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Das Ende einer ungebauten Stadtautobahn
©: Emil Gruber

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Essay
Unortige Geschichten

Der Weblinger Stumpf

Bahnhöfe. Flughäfen. Einkaufszentren. Autobahnen. „Non-lieux“; Unorte. Für Marc Augé, französisches Enfant terrible der Ethnologie, sind Transiträume Räume ohne Vergangenheit und Identität. Orte fern von Verbindlichkeit, von Kommunikation, vom Menschen.
Sie schlug mir vor, bei der Reifeprüfung nicht in Ihrem Fach anzutreten. Mein Englisch sei zu dürftig. Sie wolle sich nicht blamieren. Schon gar nicht mit ihrer ersten Maturaklasse. Ein Gut im Jahreszeugnis war die Belohnung dafür, dass ich statt in Miltons Paradise Lost zu stolpern, in Französisch antrat und über Jean Anouilhs Version der Jeanne d’Arc fabulierte. Jahrelang hatte ich Stress mit der Englischlehrerin. Erst am Ende der Schulzeit gab es diese Versöhnung. Auch wenn Eigeninteresse auf beiden Seiten der Motor dafür war. Erst später begriff ich, wie viel Verunsicherung und Zweifel hinter einer rauen Fassade stecken. Zwei oder drei Jahre nach meiner Matura stürzte sich die Frau von einem der Hochhäuser in der Kärntnerstraße nahe dem Weblinger Stumpf in die Tiefe. Eine unglückliche Liebe, hieß es. Sie war gerade einmal Mitte Dreißig. 
Rund zehn Jahre vorher, 1973, war der Grazer SPÖ-Bürgermeister Scherbaum über seine Idee einer Stadtautobahn im Westen von Graz massiv unter Druck geraten. Trotz des Widerstands eines großen Teils der Grazer Bevölkerung wollte Scherbaum sein Vorhaben umsetzen. Der Bürgermeister verlor die Wahl, die neue Koalition aus Freiheitlichen und Volkspartei verhinderte die schon geplante Trassierung. Stattdessen beschloss man den Plabutsch zu untertunneln. Das bereits gebaute Autobahnstück über die Kärntner Straße blieb das hässliche Fragment eines für das Grazer Stadtbild glücklicherweise gescheiterten Projekts.
1989 entstand mit dem Center West in unmittelbarer Nähe das erste große Einkaufszentrum an der Grazer Peripherie. Jenseits des Stumpfes auf der anderen Seite gab es ein kleineres Pendant mit dem Einrichtungshaus Leiner – dem heutigen Kika – und einigen wenigen Zusatzgeschäften. Für Elektronik- und Musikfreunde jedoch wurde einer der Läden dort, eine Filiale einer damals in Österreich unbekannten Kette namens Cosmos zu einem Eldorado des Geldausgebens.
Manchmal stahl ich mich, wenn mich der Bürofrust überkam und meine Hände vom Blättern in Verkaufstatistiken zu Finanzdienstleistungsprodukten müde wurden, während der Dienstzeit von meiner Arbeit fort. Neues Blättern erfolgte dann in den Neuveröffentlichungen im damals noch weiten Areal der Musikabteilung des Marktes. Peinlich wurde es einmal, als plötzlich im Gang zwischen Jazz und Deutschem Schlager ein wohlbekanntes Gesicht mit einem Stapel CDs unterm Arm vor mir auftauchte: Mein unmittelbarer Vorgesetzter mit Hang zu fallweise cholerischen Wutarien, wenn Umsatzziffern nicht nach seiner Tonleiter funktionierten. Auch er sollte – so zumindest die Information seiner Sekretärin – auf Kundenbesuch sein. Wir beschlossen im asynchronen Duett, uns nicht zu sehen. Ein schneller Blick auf seine CD-Auswahl ließ zusätzlich auf wenig gemeinsame Harmonien schließen. Trotz der deutlich unterschiedlichen Taktung kamen wir ab diesem Moment bei der Arbeit besser miteinander aus. Die Begegnung im Cosmos sprachen wir niemals an. Musik verbindet offensichtlich wirklich, wie auch immer.
Wenige Jahre zuvor wurde eine Röhre des Plabutschtunnels fertiggestellt und dem Verkehr übergeben. Dem Weblinger Stumpf konnte als Anschlussstück für die Autobahn nun doch teilweise wieder ein Sinn gegeben werden. Die recht verwirrenden Wegweiser und Spurführungen lösten jedoch regelmäßig Unfälle aus. Mehrfach wurde in den darauf folgenden zwei Jahrzehnten deswegen Korrekturen im Spurverlauf und bei der Beschilderung vorgenommen. Beides entschärfte nur sehr bedingt die Situation.
Ein weiteres Einkaufszentrum am Grillweg hinter den Hochhäusern der Kärntnerstraße spülte ab Mitte der 1990er neue Geschäfte nach Webling. Conrad Elektronik und Praktiker Baumarkt waren mehr für Bastler ausgerichtet, ein Heimgarten für Schnäppchenjäger und Ein-Euro-Fans. Die immer breitere Dichte an solchem Stadtrandwildwuchs begann aber Opfer zu fordern. Das mittlerweile neu gebaute Shoppingmonster Seiersberg im Süden zog die Läden der internationalen Ketten und damit Besucher ab. Das Center West konnte sich dank einem Baumarkt und IKEA einigermaßen über Wasser halten. Mit dem Abgang von Conrad und damit Wegfall des hauptsächlichen Frequenzbringers war für die Einkaufsanlage am Grillweg aber das langsame Ende eingeleitet.
Im Frühjahr 2016 wollte ich noch schnell vor einem möglichen Abriss, der im Raum stand, die mittlerweile leerstehenden Gebäude fotografieren. Mich wunderte zwar die weitläufige Absperrung durch Bänder, die schon am Parkplatzgelände anfing. Auch die nicht wenigen Überwachungskameras waren seltsam. Ich hielt sie für Attrappen. Ich stieg über die Absperrbänder, begann zu fotografieren. Zwei Minuten lang. Dann ging eine als Notausgang gekennzeichnete Türe seitlich von mir auf und zwei Männer in schwarzen Uniformen, auf denen groß die Buchstabenkombination Security auf Brusthöhe prangte, stürmten auf mich zu. Ob ich nicht lesen könne, dass der Zutritt verboten sei. Und Fotografieren sowieso. Ich müsse nun zu ihrem Kommandanten mitkommen. Ich hatte überhaupt keinen blassen Schimmer, was da gerade passierte. Ihr Häuptling saß auf einer Bank im ersten Stock und rauchte. Hinter ihm eine Wand von Bildschirmen, die das Gelände rund um das Einkaufszentrum zeigten. Es war das Jahr nach dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Das Einkaufszentrum war nun interimistisch ein Transitlager unter der Verwaltung des Innenministeriums. Hunderte  Feldbetten standen – momentan unbenutzt – in den ehemaligen Verkaufshallen und warteten wieder auf mögliche Neuankünfte. Sie warteten auf Menschen mit einer unvorstellbaren Geschichte.
Den Weblinger Stumpf in den letzten Jahren zu einer Park & Ride Stätte umzugestalten, funktionierte nur sehr bedingt. Die Trasse verfiel zusehends. Der Asphalt brach an unzähligen Stellen auf. Reparaturen erfolgten seitens der Asfinag nur mehr sehr halbherzig. 2015 beschlossen Stadt und Land dem mittlerweile recht baufälligen und durch Stützen notdürftig gesicherten Stumpf ein Ende zu bereiten. Man beschloss, die Brücke zu entfernen, das gesamte Gelände abzugraben. Mittlerweile ist der Weblinger Kreis niveaugleich zur Kärntner Straße abgesenkt. Eine Verkehrsführung durch eine Ampellösung soll in Zukunft für klare Verhältnisse in der Verkehrsführung sorgen.
In meiner ehemaligen Firma hatten wir Opel als Dienstfahrzeuge. Das Autohaus gleich neben dem Stumpf war unsere Anlaufstelle dafür. Mein Vorgesetzter – der musikalische, wir wissen – holte dort einmal seinen funkelnagelneuen Omega ab. Als er auf der Zufahrtsstraße abfahren wollte, wurde er vom Lenker eines aus einer Werkstattausfahrt kommenden Wagens übersehen und seitlich gerammt. Die kürzeste Dienstfahrt seines Lebens ließ meinen Boss nach der Rückkehr per Taxi in seinem Bürozimmer lauter als sonst werden.
Non-lieux. Orte fern von Verbindlichkeit, von Kommunikation, vom Menschen? Unorte gibt es am Ende aller Erkenntnis wohl nur in den Gedankengebäuden von Philosophen.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Fr. 05/05/2017

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