_Rubrik: 

Kommentar
Vom neuen Bauen in der alten Stadt

Ich habe die Grazer Altstadtsachverständigenkommission als Architekt in der Jury zum Wettbewerb „Aufstockung des Warenhauses Kastner und Öhler“ vertreten.
Als Mitglied der Jury, aber vor allem als Architekt, der sich der ethischen Funktion der Architektur für die kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft bewusst ist, antworte ich Dr. Hasso Hohmann (Kommentar "Kastner kontra Weltkulturerbe" in der Kl. Zeitung, 15.01.06).

Was das Weltkulturerbe betrifft, erlaube ich mir den Hinweis, dass es gerade dieses Projekt unter all den aktuellen und zur Diskussion stehenden Projekten in Graz ist, dass den Titel des Weltkulturerbes aufnimmt und weiterträgt. Das Projekt ist von so hoher architektonischer Qualität, dass der Verlust des Weltkulturerbes, verursacht durch seine Verwirklichung, geradezu widersinnig und die falsche Reaktion wäre. So und nicht anders ist die Stellungnahme von Frau Dr. Celedin, der Vorsitzenden der Grazer Altstadtkommission, zu verstehen.
Das siegreiche Projekt der spanischen Architekten Nieto und Sobrejano ist komplex und erschließt sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick. Will man es beurteilen, muss man sich näher mit den Absichten der Verfasser beschäftigen –wie das eben die Jury in insgesamt 5 Tagen getan hat. Deshalb trifft die Kritik, die Dr. Hohmann äußert, nicht die wirkliche Aussage und den Inhalt dieses Projektes, sondern lediglich die den Medien zugekommene Dokumentation, die zugegeben nicht in allen Bildsequenzen von Vorteil für das Projekt ist.
Tatsächlich handelt es sich bei dem Projekt um eine gegliederte Dachlandschaft, die die zeilenartigen Dachkämme der mittelalterlichen Bebauung in der Sackstraße aufnimmt und neu interpretiert.
Das neue Dach ist viel stärker strukturiert als es im ersten Moment aussieht. Es reagiert in seinen Proportionen auf darunter liegende räumliche Funktionen, ist die zeichenhafte Fortsetzung der nach oben führenden Rolltreppen und senkt sich gegenüber angrenzenden Satteldächern. An einen markanten Werbeträger ist nicht gedacht, weil Werbung nicht notwendig ist. Die Architektur ist geprägt durch eine große Detailgenauigkeit, das Dach selbst wird als vollkommenes Objekt aus Stahl und Glas gesehen und ist mit einem herkömmlichen Blechdach nicht vergleichbar (keine Blechfälze, nahtlose und ebene Flächen). Eine „Störfläche“, wie Dr. Hohmann schreibt, ist das bestehende Dach. Das projektierte Dach ist aus architektonischer Sicht eine Bereicherung im lebendigen Gefüge der Stadt und, a la longue aus Sicht der Altstadt, ein Teil des Erbes, den unsere Zeit der Kulturgeschichte dieser Stadt und damit dem Weltkulturerbe hinzufügt.

Verfasser / in:

Univ. Prof. Arch. DI Volker Giencke

Datum:

Do. 19/01/2006

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar antworten