmte Satz, dass es nirgends besser ist als zuhause, aus dem Kinderbuch "The Wizard of Oz" mit Sicherheit auf viele zutreffen. Manchmal hat man das Glück, es sich aussuchen zu können und man hat Hilfe und Unterstützung auf dem letzten schweren Weg und kann in seiner vertrauten Umgebung, möglichst zu Hause, sterben. Ermöglicht wird dies dank mobiler und regionaler Palliativeinrichtungen in Bezirken und Krankenhäusern mit SpezialistInnen, die dafür geschult sind, Menschen in dieser schweren Zeit beizustehen. In der Steiermark geschieht dies weitgehend durch einen nahezu flächendeckenden mobilen Palliativdienst und stationäre Einrichtungen in Krankenhäusern.

Zum Zeitpunkt des Wettbewerbs für das LKH Knittelfeld im Jahr 1998 waren im Österreichischen Krankenanstaltenplan ÖKAP, der die Obergrenzen der Betten für jede medizinische Abteilung vorgibt, noch keine Palliativbetten für dieses Bauvorhaben vorgesehen. Da die Hospiz- und Palliativversorgung in Österreich seit diesem Zeitpunkt jedoch immer stärker thematisiert wird, wurde im Vorentwurf bereits ein Palliativbereich mit vier Betten als Teil einer Station der Inneren Medizin eingeplant. Im ÖKAP 2003 wurde dann im Palliativkonzept für die Steiermark im Krankenhaus Judenburg-Knittelfeld eine eigene Palliativstation mit acht Betten vorgesehen. Für die weitere Planung wurde die Standortentscheidung zugunsten von Knittelfeld durch die Anstaltsleitung getroffen. Der Grundriss des Projekts wurde somit an das neue Palliativkonzept adaptiert und die Station im Zeitraum 2010–2012 realisiert.

Krankenanstalten sind für PlanerInnen und ArchitektInnen ein ganz spezielles und durchaus attraktives Betätigungsfeld. Eine Palliativstation stellt wahrscheinlich eine besondere Herausforderung dar, muss man sich doch mit einem Thema und Bedürfnissen auseinandersetzen, denen man lieber ausweicht. Der Pflegedirektorin Christine Eibel und dem auf der Palliativstation arbeitenden Personal war es ein großes Anliegen, mit den ArchitektInnen im ständigen Dialog zu stehen, um gemeinsam eine Station zu entwickeln, die bestmöglich an die Bedürfnisse der PatientInnen, ihrer Angehörigen und des Personals angepasst werden kann.

Auch Lukas Schumacher, Projektpartner von fach & fuchs, empfand die Kommunikation mit den NutzerInnen im Vorfeld und bis zum Projektende als hilfreich und gut: „Für uns war es wichtig, PatientInnen, Angehörigen und dem Personal den Aufenthalt auf dieser Station so angenehm wie möglich zu machen und dass eine Planung dieser Art im täglichen Betrieb angenommen und umgesetzt wird." Bei anderen Stationen stehe trotz vieler Bemühungen, eine Art Hotelcharakter anzubieten, doch immer noch der funktionell notwendige Ablauf im Vordergrund. Für Schumacher seien der offene Stationsstützpunkt und der direkt daneben liegende, ebenfalls offene Tagraum als Zentrum die wichtigsten Elemente der Palliativstation in Knittelfeld.

Um zu verstehen, wie eine Palliativstation funktioniert, muss allerdings zunächst einmal mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, dass PatientInnen einzig und allein zum Sterben auf diese Station kämen. Im Idealfall soll dies eine Zwischenstation für PatientInnen sein, die an einer sogenannten fortgeschrittenen progredienten Erkrankung leiden, für welche es nach ärztlicher Einschätzung keine kurativen Möglichkeiten mehr gibt. Sowohl Eibel als auch die leitende Stationsschwester Friederike Rohrer bedauern dieses Vorurteil sehr, denn oftmals würden PatientInnen zu spät auf die Palliativstation transferiert und es bleibe manchmal tatsächlich nur noch die Sterbebegleitung während der letzten Stunden. Der eigentliche Gedanke sei laut Rohrer aber, „einen Ort zu bieten, an dem sich die PatientInnen ausruhen können, einmal zum Durchatmen kommen und sich beruhigen und erholen können von den oftmals sehr schmerzhaften Strapazen der kurativen Behandlung“. Auf der Palliativstation sollen die PatientInnen stabilisiert und mit ihren Angehörigen darauf vorbereitet werden, nach Hause zu gehen, um dort in Ruhe und Würde die letzten schweren Tage und Stunden zu verbringen.

Die architektonische Umsetzung spiegelt diesen Wunsch überzeugend wider. Die übliche Gangbreite von 2,35 bis 2,45 m spannt sich hier über einen fünf Meter breiten Gang auf und führt weiter in die großzügig angelegte, weiße Welt des Empfangs- und Begegnungsbereiches mit einer Fläche von etwas mehr als 100 m2, dessen beruhigende Wirkung schon beim Betreten einsetzt. Bunter Dreh- und Angelpunkt ist die offene orange Theke des Schwestern-Stützpunktes, die an einen Hotelempfang erinnern lässt. Rohrer erinnert sich deutlich an die Worte einer Patientin, die aus einer anderen Station aufgenommen wurde: „Sie sagte, dass, wenn sie gewusst hätte, wie schön und ruhig es hier ist, sie sich niemals so sehr gewehrt hätte, herzukommen.“ Es seien die Ruhe und die Möglichkeit, völlig auf die PatientInnen und ihre individuellen Bedürfnisse eingehen zu können, die hier den großen Unterschied machten. „Bei uns werden PatientInnen nicht mit dem Waschen, sondern mit dem Frühstück und der Zeitung geweckt.“ Gekocht werde nach Möglichkeit auch das, was die PatientInnen wünschten, obwohl das Essen verständlicherweise kein großes Thema sei. Das Personal sei hoch motiviert dank der schönen und gelungenen räumlichen Umsetzung durch die ArchitektInnen und bedankt sich ausdrücklich für die zahlreichen und intensiven Gespräche mit Projektleiter DI Eckhard Conrad vom Technischen Dienstleistungszentrum der KAGes und Arch. Lukas Schumacher, die letztlich zum erfolgreichen Ergebnis geführt haben. Es ist sicher unbestritten, dass in einer gebauten Umgebung, die eine hohe räumliche Qualität aufweist, anders gearbeitet, gelebt, geheilt werden kann.

Hier geht es nicht um Heilung und dennoch liegt kein Druck der Trauer in der Luft. Rohrers Begeisterung für ihren Beruf und die spezielle Aufgabe ist ansteckend - es werde auch viel gelacht und gescherzt, meint die Krankenschwester, die ihre Abschlussarbeit der Palliativzusatzausbildung dem Thema Humor in der Palliativpflege gewidmet hat. Die gelungene Umsetzung bedeutet in weiteren Zahlen ausgedrückt, dass die Zimmer im Durchschnitt 25 m2 und ein angegliedertes 5 m2 großes Badezimmer haben. Alle Zimmer verfügen über einen Safe und ein Bettsofa, auf dem Angehörige auch übernachten können. Die Farben sind hell und beruhigend, das ockerfarbene Sofa bildet einen optimistischen Farbpunkt. Das Highlight für alle sei das große Patientenbad, das hier im Gegensatz zum üblichen Stationsbad, das rein der Körperpflege diene, in einer Entspannungsoase mit LED-Beleuchtung, möglicher Musikbespielung und großzügiger Badewanne umgesetzt wurde. Ein wenig erinnert es an Geburtsräume in modernen Kliniken. Und so abwegig ist diese Assoziation nicht. Auch hier geht es um Schmerzberuhigung und Entspannung. Auf der einen Seite steht der Beginn, auf der anderen das Ende - der Kreis kann sich schließen. Diese Details, genauso wie die stationäre Palliativmedizin in Österreich im Allgemeinen, sind jedoch noch so neu und jung, dass es zunächst einmal notwendig sein werde, sich zusammenzuspielen, so Rohrer weiter, um die eigene Rolle im Krankenhausbetrieb finden und definieren zu können. Dies geschehe auch in der Hoffnung, dass PatientInnen früher auf diese Station kommen, damit sie die umsichtige Betreuung und Pflege, die ihren letzten Weg erleichtern sollen, besser nutzen können.

Draußen vor dem LKH Knittelfeld die Kunst-am-Bau-Skulptur von Michael Schuster: In großen Lettern, die nachts bunt beleuchtet werden, steht da geschrieben „ALLES WIRD GUT“. Die Frage, die sich stellt, ist: Kann am Ende eines Lebens etwas gut werden? Werden vielleicht nicht – aber sein!

ZUR INFORMATION

Aktuelle Situation der Palliativmedizin: Zusätzliche Infos zum Thema Palliativmedizin in Österreich, zur
Verfügung gestellt von Dr. Johann Baumgartner,
 Leiter Koordination der Palliativbetreuung Steiermark
.

_ Palliativstationen in der Steiermark:  48 Betten gesamt
_ LKH-Univ. Klinikum Graz, 12 Betten
_ Krankenhaus der Elisabethinen Graz, 8 Betten
_ LKH Leoben, 8 Betten
_ LKH Fürstenfeld, 8 Betten
_ LKH Rottenmann, 4 Betten
_ LKH Knittelfeld, 8 Betten

    _ Mobile Palliativteams: 8 gesamt
    _ Palliativkonsiliardienste: 10
    _ Stationäres Hospiz: 1 mit 12 Betten
    _ Tageshospiz: 1 mit 6 Plätzen
    _ Hospizteams: 30  mit insgesamt etwa 750 ehrenamtlichen HospizbegleiterInnen  

    Zur weiteren Entwicklung in der Steiermark:

    _ Bei den Palliativstationen ist der Vollausbau erreicht.
    _ Im Jahr 2013 wird das 9. Mobile Palliativteam in Betrieb gehen und der flächendeckende Ausbau erreicht sein. Ebenfalls bei den Palliativkonsiliardiensten (12), die zumeist krankenhauserübergreifend tätig sind.
    _ Offen ist die Errichtung der weiteren geplanten stationären Hospize in der Steiermark (2 bis 3 mit jeweils 6 bis 8 Betten). Es fehlen österreichweite Tagsätze, die seit Jahren vergeblich gefordert werden!
    _ Tageshospiz ist kein weiteres geplant.
    _ Die Anzahl der Hospizteams wird weiter wachsen, wenn auch langsam, da bereits in allen Bezirken Teams tätig sind.
     
    Besonderheiten in der Steiermark:
    Die steirischen Hospiz- und Palliativeinrichtungen haben eine Regelfinanzierung aus Mitteln des Gesundheitsfonds Steiermark. Österreichweit gibt es nur für Palliativstationen eine Regelfinanzierung über die sogenannte LKF-Finanzierung. Die anderen Einrichtungen in den Bundesländern haben zeitlich begrenzte Projektfinanzierungen.

    Verfasser / in:

    Susanne Baumann-Cox
    fasch&fuchs.architekten
    KAGes - Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft m.b.H.

    Datum:

    Fr. 07/12/2012

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