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Ruth Eggel und Robin Klengel, Kulturantropologen
©: Emil Gruber

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Bericht
Vom zusammen Gehen

Der Raum – unendliche Weiten. Die Gewissheit, mit der die klassischen Star-Trek-Folgen in den 1960ern eröffnet wurden, hatte wenig Bezug zur Erde. Wir wissen. Raum auf unserem Planeten ist endlich und folglich für den konsequenten Entdecker mehr eine Sphäre für unendlichen Reichtum. Die Raumerschließer wuchern durch das neu Gefundene. Sie versiegeln Offenes und Zugängliches. Sie entziehen der Gemeinschaft das gemeinsame Vielfache. Verdichtung auf das maximal Nutzbare ist die Prämisse für kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Flächenwidmungsplan und Investitionskapital. Form follows Money.

Ruth Eggel und Robin Klengel sind Kulturantropologen. Seit vielen Jahren ist die Stadt, ihre Systematik und Funktion ihr Untersuchungsgebiet. 2015 wirkten sie an der Ausstellung Graz Offene Stadt Ordnungspolitik und Möglichkeitsräume (s. unten) im GrazMuseum mit. Seither ist ein Herzensstück ihrer Arbeit der urbane Raum geworden. Sie unterscheiden drei grundlegende Ausformungen. Den klassischen gebauten Raum; den sozialen, repräsentativen Raum, in dem Diskurse stattfinden, der von Regeln und Gesetzen umgeben ist; und den gelebten Raum, in dem die tagtägliche Praxis stattfindet.
Auf dieser Basis versuchen sie in Stadtspaziergängen seit einiger Zeit das komplexe Geflecht von sensiblen Plätzen und ihrer Umgebung, das Zusammenspiel vor Ort und Entwicklungen aufzuzeigen.
Für die in Kooperation zwischen Forum Stadtpark und Museum der Wahrnehmung (MUWA) organisierte Veranstaltung Kommunikation Quo Vadis: Stadt des Zusammenlebens - Stadt der Kontrolle - Offene Stadt? flanierten sie zu zwei schon länger heftig diskutierten Orten: dem Pfauengarten und dem sogenannten „Billa-Eck“ am Hauptplatz. Bei beiden Plätzen ist das Thema: Lage und Verdrängung. Laut Klengel entsteht erst mit dem Aufeinandertreffen von Menschen eine spezifische Stadtkultur. Die Bauten am Stadtparkrand entziehen sich in der Momentaufnahme einer Beurteilung dazu. Wirkliches Leben ist am 'Planet Pfauengarten' nur unter erschwerten Bedingungen nachzuweisen. Tagsüber beweist immerhin Baulärm an den zwei noch fertigzustellenden Objekten das Vorhandensein von Menschen. Wie in unserem konkreten Fall, in der Dämmerung, wenn die Arbeiter nachhause gegangen sind, ändert sich das Bild rigoros. In den unteren, den Büroetagen, sind noch einige HeldInnen der Arbeit bei Überstunden zu sehen, darüber bleibt es finster. In den oberen Stockwerken ist der für das menschliche Auge zu sehende Anteil des Lichtspektrums nur in Kleinstmengen festzustellen. Zumindest überquerten während unseres halbstündigen Aufenthalts ein paar Jogger den Vorplatz. Ihr Grund, die Abkürzung zum Parkareal, der Durchbruch durch die alte Stadtmauer ist mittlerweile begradigt. Ein großer Schritt für die Menschheit ist der unebene, schottrige Weg dahinter aber auch noch nicht.

Vom Mond zum Mars in zehn Minuten. Heftig umkämpft war und ist auch der Hauptplatz von Graz. 2004 gab es eine erste Studie über die „Hauptplatz-Punks“, die sich rund um das Erzherzog-Johann-Denkmal ihr Tagesbüro einrichteten. Die Stadt fand keine anderen Lösungen, als einen Baum aufzustellen. Präziser, es wurden viele kleine Bäumchen rund um den Landesheiligen drapiert, wir erinnern uns. Es wurde ein Alkoholverbot am Platz ausgesprochen, außer man kauft ihn bei einem der zahlreichen Imbissstände und trinkt ihn dort im Nahbereich. Das treppen(aber)witzige Ergebnis war ein Verschub der Störfaktoren im christlich-sozial-ästhetischen Weltbild an den Rand des Platzes hin zu einem Billa-Geschäft und damit aber auch näher zum Gegenspieler, dem Rathaus. Gerade die Umgebung einer expansiven Lebensmittelladenkette erwies sich als Ort für die sozial Schwächeren, die Intentionen der Stadtregierung, öffentlichen Raum überordentlich und aufgeräumt zu präsentieren, zu unterlaufen.

„Uns schneit die Welt in Haus“ erklärte Johanna Rolshoven beim anschließenden Gespräch mit Kulturstadtrat Günter Riegler und Moderatorin und Forum-Stadtpark-Leiterin Heidrun Primas im MUWA. Für die Universitätsprofessorin am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der UNI Graz ist verständlich, dass Vieles, mit dem wir uns in den letzten Jahren zu konfrontieren hatten und haben, irritierend und verstörend ist. Unsere erste Reaktion, unsere Prägung, veranlasst uns, (noch) nicht greifbare Probleme in eine Richtung zu schieben, die zum bereits Erlernten passt. Rückzug ist sicherer, als etwas erst einmal Fremdes völlig neu zu verhandeln. Denn dazu bedarf es, intensiv in die Geschichte, eine Situation einzudringen. Und es braucht Räume, die Gedanken öffnen, die dazu einladen, Konflikte zu lösen.
Während Stadtrat Riegler vom Systemischen im Zusammenleben überzeugt ist, in dem eine oberste Instanz in Konflikten ein endgültiges und damit allgemein gültiges Urteil zu fällen hat, weist Rolshoven auf Sozialisationsprozesse hin, die jede Entwicklung begleiten: „Wir lernen erst nach und nach, uns als Städter zu bewegen“. Auch chaotische Zustände sind notwendiger Teil einer Stadtentwicklung. Der Zuzug der Migranten aus allen Teilen der Monarchie formte Wiens Einzigartigkeit. New York wuchs unter haarsträubenden Bedingungen von einer Provinzstadt zu einer Millionenmetropole im 19. Jahrhundert. Realer Raum fordert immer Systeme heraus.
Für die auch anwesende Akademie-Graz-Leiterin Astrid Kury ist gerade das, der Moment des Dialogs im Gegensätzlichen, die „Strahlkraft“ der kulturellen Praxis im Miteinander. Für Klaus Strobl, Bezirks-Vorsteher von Jakomini gehören regelmäßig durchgeführte Spaziergänge durch seinen Bezirk als ein wesentliches Instrument dazu. Er bemerkt auch, dass ein digitaler Raum im Gegensatz nur verminderten Dialog zulässt.
Ziemlich einhellig war die Meinung, dass öffentlicher Raum nicht nur von Konsum und Events geprägt sein soll. Rolshoven sieht in der „Schaufensterisierung“ der Innenstadt ein ständiges Absorbieren von Energie und Zeit. Die stereotype Gleichförmigkeit von Marken und Brands, die das Aussehen von so vielen innerstädtischen Fußgängerzonen gleichschaltet, sieht Riegler im Gegensatz nicht in Graz gegeben. Dennoch stört auch ihn die nie vorhandene Stille durch die permanente Bespielung des Hauptplatzes vorm Fenster seines Büros. Die abschließende Frage, wie er Wirtschaft und Kultur unter einen Hut bringt, beantwortet der Stadtrat, er will bestmöglichste Form und Bedingungen für beides schaffen. „Kunst soll sein, wie sie sein möchte“.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 09/11/2017

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Vom zusammen Gehen

Emil Gruber zur Veranstaltung Kommunikation Quo Vadis: Stadt des Zusammenlebens - Stadt der Kontrolle - Offene Stadt?gemeinsam vom Forum Stadtpark und dem MUWA organisiert und mit Ruth Eggel und Robin Klengel, Kulturantropologen, am 17. Oktober 2017 mit einem Stadtspaziergang und einer Diskussion mit Univ. Prof. Rolshoven und Kultur-Stadtrat Riegler durchgeführt.

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