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Wettbewerb Wohnen Grünanger, Graz, 1. Preis
Architektur: hohensinn architektur, ©: Roland Heyszl

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WB-Entscheidung
Wohnen Grünanger, Graz

Die Stadt Graz, vertreten durch die Stadtbaudirektion / Referat Hochbau, hatte im Zeitraum Oktober bis Dezember 2016 einen geladenen, einstufigen Realisierungswettbewerb unter sieben TeilnehmerInnen für den Neubau von ca. 60 Wohneinheiten in der Grünangersiedlung in Graz-Liebenau durchgeführt. Ziel des Verfahrens war die behutsame Nachverdichtung des über Jahrzehnte gewachsenes Siedlungsgebiets Grünanger, die in der Nachkriegszeit errichtet wurde. Architekt Hubert Rieß realisierte hier bereits 2006 das vielbeachtete Projekt Ökosozialer Wohnbau am Grünanger (s. Link rechts).
Im Wettbewerbe sollte die städtebauliche Bearbeitung des Gesamtquartiers zwischen Theyergasse – Andersengasse – Pichlergasse erfolgen und Konzepte für neue Wohneinheiten im südwestlichen Realisierungsteil (rot umrandet im Bild Lage) inklusive Kostenermittlung erarbeitet werden. Die städtebauliche Bearbeitung des Nicht-Realisierungsteils sollte auf Basis des Bebauungs- und Freiraumkonzepts des Realisierungsteils erfolgen. Das Ergebnis dieser städtebaulichen Bearbeitung wird Grundlage für die Erstellung des Bebauungsplans des Gesamtquartiers.
Das Motto des Wettbewerbs war Das Dorf in der Stadt.

Wettbewerbsergebnis
Die Jury hat in ihrer Sitzung vom 14. Dezember 2016 unter dem Vorsitz von Arch. DI Gerhard Sailer, architekturbüro HALLE 1, Salzburg aus den sieben eingereichten Projekten folgendes Ergebnis erzielt:

  • 1. Preis: Hohensinn Architektur, Graz
  • 2. Preis: Tritthart + Herbst Architekten, Graz
  • 3. Preis: Nussmüller Architekten, Graz

Weitere TeilnehmerInnen

  • HoG Architektur, Graz
  • Arch. DI Gerhard Mitterberger, Graz
  • Arch. DI Dr. Georg Plankensteiner, Graz
  • röthl architektur, Leoben

Jury-Beurteilung 1. Preis
Prägende Entwurfsidee ist die Ausbildung einer erweiterten Siedlungsstruktur, welche das Vorhandene respektiert, die bisher im Areal gelebten Wohnformen in Anpassung an die neuen Vorgaben und Erwartungshaltungen weiter entwickelt und, um die hohen Ziele des gemeinschaftlichen Lebens angereichert, zu einer neuen Identität führt.
Ausgangspunkt der städtebaulichen Intervention ist (wiederum) das „einfache Haus“ mit klarem, rechteckigem Grundriss, konstruiert aus tragenden Außenwänden und tragenden Wohnungstrenn- und Mittelwänden. Diese Einzelhäuser werden zu Höfen gruppiert, in die die Gemeinschaftsflächen integriert sind. Durch das Verbinden dieser Angerflächen mit Dorfplatzfunktion über ein internes Wegenetz, entsteht ein offenes Geflecht mit differenzierten Raumfolgen von Öffentlich über Halböffentlich zu Privat. Jede Wohnung hat ihren eigenen Zugang, der über private Vorgärten an diese Angerflächen angebunden ist. Überschaubarkeit, nachbarschaftliche Nähe bei gleichzeitiger Privatheit, Maßstäblichkeit und Anreize zur Kontaktnahme sind charakteristische Merkmale des Entwurfs. Die zu erhaltenden Bestandhäuser sind selbstverständlich in den Entwurf integriert. Die Möglichkeit der etappenweisen Errichtung ist schlüssig.
Die einzelnen Häuser sind an den Schmalseiten durch Verandazonen in Leichtbauweise gefasst. Diese übernehmen Erschließungsfunktionen, beinhalten Kellerersatzräume und bieten gut nutzbare Freibereiche sowie Eingangsvorzonen für die Wohnungen in den Obergeschoßen. Die Fassadendurchbildung der Veranden in Form von hölzernen Rankspalieren stellt atmosphärische Bezüge zur derzeit auffindbaren individuellen „Ausrüstung“ der feinen Siedlung mit Leichtarchitektur her.
Die Grundrisse sind überzeugend organisiert und nutzungstauglich, gut belichtet und besonnt. Jeder Aufenthaltsraum kann verschiedene Funktionen übernehmen, wodurch eine gute Anpassbarkeit an die unterschiedlichen  Bedürfnisse der Bewohnerinnen gewährleistet ist. Die Entscheidung des/der VerfasserIn zu unterschiedlichen Dachformen als Flach- oder Satteldach führt zu einer erhöhten Unterscheidbarkeit der Objekte und zu einer guten Identifikation bzw. Adressbildung.
 Den privaten Gärten und Freibereichen ist in gleicher Weise, wie den halböffentlichen gemeinschaftlichen Bereichen Aufmerksamkeit gewidmet. Ein hohes Maß an Aneigenbarkeit ist gewährleistet. Das in der Projektbeschreibung dargelegte, hohe soziale Engagement des/der VerfasserIn und die aufgezeigte Treffsicherheit in der Umsetzung der Vorgaben der Auslobung finden bei genauer Prüfung der Planunterlagen und des Modells ihre Entsprechung und legitimieren das Projekt für die Zuerkennung des ersten Preises.
Soziologie
Das Motto des Wettbewerbs Das Dorf in der Stadt wurde in diesem Beitrag sehr gut umgesetzt. Die Wohnungsgrundrisse zeichnen sich durch eine hohe Nutzungstauglichkeit aus. Ein Dorfplatz bildet jeweils ein Zentrum, um das sich die Gebäude gruppieren. Die klare Differenzierung zwischen privaten, halböffentlichen und öffentlichen Flächen trägt zur Konfliktvermeidung bei. Der Zugang zum gemeinschaftlichen Anger ist von allen umgebenden Wohnungen relativ gleichwertig gegeben. Der Anger wird als wesentliche Ressource zur Nachbarschaftsbildung gesehen.
 Die direkt zur Wohnung bzw. Wohnungserschließung der oberen Geschoße zugeordneten privaten Grünflächen erhöhen die Identifikation und Qualität. Die nutzbaren Freiräume in den oberen Geschoßen bieten eine zusätzliche Qualität. Durch die unterschiedlichen Gebäudetypen und die Stellung dieser zueinander, wird eine Adressbildung ermöglicht. Darüber hinaus wurde sehr gut auf Aspekte der Gedenkkultur eingegangen.
Grünraum
Positives Verhältnis der privaten und halböffentlichen Flächen. Eine Reduzierung der versiegelten Fläche ist anzustreben. Rücksichtnahme auf den erhaltenswerten Baumbestand ist teilweise erfolgt. Die erhöhten Baumeinfassungen sind aus Sicht des Grünraums problematisch, prinzipiell sollen sich die Baumstandorte möglichst in gewachsenen Grünflächen befinden. Die bestehenden Bäume, vor allem im Bereich der Parkplätze, werden voraussichtlich nicht erhalten werden können.
Verkehr
Die Planung weist eine sehr gute Ausstattung mit Durchwegungen auf. Eine Verbringung der Oberflächenwässer von Straßen- und Parkplatzbereichen muss gewährleistet sein. Die Höhenlage der Grünflächen (z.B. Baumstandorte) und der geplanten tieferliegenden Flächen ist ebenso auf die Anforderung der Verbringung der Niederschlagswässer (Straßenoberflächhenwässer, befestigte Flächhen, ...) abzustimmen. Bestehende Durchwegungen und Erschließungswege werden partiell bebaut. Bei der geplanten abschnittsweisen Errichtung muss auf die Aufrechterhaltung der Erreichbarkeit bestehender Gebäude geachtet werden.
 Die Anzahl der Radabstellplätze muss entsprechend der Vorgaben angepasst werden. Eine Verschiebung der Parkplätze nach Osten ist zu prüfen.

Jury-Empfehlungen
Das Preisgericht empfiehlt der Auftraggeberin, das siegreiche Projekt unter Berücksichtigung der unten angeführten Punkte zur Grundlage des zu erstellenden Bebauungsplanes und der darauf aufbauenden Realisierung zu machen:
– Das Verhältnis der befestigten Freiflächen des internen Wegenetzes sollte zugunsten von begrünten Flächen verbessert werden.
– Das Fahrradstellplatzangebot ist entsprechend der Vorgaben anzupassen.
– Die Möglichkeit einer nachträglichen Errichtung eines Lifts bei den 3-geschoßigen Häusern ist sicherzustellen.
– Bei der Errichtung der PKW-Abstellplätze ist auf die bestehende Baumreihe westlich des Hauptsammlers Rücksicht zu nehmen.

Die Ausstellung der Wettbewerbs-Beiträge läuft bereits:
 
Ort:
Bauamtsgebäude, Europaplatz 20, 8010 Graz
Stadtbaudirektion, OG5 – Foyer

Zeit:
bis 20. Oktober 2017, Mo-Fr. 7:00-16:00 Uhr

Verfasser / in:

Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich

Datum:

Do. 05/10/2017

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Kommentare

Ein paar Fragen bleiben auch hier offen

Mangelnde Transparenz auch hier, daher einige Fragen mit dem Aufruf an die Stadt als Auslober, diese zu beantworten.
1. Warum wurde Hubert Rieß nicht zum städtebaulichen Wettbewerb eingeladen, obwohl er an genau dieser Stelle schon seinerzeit die vorbildlichen, international beachteten neuen Siedlungshäuser der Grünangersiedlung geplant hat?
2. Um welche Art von Wohnraum handelt es sich? Um Gemeindewohnungen, die die Stadt selbst errichtet oder durch eine Wohnungsgenossenschaft errichten lassen wird? Um geförderten Wohnungsbau? Um Mietwohnungen, die nach Bedarfszuordnungen vergeben werden?
3. Warum wurde der Wettbewerb erst jetzt bekanntgemacht und erst jetzt ausgestellt, obwohl die Jury bereits im Dezember 2016 tagte und das Ergebnis seit damals bekannt ist? Hat es etwas damit zu tun, dass man den Eindruck/das Signal vermeiden wollte, dass mit Baubeginn/Rodung des Gebiets für das Kraftwerk und den geplanten städtischen Erholungsraum angrenzende Areale als Wohngebiet für Investoren aufgewertet werden (siehe Offener Brief Steinegger)?
4. Wurde das Büro Hohensinn sozusagen als Kompensation eingeladen, weil es schon in der Nähe (direkt am Ufer) einen Wohnungsbau für einen privaten Investor entwickelt und geplant hat, der so - direkt am Ufer - jetzt, nach der medialen Aufmerksamkeit und der Beteuerung der Stadt, dass in Ufernähe keine neuen Wohnquartiere geplant sind, nicht mehr kommen kann?
Wie wär's, wenn sich die Stadtplanung zu all den Gerüchten, Mauscheleien und Assoziationen um die Areale in Nähe der Staustufe und des Erholungsgebiets einmal öffentlich äußern würde? Erklärungsbedarf ist gegeben, wenn man alles nur häppchenweise, nur auf Nachfrage und in großen Abständen bekanntmacht.

Infobox

Wettbewerbsergebnis
Wohnen Grünanger, Graz

Ausloberin
Stadt Graz

Den geladenen, einstufigen Realisierungswettbewerb unter sieben TeilnehmerInnen hat Hohensinn Architektur gewonnen.

Auftraggeberin
Stadt Graz - WOHNEN GRAZ, 8011 Graz, Schillerplatz 4

Ausstellung bis
20. Oktober 2017
Mo-Fr. 7:00-16:00 Uhr

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