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(118) Werkgruppe Graz, Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter, Präsentationsmodell, 1970

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Sonntag
Wie beeinflusste der Strukturalismus die 'Grazer Schule' der Architektur

Geht man von der Voraussetzung aus, dass der Strukturalismus die „Grazer Schule“ der Architektur beeinflusste, dann muss man fragen, welche strukturalistische Vorstellung zu welcher Zeit die „Grazer Schule“ beeinflusste und welche Ausprägungen diesen Einfluss zeigen. Diese Fragestellung ergibt sich dadurch, dass der Strukturalismus als Methode der Anwendung eines geistesgeschichtlichen Denkansatzes einerseits mehrere „Gesichter“ zeigte und andererseits die „Grazer Schule“ durch kein einheitliches formales Merkmal, wie Friedrich Achleitner ausführlich darlegte, gekennzeichnet ist.

Wir können nicht umhin, nach den Wurzeln des Strukturalismus als eines dominant europäischen Phänomens der Philosophie des 20. Jahrhunderts zu fragen. In der Sprachwissenschaft vollzog sich ausgeprägt ein „Paradigmenwechsel“ – der sich auch in anderen geistesgeschichtlichen Disziplinen abzeichnete – in der Überwindung der historisch bestimmten positivistischen Weltsicht.

Es erwies sich, dass Sprache letztlich ein „ästhetisches Phänomen“ ist, mit dem man zwar Sachverhalte abbilden kann, jedoch ohne Anspruch auf „Alleingültigkeit“ oder „Wahrheit“. Sprache ist für den Strukturalisten nicht nur ein Werkzeug der Verständigung, sondern Spiegel eines Bewusstseinsprozesses. Aus der theoretischen Grundlegung – auf Ferdinand de Saussure zurückgehend – ist erkennbar, dass strukturalistisches Denken sich nicht formal auf bestimmte architektonische Ausdrucksformen einengen lässt, dass daher die Vielfalt der „Grazer Schule“ nicht im Widerspruch zu einer charakteristischen Herangehensweise an architektonische Problemstellungen steht, die – das ist meine These – von einer „Grazer Schule“ zu sprechen erlaubt.

Dennoch, im Wort Strukturalismus – in der Architektur erst 1969 durch Arnulf Lüchinger einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht, doch vom Japaner Kenzo Tange schon zehn Jahre früher formuliert – ist der elementare Begriff der „Struktur“ enthalten. Er geht auf das lateinische Wort structura zurück, welches wieder vom Verb struo – schichten, aufbauen, ordnen – abgeleitet ist. Struktur wurde bereits in der Antike auf die Architektur bezogen, aber ebenso auf die Anatomie und Gesellschaft. Struktur also ist der Architektur immanent
und jedem Architekten und jeder Architektin geläufig als Schaffung eines einheitlichen Ausdrucks für vielfältige Funktionen. Wir brauchen nur an das Wohnen denken, das in der Wohnung nicht anders als strukturiert erfüllt werden kann.

Der Strukturbegriff durchzieht durch alle Zeiten die Wissenschaft, doch hat er im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert eine neue Bedeutung erlangt. Dennoch muss man fragen, wie der Begriff der Struktur über die Wissenschaft hinaus eine Philosophie prägte, die schließlich über den „kulturellen Strukturalismus“ zu einem „ideologischen Strukturalismus“ führte, der in der Nachfolge des Existentialismus gesehen wurde. Wenn heute von „Neostrukturalismus“ gesprochen wird, der auch die Architektur berührt, erscheint die Durchleuchtung des Phänomens sinnvoll.

Beim strukturalistischen Modell kann man zwei sich überkreuzende Achsen beobachten, eine räumliche und eine zeitliche. Die eine wird durch die Differenzierung in kollektive Form und individuellen Ausdruck, die andere durch die Unterscheidung von gleichzeitigen (synchronen) und ungleichzeitigen (diachronen) Zuständen eines Systems gebildet. Den Veränderungen in der Zeit kommt daher eine große Bedeutung zu. Mit einem Blick auf die Architektur sind „offene räumliche Systeme“ als geläufige strukturalistische Ausdrucksformen der experimentierfreudigen 1960er Jahre angesprochen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts näherten sich Biologen im Begriff des Organismus einem aus Elementen zusammenwirkenden System. Die Jahrhundertwende war die Zeit der Gestaltpsychologen in ganz Europa. Eine „Grazer Schule der Gestaltpsychologie“ hat in Christian von Ehrenfels einen wesentlichen Exponenten hervorgebracht, der mit seiner Interpretation der „Gestalt“ ein Tor von der Logik zur Ästhetik aufstieß.

Der deutsch-amerikanische Psychologe Rudolf Arnheim hat in seinen Arbeiten nachgewiesen, dass die visuelle Wahrnehmung des Menschen immer einen geistigen Akt darstellt, der das Wahrgenommene zu Sinngestalten organisiert. In Übereinstimmung mit dieser These postulierte der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss, dass den Ausdrucksformen jeder Kultur Strukturen innewohnen, die es zu erkennen gilt. Auf Studienreisen zu Naturvölkern in Südamerika hatte er erkannt, dass deren gesellschaftliches Leben und die Gliederung der Dörfer auf Mythen beruhen, die einen festen Bestandteil ihres Lebens darstellen. Er sprach, strukturalistischer Diktion folgend, von der „Struktur der Mythen“. Damit schuf er das „Gelenk“ zwischen den unanschaulichen sprachlichen Strukturen und der „sichtbaren Realität“, die sich auch als Architektur darstellt. Kurz darauf, 1964, erschien das ebenso Aufmerksamkeit erregende Buch von Bernard Rudofsky, Architecture Without Architects, das jene „Archetypen des Bauens“ zeigte, die kulturübergreifend die Architektur inspirieren können.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte die in den USA im Zuge der Kriegsführung entwickelte Kybernetik auf Europa zurück und erweiterte – durch die Regelkreishaftigkeit beflügelt – die systembezogenen Wahrnehmungsmuster zu einer allgemeinen Kommunikationstheorie.

Der ab 1964 an der Technischen Hochschule Graz lehrende Ferdinand Schuster konfrontierte in seinen Sondervorlesungen „Architektur als Medium“ erstmals die „Grazer Schule“ mit diesen Gedanken, wobei er auf den Amerikaner Charles Sanders Peirce zurückgriff. Sein strukturalistisch inspiriertes triadisches Interpretationsmodell (Triangel) mit Zeichen, Objekt und Interpretanten wandte er exemplarisch auf die Architektur an und versuchte, eine Logik des Entwerfens darzustellen. Diese entsprach, stark sozial durch die Biografie geprägt, seinem Architekturverständnis.

Versuchen wir nun, die „Grazer Schule“ nur umrisshaft soweit darzustellen, dass Einflüsse des Strukturalismus erkannt werden können, ist zunächst eine zeitliche Einordnung notwendig. Erstmals taucht der Name der „Architekturschule Graz“ 1951 in einer Publikation auf, die Folge einer 1949 ausgesprochenen Einladung zu einer Ausstellung von Studentenarbeiten am MIT (Massachusetts Institute of Technology) war. Mit diesem Schritt wurde eine Bewusstseinserweiterung vollzogen, die die „Schule“ mit einer Identität ausstattete, die über Graz hinaus einer Internationalisierung gleichkam. Seit Mitte der 60er Jahre haben ArchitektInnen in verschiedenen Kooperationen (Forum Stadtpark, Zentralvereinigung der Architekten etc.) ihre Projekte der Öffentlichkeit präsentiert und sind mit dieser in Dialog getreten. 1984 erschien zu einer Ausstellung ein Katalog, der mit Architektur-Investitionen – Grazer „Schule“ betitelt war und 17 ArchitektInnen vereinigte.

Friedrich Achleitner führt in einem 1993 verfassten Text Gibt es eine „Grazer Schule“? vier Gruppen von ArchitektInnen an, die ihm als charakteristisch erscheinen:

1. Eine funktional, sozial und bautechnisch orientierte Gruppe, die bewusst eine Tradition der Moderne suchte und fortsetzte.
2. Eine mit der Situation vielfältig verwobene „Fraktion“, die schwer abgrenzbar ist. Sie ist expressiv ausgerichtet. Ihr werden Haltungen wie sozialkritisch, anthropologisch, ökologisch bis regionalistisch zugeschrieben.
3. Die urbanen und technischen Utopisten, die Revoluzzer aus den Zeichensälen, aus denen sich zunehmend Mitglieder der nach außen wirkenden „Grazer Schule“ rekrutieren.
4. Schließlich die Individualisten, die „den Nullpunkt von Entwicklungen, von Gedanken, Bildern und Träumen in sich selbst suchen“.

Zusammenfassend bemerkt Achleitner, dass im Unterschied zu Wien, das einem „historischen Universalismus“ anhing, Graz jede mögliche Antiposition zu einem geschlossenen Architekturbegriff bezog. Zugleich aber stellt er fest, dass ein Realisierungsdruck jener „Tagträume“ feststellbar ist, der konkrete Ansatzpunkte in einem urbanen Kontext suchte. Aus diesen Äußerungen eines fundierten Architekturkritikers ist erkennbar, dass eine „Grazer Schule“ formal oder inhaltlich nicht in dem Maß bestimmbar war, wie beispielsweise in den 1920er Jahren eine frühe Moderne bekennerhaft ihre Ideen einer „Neuen Sachlichkeit“ vertrat.

Verfasser / in:

Eugen Gross
TU Graz - Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften

Datum:

So. 24/03/2013

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Infobox

Der Essay wurde der Publikation "Was bleibt von der "Grazer Schule"? Architektur-Utopien seit den 1960ern revisited" (S.214-225), die 2012 von Anselm Wagner und Antje Senarclens de Gracy im Jovis Verlag herausgegeben wurde,  mit freundlicher Genehmigung des Verlags sowie von Anselm Wagner und Eugen Gross zur Wiederveröffentlichung auf www.gat.st entnommen.

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